Polen Hier punktet Polen

Im Sommer zur Fussball-Europameisterschaft werden viele Fans nach Warschau reisen. Die wahre Schönheit der Stadt werden die Meisten leider nicht sehen. Die hat A&W in der Geschichtsträchtigen und wieder aufstrebenden Trend-Metropole aufgespürt.

Schön ist etwas anderes. Wer durch das Zentrum der polnischen Hauptstadt streift, sieht eher das Gegenteil: Balkonlose Häuserfronten in sozialistischem Einheitsgrau werden unvermittelt unterbrochen von Häusern in viel zu postmodernen rauschhaften Farborgien, so, als sei durch völlig verplante Planwirtschaft die für die gesamte Straße gedachte Farbe an einer Hauswand gelandet. Wie bei dem nicht einmal augenzwinkernderweise vorzeigbaren Baukörper des Hotels Sobieski von Hans Piccottini aus dem Jahr 1992.

Schön finden nicht einmal die Polen selbst ihre Städte. In einer Umfrage, die der Verband polnischer Architekten 2005 in Auftrag gegeben hatte, befürworteten 85 Prozent die Notwendigkeit neuer Vorschriften, um Bauten unter ästhetischen Gesichtspunkten zu genehmigen. Von mehr oder weniger missglückten Neubauten aus den ersten beiden Jahrzehnten der Nachwendezeit ist auch Warschau heimgesucht worden.

Dass die Hauptstadt architektonisch nicht besonders einnehmend ist, stimmt nur auf den ersten Blick. Schaut man genauer hin, entdeckt man durchaus die eine oder andere architektonische Perle, viele von ihnen praktischerweise aufgereiht wie an einer Kette, genauer gesagt an den Gleisen der staatlichen Eisenbahn. Ziemlich genau von West nach Ost durchschneiden die Gleise die Warschauer Innenstadt. In der Mitte, wie es sich gehört, liegt der für die Fußball-Europameisterschaft frisch renovierte Hauptbahnhof „Centralna“. Die Aufhübschung war dringend nötig. Wenn man es genau nimmt, schon kurz nach seiner Eröffnung im Jahr 1975. Das lag vor allem daran, dass das Gebäude statt der eigentlich veranschlagten sechs Jahre Bauzeit in gut der Hälfte der Zeit fertiggestellt werden musste. Der neue Erste Sekretär der Polnischen Arbeiterpartei Edward Gierek hatte beschlossen, das damalige Prestigeobjekt pünktlich vor dem 7. Parteitag seiner PVAP einzuweihen, zu dem sich eine Delegation der Kommunistischen Partei der Sowjetunion unter Leitung von Leonid Breschnew angekündigt hatte. Von Breschnew war bekannt, dass er die Eisenbahn dem Flugzeug vorzog.
 

Architektur-Highlights: Die Bahnhöfe


Leicht angeheitert, so ist überliefert, stieg der Vorsitzende der KPdSU bei der Ankunft in „Centralna“ aus dem Zug. Nicht überliefert ist, ob der neue Bahnhof Eindruck auf ihn machte. Verdient hätte er es gehabt. Er galt nicht zu Unrecht als der modernste Bahnhof Europas, dessen Bahnsteige und Gleise von der großen Halle aus nicht zu sehen sind. Der Verkehr wurde in den Untergrund verlegt. Die gläserne Halle ist bedeckt von einem zu beiden Längsseiten auskragenden Betondach, das im Profil einer stilisierten Eisenbahnbrücke nachempfunden wurde. Die Architekten Arseniusz Romanowicz und Piotr Szymaniak zeichneten für diesen markanten, in der weitläufigen offenen Innenstadt weithin sichtbaren Entwurf verantwortlich. Ganz zufrieden waren sie selbst allerdings damit nicht. Zu oft mussten sie nach Parteitagsbeschlüssen ihre Entwürfe den jeweiligen Strömungen des sozialistischen Realismus anpassen.

Viel freier waren sie in der Gestaltung zahlreicher Eingangsgebäude und Bahnsteigüberdachungen an den benachbarten Stationen. Hier haben sie moderne, geradezu futuristische Zeichen gesetzt, etwa mit dem gestreiften, quadratischen, in der Diagonalen durchhängenden Dach der Station „Warszawa Ochota“ oder dem Dach über den Treppen zur Metrostation des Hauptbahnhofs, das der Form eines hyperbolischen Paraboloid nachempfunden wurde. Für Nichtmathematiker unter den A&W-Lesern: Es sieht in etwa aus wie ein in sich verdrehtes Unendlichkeitszeichen. Heutzutage beliebtestes Werk der beiden Architekten ist die ehemalige Schalterhalle der Station Powiśle, deren rundes Betondach weit, sehr weit über die Außenwände des gläsernen Gebäudes herausragt und den Besuchern der mittlerweile hier befindlichen Szenebar mal als Sonnen-, mal als Regenschirm dient.
 

Orientierung an Jacobsen und Eames


Internes Wissen, gepaart mit dem Blick von außen, machen Miśka Miller-Lovegrove, gebürtige Polin, Architektin und Frau des Walisers Ross Lovegrove, der 2001 „A&W-Designer des Jahres“ wurde, zu einer viel gefragten Expertin der polnischen Kreativszene. Vor allem die jungen Designer liegen ihr am Herzen. Ihre Initiative „Young Creative Poland“ organisiert Gruppenausstellungen, zum Beispiel in Mailand während der internationalen Möbelmesse „Salone del Mobile“, unterstützt aber auch das Warschauer Nationalmuseum bei Designausstellungen, wie letztes Jahr bei der Schau „We want to be modern“, die polnische Entwürfe aus den 50er- und 60er-Jahren zeigte. Unverhohlen war die Orientierung am Westen. Manch ein Stuhl sah aus wie ein Prototyp von Arne Jacobsen oder eine Studie von Charles und Ray Eames. Aber die Schau zeugte auch von der großen gestalterischen Kraft des Landes damals. Heute sind ihre bekanntesten Vertreter neben Miśka Miller- Lovegrove vor allem der Architekt und Blechverformer Oskar Zieta, Träger des „Audi-Mentorpreis by A&W 2011“ (A&W 4/11), und Designer Tomek Rygalik, der bereits für Auftraggeber wie den italienischen Avantgarde-Möbelproduzenten Cappellini gearbeitet hat, sowie das Duo Kompott.

Kompott sind Maja Ganszyniec und Krystian Kowalski. In einer alten Villa im Regierungs- und Diplomatenviertel, in dem Studentenwohnungen, Werbeagenturen und Abgeordnetenbüros untergebracht sind, haben sie ein Erdgeschosszimmer als Studio eingerichtet. Krystian sitzt auf einem Stuhl, den der Aschauer Avantgarde-Möbelverleger Nils Holger Moormann leider doch nicht produzieren will. Maja passt sorgsam auf, dass die Decke nicht von einem Modell rutscht, das einen noch geheimen Entwurf für die nächste PS-Kollektion von Ikea verhüllt. Kompott ist aber auch – nein, in Polen kein fruchtiges Dessert, sondern mit Wasser aufgefüllt – ein erfrischendes Getränk. „In Zeiten, als wir hier noch keine Cola bekommen haben, war das unsere Droge“, erzählt Krystian. Die wird immer noch ausgeschenkt, und zwar in Selbstbedienungs-Restaurants, die sich „Bar Mleczny“ (Milchbar) nennen und in denen vor allem die Zeit stehen geblieben scheint. Zwei lange Menschenschlangen warten bis weit auf die Straße, eine zum Bezahlen, danach reiht man sich in die für die Essensausgabe ein. Die bekittelten Damen mittleren und höheren Alters, die regungslos das Geld kassieren und mit scharfem Kommando fertige Speisen ausrufen, sehen aus, als hätten sie schon in Vorwendezeiten hier den Ton angegeben. Es lohnt sich aber, hier zu warten. Allein schon wegen „naleśniki z serem“ – den Quarkpfannkuchen. Mit Blaubeeren sind sie ein Gedicht.
 

Das schmalste Haus der Welt

 
Der Weg vom Kompott-Studio zum Kompott-Drink führt vorbei an dem auffälligen Gebäude der Französischen Botschaft, das seine Außenwirkung den metallisch-silbrigen Fassadenpaneelen verdankt, die Jean Prouvé dafür entworfen hat.

Das Diplomatenviertel ist eines der wenigen in Warschau, das im Krieg nicht zerstört wurde. Untrennbar mit dem Namen der Stadt ist allerdings ihr dunkelstes Kapitel verbunden, die Einkesselung der jüdischen Bevölkerung und die vernichtende Niederschlagung des Aufstandes im Warschauer Getto durch die nationalsozialistischen Besatzer. An der Stelle, an der früher der Übergang vom sogenannten kleinen zum großen Getto war, baut der Architekt Jakub Szczesny das ganz sicher schmalste Haus der Welt. Bei diesem Projekt, das er für den israelischen Schriftsteller Etgar Keret als temporäres Domizil auserkoren hat, will er nicht mehr als eine Lücke füllen. Eine Häuserlücke, die an der breitesten Stelle gerade einmal gut eineinhalb Meter misst. Etagenböden verwandeln sich bei Bedarf zu Treppen. Vom Bett zur Toilette zu gelangen, bedeutet, über einen Stuhl zu steigen, eine Leiter ins untere Stockwerk hinunterzuklettern und sich dann seitwärts durch die Küche zu quetschen. Nichts für klaustrophobisch Veranlagte.

Schön ist etwas anderes. Das finden leider auch viele Polen beim Anblick der neuesten architektonischen Attraktionen. In dem südlichen Vorort Wilanów wurde die Nationalkirche Polens errichtet, ein Projekt, das aus verschiedenen Gründen seit über 200 Jahren immer wieder verschoben wurde. Jetzt ist der „Tempel der Göttlichen Vorsehung“ fertig und sehr monumental ausgefallen. Der graue Betonbau wirkt einschüchternd. Das wird auch nicht durch das 600 Kilogramm schwere Porträt von Papst Johannes Paul II. abgemildert, das für seine Seeligsprechung über dem Eingang angebracht ist. Es besteht aus Fotos von zehntausenden polnischer Katholiken. Auch das neue Stadion, entworfen von dem Hamburger Büro gmp Architekten von Gerkan Marg und Partner, ist nicht mit einhelliger Begeisterung aufgenommen worden. Dabei erstrahlt der Austragungsort des Eröffnungsspiels der Fußball-Europameisterschaft in den Nationalfarben Weiß und Rot. Vielleicht wäre es bei den Fans besser angekommen, wenn statt in Kiew hier das Endspiel ausgetragen werden würde. Am liebsten mit ihrem Team in Weiß und Rot.

 

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Autor:
Jan van Rossem
Fotograf:
Jonas Unger