England Londons kreativer Osten

Die jüngste Szene der Weltmetropole verdichtet sich im Borough of Hackney, einem ehemaligen Arbeiterviertel, und den angrenzenden Stadtteilen. Hier haben sich Künstler, Designer, Galerien und originelle Hotels und Restaurants angesiedelt und sorgen für einen frischen Kontrapunkt zu der etwas steifen britischen Attitüde. Noch ist es ein Insidertipp. Aber wenn im nächsten Jahr die Olympischen Spiele in Sichtweite stattfinden, wird die ganze Welt auf den bunten Osten schauen.

London ist ein Dorf. Jedenfalls der Stadtteil Hackney im Osten der Metropole. Vielleicht nicht ganz offensichtlich, denn der Borough of Hackney, der sich nördlich an die City, das Bankenviertel mit den glitzernden Bürotürmen, anschließt, sieht aus wie der verarmte Nachbar des feinen Finanz - distrikts – verlassene, verrottete Fabrikgebäude, Graffiti an unverputzten Hausfassaden, klaffende Baulücken an den Hauptstraßen. Trotz der flächen- und einwohnermäßigen Dimensionen – etwa 212 000 Bewohner, so viele wie in Lübeck, leben auf gut 19 Quadratkilometern, einem Zehntel des Lübecker Stadtgebiets – trifft man sich hier alle Nase lang wieder. Und das liegt weniger an der räumlichen Enge als an der kulturellen Verbundenheit der Bewohner. Was das Zusammenleben angeht, ähnelt Hackney einem Dorf.

In den Seitenstraßen der Shoreditch High Street Richtung Arnold Circus drängeln sich herausgeputzte niedrige Siedlungshäuser um sorgfältig gepflegte Grünflächen. In einer dieser Straßen hat Leila, eine freundliche, kräftige Mittdreißigerin das gleichnamige Café und nebenan einen Laden mit biologischen Lebensmitteln eröffnet. Der erfreut sich in der traditionellen Nachbarschaft großer Beliebtheit – aber auch bei den jungen Designern und anderen Kreativen, die sich im Osten der Stadt eingenistet haben. An einem lauen Sommer-Samstagabend stellt ein Grafiker sein neuestes Buch bei „Leila“ vor, es sieht fast so aus, als träfe sich zu diesem Anlass bei italienischem Käse und Wein ein Abschlussjahrgang des Royal College of Art.

Zum Beispiel der Südtiroler Harry Thaler, der am RCA seinen „Master“ gemacht hat. Er ist vertieft im Plausch mit einem Fotografen, einer selbst ernannten Künstlerin und Designer Martino Gamper, der nicht nur Südtiroler Landsmann, sondern auch Thalers Lehrer und Mentor ist. Der schwedische Designer Lars Frideen gesellt sich dazu, er hat für „Leila“ ein Paneel mit Steckplätzen für Hunderte von Korken entworfen, die man zu beliebigen Mustern und Formen gruppieren kann, die aber nicht nur dekorativ, sondern auch schallschluckend wirken sollen. Damit man in dem belebten Treffpunkt zu Stoßzeiten wie zum Lunch wenigstens sein eigenes Wort versteht. Bei heiteren Schwätzchen wird aus dem lauen Abend eine lange Nacht.

Am nächsten Mittag bietet es sich an, ein bisschen am idyllischen Regent’s Canal entlangzuschlendern. Der verbindet etwas weiter nördlich die Mare Street und die Kingsland Road, zwei Hauptverkehrsadern, die Hackney in Süd-Nord- Richtung durchschneiden. Den schmalen Weg neben dem Kanal teilen sich Jogger, Flaneure, Radfahrer und die Hausbootbewohner, die ihre schwimmenden Unterkünfte entlang der Wasserstraße am Ufer vertäut haben. Es dauert nicht lange, bis ein bekanntes Gesicht dahergetrabt kommt: Martino Gamper joggt sich die Nacht aus den Beinen. Im letzten Moment erkennt er den entgegenkommenden Spaziergänger noch als Teilnehmer der gestrigen Party und grüßt freundlich.

Martino Gamper hat es nicht mehr weit. Sein Atelier liegt keine fünf Laufminuten entfernt in der Tudor Road, einer Seitenstraße der Mare Street. Gamper ist bekannt geworden durch sein Projekt „100 Chairs in 100 Days“, für das er ausrangierte und derangierte Stühle aus dem Sperrmüll und von Freunden gesammelt und in 100 Tagen zu neuen Modellen mit neuem Charakter und neuen Funktionen kombiniert hat. Der Südtiroler lebt seit 1997 in London, gehört schon zu den etablierten Größen, wird vertreten von der renommierten Designgalerie „Nilufar“ in Mailand – und hoch gehandelt.

Und er fördert den Nachwuchs. Sowohl Harry Thaler als auch Lars Frideen aus der Bar vom Vorabend arbeiten in seinem Atelier und der weiter nördlich gelegenen Werkstatt, allerdings an eigenen Projekten. Harry Thaler hat im Ja - nuar in Köln auf der Möbelmesse mit seinem „Pressed Chair“ für Aufsehen gesorgt und für den aus einem Aluminiumblech geschnittenen und mit stabilisierenden Falzen versehenen, gepressten Stapelstuhl einen „Innovation Award“ gewonnen. Vor Gampers Atelier baut Harry Thaler, der Gampers Studio mitbenutzt, gerade sein Regalsystem „Twist & Lock“ auf, dessen Module zu einer bizarren Skulptur aufgetürmte Apfelkis - ten sind, wie er sie aus seiner Heimat kennt. Mit patentierten Steck-Dreh-Elementen verbindet er die Kisten und gibt dem System Halt und Stabilität.

Ein paar Seitenstraßen weiter nördlich tüftelt ein für regelmäßige A&W-Leser alter Bekannter in seiner Hinterhof- Werkstatt immer noch an neuen Ideen. Überraschenderweise hat Paul Cocksedge (A&W 1/2006) im Moment kein neues Lichtprojekt in seinen Fingern, zur Abwechslung bearbeitet er mal die physikalische Disziplin der Akustik. Aus alten Langspielplatten hat er einen Trichter geformt, der dem Musik abspielenden iPhone zu einem beachtlichen Sound verhilft. Eingesetzt werden diese Soundtrichter in der Installation „Curtain Call“ seines Lehrers Ron Arad (A&WDesigner des Jahres 2005) in dem Kulturzentrum Roundhouse gegenüber von dessen Studio in Camden Town.

Die Mare Street und ihre südliche Verlängerung, die Cambridge Heath Road, sind so etwas wie das östliche Ende des bunten kreativen Londoner East End. Dahinter lockt der hübsche Victoria Park, an den sich das Areal anschließt, auf dem die Sportstätten der Olympischen Spiele Gestalt annehmen. Im Sommer 2012 wird die ganze Welt auf das East End schauen.

Südlich des Regent’s Canal zweigt links von der Cambridge Heath Road die Vyner Street ab. Hier haben sich hippe Galerien für zeitgenössische Kunst angesiedelt. Auch wenn Besucher – außer bei der Wilkinson Gallery mit ihrem auf die schwarze Fassade aufgesetzten quadratischen Schaukasten – den meisten Galeriegebäuden ihre Bedeutung nicht einmal auf den zweiten Blick ansehen: Ein Einblick in die junge Londoner Kunstszene lohnt sich. In der Parallelstraße lockt danach die Bistrotheque mit Erfrischungen: Unten sitzen die Kreativen und die Angesagten in der Bar und amüsieren sich abends vielleicht im angeschlossenen Cabaret, oben gibt es in Loft-Atmosphäre internationale Kochkunst aus der offenen Küche. Kein Ort wird in der Designszene öfter als Tipp gehandelt – und so kann der Spaß, die Gästeschar zu beobachten, zuweilen die kulinarischen Höhepunkte überbieten.

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Schlagworte:
Autor:
Jan van Rossem
Fotograf:
Jonas Unger