Italien Turin - Stark wie der Stier im Wappen

Turin ist die Metropole der Region Piemont - und das Herz der italienischen Autoindustrie. Nun wurde ihr der Titel "Welthauptstadt des Designs 2008" verliehen. Und tatsächlich überrascht die Fiat-Stadt mit origineller Architektur, mit kreativer Gestaltung, Kunst und Kultur.
Stier im Caffè Torino

Am Anfang war das Ei. Fulvio Ferrari hat es mitgebracht zum Fototermin. Der ehemalige Galerist betreibt die „Casa Mollino“ in Turin, eine Wohnung, in der sich Carlo Mollino in jeder Hinsicht verwirklicht hat und die heute als Privatmuseum zu Ehren des Turiner Allroundgenies fungiert (A&W 2/08). Carlo Mollino war – um nur einen Bruchteil seines Aktionsradius zu nennen – Designer, Skilehrer, Konstrukteur aberwitziger Rennwagen, mit denen er sich selbst auf die Piste begab, und Architekt. Als solcher zeichnete er für das Teatro Regio verantwortlich, dessen Neubau 1973 fertiggestellt wurde. In dem Theater steht Signore Ferrari jetzt mit seinem Ei. Das hat er (der übrigens nichts mit den roten Flitzern zu tun hat, mit seinem Namen aber prima in die Autostadt passt) am Morgen noch halbseitig bemalt – mit dem Muster der Teppiche und Tapeten im Teatro Regio. Ein kleiner Gag, ja, aber auch Anschauungsmaterial, um auf Besonderheiten des Theaters aufmerksam zu machen. Die abwechselnd roten und blauen Zickzacklinien des Musters lassen Boden und Wände vor den Augen des Betrachters verschwimmen. Die Grenzen des Raumes sind nicht mehr klar zu definieren, unwillkürlich werden die Schritte vorsichtiger. Angemessen für einen Besuch im Theater.

Täuschungsmanöver
Fulvio Ferrari im Teatro Regio

Wie eine Endlosspiegelung wirkt das Entree des Teatro Regio. Nur der einmalige Mollino-Kenner Fulvio Ferrari beweist, dass hier nichts gespiegelt wird.

Aber warum ein Ei? Auf die Frage hat Signore Ferrari nur gewartet. „Der gesamte Theaterbau ist wie ein Ei konzipiert.“ Es sprudelt aus dem Mollino-Experten heraus. „Sogar die gewölbte Oberdecke ist hauchdünn wie eine Eierschale. Mollino selbst hatte für die Eröffnungs-Pressekonferenz ein Ei zur Demonstration dabei. Alle Linien im Inneren fügen sich zu Ovalen. Die Logenplätze, die verschiedenen Ebenen des Foyers. Die Bühne …“, sagt Fulvio Ferrari und senkt seine Stimme, „… eigentlich! Aber schauen Sie sich das an.“ Angewidert zeigt er aus der Loge zu den Brettern, die auch seine Welt bedeuten. Bei der Renovierung wurde die Bühne mit einer Kaskade von wulstigen Rechtecken umrahmt. Das war garantiert nicht im Sinne des Erfinders.

Mollino hat im Teatro Regio viele falsche Fährten gelegt, schon vor dem Schauspiel beginnt eine große Inszenierung. Die Aufgänge zu den oberen Rängen folgen keinem nachvollziehbaren Muster, manche enden auf Zwischenebenen, lassen dann die nächste Hauptebene aus. Im Eingangsbereich täuschen große ovale Aussparungen in den acht Trennwänden zwischen den Türen den Effekt eines Endlosspiegelbilds vor. Nur weil der ganz in Weiß gekleidete Signore Ferrari sich darin platziert, wird offenbar, dass sich hier gar nichts spiegelt. Von außen, von einem der imposantesten Plätze Turins, der Piazza Castello, deutet nichts auf Mollinos 70er-Jahre- Schmuckstück hin. Es versteckt sich hinter den Resten der Barockfassade des Vorgängertheaters. Dieses Täuschungsmanöver geht aber nicht aufs Konto des schelmischen Architekten, sondern war Auflage der Denkmalschützer. Die historische Häuserfront sollte im Sinne der Einheit des Platzes erhalten bleiben.

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Schlagworte:
Autor:
Jan van Rossem
Fotograf:
Angela Bergling