Praktiker und Philosoph Möbeldesign von Sven Temper

Alles will der Berliner Sven Temper sein, nur kein Designer. Dennoch baut er raffinierte Möbel. Inspirationen holt er sich aus der Kunstgeschichte – mal von Prouvé, mal von Runge.

Die Sonne durchflutet den Raum, Holzstaub tänzelt im Licht. Ein Hinterhof in Berlin-Moabit. Neben der Werkbank häufen sich Holzspäne, lose Schrauben und Nägel, an der Wand hängt eine Spanplatte mit Farbmustern von Resedagrün bis Steingrau. Sehr pittoresk und gleichzeitig sehr ordentlich. Holzlatten liegen akkurat geschichtet nach Sorte – Erle, Esche, Eiche – auf dem Boden. Es könnte der Arbeitsraum eines Schreiners sein, aber auch das Atelier eines Künstlers oder die Modellwerkstatt eines Designers. Es ist all dies, weil Sven Temper all dies ist. Aber es hat lange gedauert, bis er wusste, was er will. Er begann mit einer Tischlerlehre, malte nebenbei, studierte schließlich Kunst. Das gibt ihm heute die Möglichkeit, je nach Projekt seine eigenen Wege zu gehen.

„Konstruierte Empfindung – Beobachtbare Zeit“ hieß zum Beispiel eine ambitionierte Ausstellung im Kunsthaus Hamburg, für die er das „Rungezimmer“ gestaltete. Der Ausgangspunkt dafür: „Die Zeiten“, eine über zweihundert Jahre alte Grafikserie, die der romantische Maler Philipp Otto Runge als Wandverzierung entworfen hat. Sven Temper nutzt sie für etwas ganz anderes: als Vorlage für Möbel. Eine dieser Zeichnungen, „Der Tag“, zeigt eine Frau mit vielen Kindern; Getreide, Blumen, ein Teich rahmen die Szene ein, überwölbt von hängenden Blüten, über allem schwebt, wie ein Heiligenschein, ein Reif aus Rosetten. Sven Temper übernimmt aus dem Kupferstich-Blatt nur die geometrischen Kraftlinien. Der Reif wird zu einer runden Platte in Untersicht, die Blüten reihen sich zu Tischbeinen. Mit dem gleichen System nimmt er sich die weiteren Motive vor: Symmetrie und grafische Grundstruktur herauslösen und in die dritte Dimension verwandeln. Aus Runges „Zeiten“ werden so Schritt für Schritt reale und funktionale Objekte – „Der Morgen“ zur Garderobe, „Der Tag“ zum Tisch, „Der Abend“ zum Regal, „Die Nacht“ zur Liege.

Stilistische Verfremdungen sind es, die auch heute die Arbeit in Sven Tempers Werksatt „tempermöbel“ ausmachen. Dort stehen minimalistische und schlichte Objekte, die aber nicht aalglatt sind. Schraubenköpfe, die unter Sesselarmlehnen hervorgucken, sind keine Produktionsfehler, sondern Elemente der Gestaltung, kleine Konstruktionsmittel, die er bewusst in den Vordergrund stellt. „Viele Designer würden solch ein Möbel als fehlerhaft betrachten“ – er dagegen kombiniere gerne „das Perfekte mit dem Unperfekten.“ So entsteht ein echter Temper. Für ihn ist der Weg zum fertigen Möbel ebenso wichtig wie das Endprodukt mit seinen einzelnen Teilen. In seiner Werkstatt blicken lackierte Armlehnen und Stuhlbeine unter Folien hervor, als wollten sie noch schnell ihre eigene kleine Geschichte erzählen, bevor sie irgendwann nur noch Teil eines großen Ganzen sind – eines Stuhls, eines Regals oder einer Lampe.

Wahl-Berliner Temper, 49, baut heute ohne historische Vorlagen, er hat aber keine Angst vor Designgeschichte und zitiert legendäre Collagisten wie Jean Prouvé und Gerrit Rietveld. Beim Zusammenbauen mag er eine Art Dialog mit der Geschichte des Materials. „Wenn ich bestimmte Werkstoffe verwende, dann sollte ich wissen, welche Funktion sie haben“, sagt er. Gezielt setzt er dann zum Beispiel Inbus- oder Kreuzschlitzschrauben ein und entwickelt Unikate aus Stahlrohren oder farbigen Hölzern. Selbst bei der Planung von Räumen funktioniert das tempersche System. Als Freunde ihn um Einrichtungshilfe für ihre Küche baten, zerlegte er Möbel, die sie über Jahre hinweg gesammelt hatten, um sie dann wieder zusammenzusetzen – aber nicht in ihrer Ursprungsform, sondern als Raumcollage aus verschiedenartigem Material: verzierte Möbelfüße, schlichte Holzknöpfe oder Schubladengriffe aus Kunststoff.

Eine antiquierte Hängevitrine hat er dem Wortsinn getreu aufgemöbelt, indem er ein sachliches Schrankelement hineinsetzte, ihre runden Formen bekommen dadurch Ecken und Kanten. Kein Möbelstück ähnelt dem anderen. Und trotzdem ist es eine normale Küche. Eine von Sven Temper.

 

Autor:
Christina Poppe
Fotograf:
Regina Recht