Südafrika Kapstadt, neuer Hotspot für Designer

Südafrikas Perle am letzten Zipfel des Atlantiks lockt bislang eher sonnenhungrige Touristen. Nun wurde die Stadt am Kap der guten Hoffnung World Design Capital 2014. Die kreative Szene jedenfalls hat durchaus weltstädtisches Niveau.

Kapstadt, World Design Capital 2014

Kapstadt soll Welthauptstadt des Designs für das Jahr 2014 sein? Die ungläubige Frage ist erlaubt. Gilt die Perle Südafrikas doch eher als winterliche Zuflucht für Touristen aller Art und im Speziellen für Golfer und Weingourmets aus Europa. In unserem Winter ist dort Sommer, der Zeitunterschied ist unwesentlich, das Klima ähnelt dem am Mittelmeer: ideal für Menschen, die der Kälte entfliehen und Wärme für die alternden Knochen suchen – und sich einen Zweitwohnsitz in der idyllisch am Atlantik gelegenen zweitgrößten Stadt Südafrikas leisten können. Design und Architektur waren bislang kein ausschlaggebender Grund, um ans Kap zu reisen. Die prächtigen, weißen Kolonialbauten und die bunten Malayenhäuschen am Bo-Kaap mal ausgenommen – und natürlich die zur Fußballweltmeisterschaft im Jahr 2010 gebauten Stadien, die jedoch von namhaften Architekten aus Europa zu verantworten sind.

„Mich interessiert mehr, wie die Stadt für Menschen arbeitet, als einfach nur tolle Gebäude zu bauen“, erklärt Mokena Makeka. Seit seinem Studium an der Universität von Kapstadt lebt der 38-Jährige aus Lesotho hier. Er ist Architekt und Designer, gilt in der Szene als „rising star“ – und fühlt sich gerade als schwarzer Südafrikaner in der Verantwortung, sozial, nachhaltig, ökonomisch, zukunftsorientiert eben, zu denken und zu planen. Er hat bisher nur einen Trakt des Hauptbahnhofs modernisiert, ein Gemeindezentrum in der riesigen Township Khayelitsha gebaut, Pläne für das regionale Headquarter des öffentlichen Verkehrswesens im Vorort Athlone entwickelt; aber er hat Ideen en masse für ein, wie er sagt, „Brücken schlagendes Design“. Deshalb gefällt ihm die elegante weiße Stahlbrücke so gut, die („leider nicht von mir“) mitten in Kapstadt zur Fußballweltmeisterschaft errichtet wurde: der „Fan Walk“. Die Fußgängerbrücke verband das vom deutschen Architekturbüro Gerkan, Marg und Partner (gmp) erbaute, spektakuläre Stadion mit der Innenstadt.

Die arrivierten Architekten Anya van der Merwe und Macio Miszewski vom Büro VdMMa haben bereits vieles gebaut: grandiose Privathäuser wie das Bridge House (A&W 3/13), das Cape Town International Convention Center, neuere Gebäude auf dem Universitätscampus. Sie sind Partnerarchitekten bei der Entwicklung des urbanen Konzepts für die ehemaligen Silos an der Victoria & Alfred Waterfront. Aber auch sie haben mehr Ideen für moderne Architektur und Stadtentwicklung. „Es ist gut, dass wir die Bewerbung gewonnen haben. Das ist ein Investment in die Zukunft. Wir müssen endlich die wirtschaftliche und kulturelle Isolation Afrikas aufbrechen.“ Wie Makeka sind van der Merwe und Miszewski Mitglieder des Komitees, das sich mit seinem Konzept für die Bewerbung als World Design Capital 2014 gegen die konkurrierenden europäischen Städte Bilbao und Dublin durchsetzte. Der alle zwei Jahre vom in Kanada ansässigen International Council of Societies of Industrial Design (Icsid) verliehene Preis ging zuletzt an Helsinki, Turin und Seoul. Dass Kapstadt gewann, liegt vor allem an dem dicken gelben Bewerbungsbuch, in dem ganz verschiedene Projekte unterschiedlicher Disziplinen das von den Organisatoren gewählte Motto „Lebe Design. Verändere das Leben“ thematisieren.

Genau das überzeugte das Icsid: Die südafrikanische Metropole präsentiert sich als Gesellschaft im Aufbruch. Mit ihren Ideen, Konzepten und Visionen zielen sie auf Wandel für eine bessere Zukunft durch (Um)gestaltung der Umwelt. Die Hauptthemen der Bewerbungsunterlagen lauten: „Innovation aus Afrika“, die weltweit für Gesprächsstoff sorgen soll; „Heute für Morgen“, nachhaltiges Denken für Mensch und Planet; „Brücken bauen“, Strukturen schaffen, die auch im Geist verbinden, sowie der produktorientierte Claim „Schöne Räume. Schöne Dinge“, der Designer aller Disziplinen anspricht – und auch die afrikanischen Stammeskulturen mit ihrem folkloristischen Handwerk miteinbezieht.

Die Stadt am Kap der guten Hoffnung, nomen est omen, ist inzwischen Ziel für junge aufstrebende Leute aus aller Welt. Und das Viertel, in das es sie zieht, heißt Woodstock – wie das legendäre Festival der Flower-Power-Bewegung. Fand man die hippen kleinen Läden und Café-Bistros früher eher in der City zwischen Bree, Loop und Long Street ist jetzt das ehemalige Industriegebiet, das sich östlich der Innenstadt am alten Hafen zwischen der Victoria und der Albert Road bis hoch zum Nelson Mandela Boulevard erstreckt, der neue „Hub“, Dreh- und Angelpunkt der kreativen Szene. Die leer stehenden Lagerhallen sind wegen der offenen Gestaltungsmöglichkeiten nicht nur ideale Locations für sie, das Gebiet ist auch in der Hand von cleveren Immobilienentwicklern.

Noch dominieren in Woodstock die Kreativen mit ihren Ateliers, Galerien, Werkstätten, Wohnbüros, Cafés. Aber es ist auch schon erste Adresse für Spitzengastronomie. Das Gourmetrestaurant „The Test Kitchen“ lockt die wohlhabenden Kapstädter in die Old Biscuit Mill an der Albert Road, wo Chefkoch Luke Dale-Roberts, der bei Heston Blumenthal in London gelernt, in der Schweiz und Asien gearbeitet hat, eine raffinierte Fusion-Küche serviert. Seine Kochkunst ist vielfach preisgekrönt. Vor einem Jahr eröffnete er zusätzlich „The Pot Luck Club & Gallery“ im obersten Stock des ehemaligen Silos der Mühle. Hier ist die Atmosphäre locker, man sitzt auf schlichten Holzstühlen, zum Teil auf Baumstamm-Hockern an tischdeckenlosen Holztischen. Unaufgeregtes Design, junge Kunst, Multikulti-Publikum: Das Lokal wird als „sexiest new spot in Cape Town“ gefeiert. Hier gehen auch die Kreativen des Viertels aus. Und sie hoffen, dass eine Veranstaltung wie das „WDC14“ dazu beiträgt, dass „ihr“ Woodstock die Aura des gleichnamigen Rockfestivals der späten Sechziger behält: ein Ort für das friedliche, künstlerische Zusammentreffen, ohne Rassen- und Klassenunterschiede. Community, Co-existence, Collaboration, Creativity and Exchange – das sind formulierte Werte für Woodstock. Kommerz ist auch okay. Denn nur wenn hier verdient wird, lebt das Quartier. Es gilt, die Waage zu halten. Dass die Immobilienpreise nicht explodieren wie andernorts. Dass der Kreativ-Hub erhalten bleibt. Ein offizielles Kuratoren-Team soll darüber wachen.

In der Bronze Age Foundry arbeitet Inhaber Otto du Plessis an einer Skulptur von Südafrikas renommiertem Bildhauer David Brown, der sein Atelier in der alten Brauerei in der Nachbarschaft hat und für eine neue Ausstellung eine Serie skurriler Phantasie-Soldaten formt. Auf einen weiteren Namen in der Referenzliste angesprochen, sagt Otto du Plessis grinsend: „Wir sind eben die Besten!“ William Kentridge lässt ebenfalls hier gießen. Auch einige der Bronzen in der großartigen Skulpturen-Sammlung, die die international arbeitende Kapstädter Everard Read Gallery dem legendären Hotel Mount Nelson für eine Ausstellung zur Verfügung gestellt hat, entstanden in der Woodstock Bronze Age.

Charles Shields von der Everard Read Gallery, die 1913 in Johannesburg gegründet wurde und in Kapstadt an der V&A Waterfront residiert, erzählt von Ricky Dyaloyi. Der in der schwarzen Township Khayelitsha in einem selbst ausgebauten „shack“ lebende Künstler (er hat ein zweites Stockwerk als Atelier aufgebaut – im Meer der einstöckigen Hütten) klingelte vor mittlerweile 18 Jahren von sich aus an der Galerie und bot seine Bilder an. Die hatte er bislang auf der Straße verkauft. „Wir waren anfänglich eher von ihm und seiner Story als von seiner Malerei begeistert, aber wir sahen sein Potenzial.“ Dyaloyi, damals 22 Jahre alt, ist der jüngste Künstler, den die Galeristen je aufnahmen. Seine erdschweren Bilder, die vom Leben der Schwarzen erzählen, waren innerhalb von zwei Wochen ausverkauft. „Dass ich malen lernte, verdanke ich der Solidarität britischer und französischer Künstler, die für die Überwindung der Apartheid kämpften und in die Townships gingen, um die Kinder zu unterrichten“, erzählt Dyaloyi, der besonders lernwillig – und talentiert war, alles um sich herum zeichnete. Längst ist er als Maler etabliert und lehrt selbst in Townships. Auch das ist eine Hoffnung auf Veränderung durch Gestaltung.

„The Field Office“, das Möbel und Lichtdesigner Luke Pedersen und James Lennard mitten in Woodstock führen, ist typisch für das entspannte Lebensgefühl der jungen Kapstädter: Man kann etwas Leckeres essen und trinken, sich mit einem Kollegen mal außerhalb des Büros austauschen, im Internet surfen, eine Partie Schach spielen oder einfach „abhängen“. Das Café ist mit den Möbelentwürfen der Inhaber ausgestattet; man kann sie gleich vor Ort kaufen oder im Internet bestellen. Dieses Mehrfachkonzept ist in der Stadt weitverbreitet: Der Coffee Shop spielt als Kommunikationszentrum eine ebenso große Rolle wie in Mailand die Bar.

Alayne Reesberg, Direktorin des WDC14-Komitees, die Psychologie studiert hat und unter anderem Diplomatin in den USA war, erzählt von der Euphorie: „Die Wahl begeistert nicht nur uns in Kapstadt – ganz Südafrika ist stolz. Die erste Welthauptstadt des Designs auf dem afrikanischen Kontinent – und das im 20. Jahr des Endes der Apartheid. Das ist doch großartig!“ Wie die Fußball-WM kann die internationale Aufmerksamkeit, die die Auszeichnung mit sich bringt, das ethnisch immer noch gebeutelte Land kulturell und wirtschaftlich beflügeln. Seit Anfang 2013 werden die Veranstaltungen zur Diskussion gestellt, auf der Website wdccapetown2014.com kann die Bevölkerung aus einer Vorauswahl von Projekten 30 für eine Ausstellung bestimmen; „Südafrikaner mit großartigen Designideen“ werden aufgerufen  mitzumachen; es gibt diverse Wettbewerbe und natürlich auch eine Facebook-Seite. „Design kann trennen oder verbinden“, meint Alayne Reesberg. Sie wurde von einem Headhunter für die Manager-Position vorgeschlagen und sieht ihre Fähigkeiten eher im Organisieren der mindestens sechs Großveranstaltungen des Jahres, als sich als Expertin für Gestaltung zu gerieren: „Wir stehen mit unserem Konzept vor allem für den menschlichen Aspekt von Design. Es wird keine Art Museumsschau mit Massen schön gestalteter Produkte geben. Ich habe meinen Job gut gemacht, wenn die mitwirkenden Kreativbüros und Studenten am Ende sagen: ‚Cape Town did it!‘“

„Kapstadt ist cool, im Aufbruch! Hier hat man viel mehr Möglichkeiten als in Deutschland“, schwärmt Modedesignerin Jessika Balzer, die deshalb von Berlin hierher zog. In der Werkstatt hinter dem Laden „Urban Africa“ des Südafrikaners Vincent Urbain schneidert sie ihre Entwürfe und verkauft sie selber. Haldane Martin kam aus Johannesburg. „Zu groß, zu stressig, zu unpersönlich“, sagt der Designer. Sein „Iconic Furniture & Interior Design“-Büro sitzt, klar doch, in Woodstock. Er ist schon ziemlich erfolgreich, hat eine stattliche Kollektion origineller Möbel und Leuchten entworfen und damit die Empfangshalle des Avantgarde-Hotels „15 on Orange“ ausgestattet; er richtet Wohnungen, Shops, Bars ein: „Mein Beitrag zum WDC-Event werden gut aussehende Möbelentwürfe aus Billigmaterialien sein, die Baupläne stelle ich online, als Blueprint-Design zum Runterladen und Selbermachen.“ Martin glaubt an die Kraft des Designs, um Dinge zu ändern: schöne, gute Formen für ein schöneres, besseres Leben. Liam Mooney ist in Mosambik aufgewachsen. Er hat wie Haldane Martin an der Cape Peninsula University of Technology Industriedesign studiert. Sein Vorbild ist der Schweizer Architekt Peter Zumthor. Seine Möbel sind aus nachhaltigem Holz „clean and simple!“ Auch er verkauft sein Design direkt aus einem Mini-Laden auf der Wale Street und freut sich auf die „riesige Herausforderung und die interdisziplinären Diskussionen“, die es rund um das WDC-Jahr geben wird.

Michael Wolf, Industriedesigner aus Köln, kam vor zehn Jahren und hat hier seinen Weg gemacht; er ist auf Interfaceund Interaction-Design spezialisiert, schreibt Lernprogramme mit Spielfaktor, nicht nur für die Kids, auch für ungebildete Erwachsene. Er versteht die Ernennung zur World Design Capital – er war am Bewerbungsverfahren beteiligt – als Chance, vorhandene Missstände zu bearbeiten. „Früher trennte die Apartheid, heute sind es soziale und ökonomische Grenzen“, sagt er. „Aber Kapstadt könnte die Blaupause für die Lösung der großen Probleme der Welt wie Müllentsorgung, Energie, Verkehr, Kommunikationstechnologie hergeben. Hier hätte Stadtentwicklung noch (fast) alle Möglichkeiten.“

Autor:
Barbara Friedrich
Fotograf:
Bärbel Miebach