A&W Designer des Jahres 2008 Tom Dixon

Er ist neugierig, er ist clever, er ist Autodidakt: Der Londoner Tom Dixon hat ein sicheres Gespür für Trends und die Bedürfnisse der Designszene. Und er ist äußerst kreativ, seine Produkte in ganz normale Haushalte zu bringen. Tom Dixon ist der A&W-Designer des Jahres 2008.

1. Der Unfall

Wer weiß, was heute von Tom Dixon zu hören wäre, hätte er damals im Jahr 1982 auf seinem Motorrad nicht nach der hübschen Lady am Straßenrand geschielt. Der Bruchteil einer Sekunde Unaufmerksamkeit hat den damals 23-Jährigen vielleicht eine Weltkarriere als Pop-Musiker gekostet. Er verlor das Gleichgewicht und schrammte mit seiner BMW RS69S über den Asphalt. Nach dem Crash war an Bassspielen nicht zu denken. Der Arm war gebrochen. Die anderen Bandmitglieder mussten für die anstehende Tournee kurzfristig Ersatz suchen. „Leider spielte der besser als ich“, gibt Dixon zu. Kein Wunder, dass die „Funkapolitans“ das Ursprungsmitglied auch mit auskuriertem Arm nicht wieder zurück haben wollten. Dixons Musikerkarriere war beendet, bevor sie richtig begonnen hatte. Andererseits: ein Glück für die Designwelt.

2. Der Spassfaktor

Dixon jobbte, nachdem die Blessuren verheilt waren, in der Londoner Nightclubszene, er wurde Veranstalter von angesagten Partys in den ausgedienten Lagerhäusern. Wieder ein Glücksfall für das Design. Denn tagsüber hatte er viel Zeit, die er irgendwie totschlagen musste. Das tat er, indem er in der Garage eines Freundes an Motorrädern herumschraubte. Nebenbei sammelte er Schrott, den er in der Werkstatt zu Objekten zusammenschweißte. Just for fun. Mit dem reinen Spaß war es vorbei, als Dixon merkte, dass Leute bereit waren, für seine Kreationen Geld auszugeben. Von da an verschrieb er sich der Designerlaufbahn.

3. Der Deal

„Mich interessiert sehr die kommerzielle Seite des Designs“, erklärt Tom Dixon. „Es hat mich fasziniert, aus den Sachen, die ich auf der Straße gefunden und zusammengeschweißt habe, Geld machen zu können. Ich kam mir vor wie ein Alchemist, der Metall in Gold verwandelt. Mich interessiert am Design eben nicht nur die Formgebung, sondern der gesamte Prozess: die Idee, die Fertigung, die Logistik, die Distribution.“

4. Die S-Kurve

Es dauerte nicht lang, bis der für seine Spürnase berühmte italienische Designunternehmer Giulio Cappellini auf den jungen Kreativen aufmerksam wurde und ihm erste Aufträge gab. Mit Entwürfen für Cappellini und Moroso, eine weitere italienische Avantgardemanufaktur, erlangte Dixon schnell internationale Aufmerksamkeit. Es entstanden das Systemsofa „Serpentine“, die einprägsame Chaiselongue „Bird“, die Stuhlskulptur „Pylon“, die sich am Konstruktionsprinzip von Brückenträgern orientiert –, und sein wohl bekanntestes Objekt, der ursprünglich mit Stroh bezogene „S-Chair“, der eher zum Bestaunen als zum Besitzen geeignet ist. Doch der „S-Chair“ wurde zur Ikone des 90er-Jahre-Designs. Und Tom Dixon hatte den Aufstieg in die A-Liga des Designs geschafft.

5. Die Firma

Tom Dixon ist eine lässige Erscheinung: groß, immer ein wenig unfrisiert, zum Interview erscheint er in einem braun-grünen Anzug, Hemdkragen über dem Revers, spitze Schuhe, very british, very stylish. Sein Studio hat er seit drei Jahren in zwei Etagen einer alten Filmprojektorfabrik im Londoner Citybezirk Holborn. 22 festangestellte Mitarbeiter arbeiten emsig für die Kollektion „Tom Dixon“; zwei, drei Männer, sonst nur junge Ladys.

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Autor:
Jan van Rossem
Fotograf:
Giovanni Castell