Mentorpreis by A&W 2004 Thomas Heatherwick

Ron Arad (A&W-Designer 2004) nominierte Thomas Heatherwick fü den Mentorpreis by A&W, weil der so spektakuläre Möbel und Räume schafft wie sein Mentor. Und Recht hatte er: Heute zählt Heatherwick zu den bedeutendsten Designern Großbritanniens.

Träge erhebt sich ein Ende der vielgliedrigen Fußgängerbrücke am Ufer des Londoner Basin. Das Bauwerk reckt und streckt sich wie gerade erwacht und richtet sich langsam auf, bis es senkrecht in den Himmel ragt. Dann krümmt es sich und rollt sich wie der Schwanz eines Skorpions zusammen. „Herkömmliche Zugbrücken“, sagt der 34-jährige Londoner Designer Thomas Heatherwick, „haben nur eine Identität, wenn sie heruntergelassen sind. Hochgeklappt stehen sie bloß nutzlos in der Gegend herum und versperren einem die Sicht.“ Seine Version ist im zusammengerollten Zustand ein Objekt, das Neugierde weckt – als Kunstwerk oder technische Studie. Noch bewegt sich die Konstruktion nur auf dem Bildschirm. Thomas Heatherwick, ein schlaksiger, freundlich blickender Typ mit Lockenmähne und Drei-bis-Viertagebart, sitzt mit leuchtenden Augen vor dem Monitor und bestaunt die Animation. „Ich platze vor Vorfreude auf den Tag im Sommer, an dem ich mein Werk in der Wirklichkeit erleben kann“, sagt er. Die Zugbrücke ist wie die meisten seiner Arbeiten gleichzeitig Architektur, Skulptur und Design, das Funktionen erfüllen muss, „öffentliches Design“, wie er seine Arbeiten nennt.

„Am besten gefällt mir die Brücke, wenn sie sich nur leicht vom Boden erhoben hat und so verharrt“, erzählt Thomas Heatherwick und grinst schelmisch. „Das irritiert die Leute und macht sie aufmerksam.“ Dabei muss sich der Jungstar um Beachtung keine Sorgen mehr machen. Schon das erste öffentliche Projekt wurde zum Stadtgespräch: Für das Nobel-Kaufhaus Harvey Nichols entwarf er 1997 die Schaufensterdekoration anlässlich der London Fashion Week. Wie ein riesenhafter Wurm wandt sich ein 200 Meter langes Element aus Holz durch die Auslage, trat aus der Front heraus, kletterte bis zu zehn Meter in die Höhe, um dann ins nächste Fenster einzudringen und sich seinen Weg durch die Ausstellung zu bahnen. „Autumn Intrusion“ nannte Heatherwick sein Werk, und dieses „herbstliche Eindringen“ schien sich nicht nur auf die Schaufenster zu beziehen, sondern auch auf seine Eroberung der Londoner Designszene.

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Autor:
Jan van Rossem
Fotograf:
John Davis