A&W Designer des Jahres 2003 Ulf Moritz

Er zaubert und bezaubert. Mit Ananasfasern und Metallfäden, mit Rosshaar und Seide. Er kreiert Stoffe, die mit dem Licht spielen, Gewebe, die Gefühle wecken. Ulf Moritz ist der Champion der Textilentwerfer. Und er ist der A&W-Designer des Jahres 2003.

Spindeldürre Kupferdrähte und schwarze Leinenfäden schlängeln sich um Büschel von Pferdehaaren. Hauchdünne Seidenkringel flirren in der Luft. Schwarze Glasperlchen tanzen auf transparentem Fond. Den meisten Menschen fehlen die Worte, wenn sie die textilen Kreationen des Ulf Moritz bestaunen. Er sagt dazu „Stöffchen“. Und wie er das sagt: abwertend, stolz, bitter, glücklich, überschwänglich, ironisch, liebevoll. Alles in einem Wort. Seinem Hauptwort. Es spiegelt sein Wesen und Werk voller Widersprüche in allen Facetten wider. Er ist selbstbewusst, braucht aber Anerkennung. Seine Kreationen sind avantgardistisch, aber er wünscht sich, dass jeder sie haben will. Man sagt, Ulf Moritz sei ein künstlerischer Designer. Findet er nicht. „Ich bin ein Industriedesigner“, darauf besteht er.

„Was soll ich über meine Stöffchen erzählen?“ Ulf Moritz sieht sich Hilfe suchend um. „Eigentlich sind Stoffe doch ganz unwichtig“ (das erste Wort betont), „sie sind nicht dreidimensional, sie brauchen einen Kontext.“ Einen Raum zum Beispiel. „Ich will nicht nur haptisch neue Erlebnisse schaffen. Ich denke an die Atmosphäre, stelle mir den Raum vor.“ Jetzt ist er in seinem Element. „Meine Stoffe sollen glühen, luftig wirken, Bewegung in den Raum bringen, ihn beleben, verändern, erneuern.“ Jedes Experiment mit neuen Materialien hat im Prinzip den gleichen Zweck. Die Stoffe müssen dem Raum schmeicheln. „Das ist wie mit der Mode. Die muss erreichen, dass man sich neu präsentieren will, dass man wirken will.“ Pause. „Ist das okay? Dann schreiben Sie das.“

Es ist Mittag. Und mittags sitzt Ulf Moritz immer im „Moko“, einer Designerbar in der alten schwedischen Holzkirche von Amsterdam, jenseits der Prinsengracht, gleich schräg gegenüber von seinem Atelier. „Hier telefoniere ich und halte Hof“, sagt er. Er lacht. Obwohl das Bild gar nicht so abwegig ist. Der König der Stoffe und gleichzeitig der Narr, der immer das Unmögliche versucht und dem es immer wieder gelingt. Ein Zauberer, der Pferdehaare mit Metallfäden verweben lässt, der Stoffe durchlöchert, schlitzt, kräuselt und rüscht, der Textilien immer wieder neu erfindet, sie leben und erlebbar werden lässt. Er bestellt Brot mit Tomate und Mozzarella und ein Gläschen Rosé. „Nehmen Sie den Salat mit Entenbrust! Sie mögen doch Fleisch? Ganz kross, vom Chinesen nebenan.“ Er kennt die Karte. Danach ein Dessert, typisch holländisch, Schokoladentorte mit Pistazieneis. Schließlich lebt er seit den 60er-Jahren in Amsterdam. „Ich bin damals hierher gekommen und hängen geblieben. Das war eine tolle Stadt, weil sie nichts von einem forderte. Hier hatte man schon damals die Freiheit, sein zu können, wie man ist. Hier muss man nichts für sein Prestige tun, man braucht kein tolles Studio, kein Auto.“ Ulf Moritz hat nicht mal ein Fahrrad. „Wahrscheinlich bin ich der einzige Amsterdamer ohne Fahrrad.“

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Autor:
Jan van Rossem
Fotograf:
Tom Nagy