Spanien Viva Valencia

Lange hat sich Valencia im Schatten Barcelonas versteckt. Jetzt aber will es sich doch einem größeren Publikum bekannt machen. Mit spektakulärer Architektur und jungem Design. Das wurde auch Zeit.

Mitten durch Valencia schlängelt sich der Río Turia. Sein Flussbett ist ein wenig breiter als zwei nebeneinander liegende Fußballfelder. Das soll nicht etwa ein Bild zur Veranschaulichung sein, die Fußballplätze befinden sich tatsächlich dort. Früher war der Río Turia ein widerspenstiges Gewässer, das immer wieder über die Ufer trat. In den 50er-Jahren hatten die Valencianer die Nase voll: Sie leiteten den Übeltäter südlich an der Stadt vorbei ins Meer. Das gewonnene Areal wurde in einen Stadtpark verwandelt – Sportanlagen, botanische Gärten, Kinderspielplätze und weitläufige Rasenflächen wechseln sich in lockerer Folge zwischen den alten Ufermauern ab. Beim Spaziergang durch das Antiguo Cauce del Río Turia passiert man ab und zu die alten Brücken, aber man schlendert unter ihnen hindurch. Der Blick wandert an den Brückenpfeilern entlang, zum Ufer und der darüberliegenden Stadt.

Valencia entspannt sich im Río Turia. Allerdings sicher nicht von übertriebenen, Tourismus fördernden Aktivitäten. Der Valencianer macht nicht viel Aufhebens um seine Stadt. Und so ist von einer Merkwürdigkeit der Reiseliteratur zu berichten: Es gibt von Valencia nicht einen ernst zu nehmenden deutschsprachigen Führer. Dabei könnten die Attraktionen der Stadt Bände füllen, allen voran die gotische Kathedrale, in der, dessen sind sich die Valencianer sicher, der heilige Kelch des letzten Abendmals zu bewundern ist, und die Seidenbörse La Lonja, einer der imposantesten gotischen Profanbauten Europas. Viele Sehenswürdigkeiten sind zugegebenermaßen jüngeren Datums, wie die 2002 eingeweihte Ciudad de les Arts i les Ciències, die Stadt der Künste und Wissenschaften. Weiß strahlende, wie Fabelwesen geformte Bauten hat der Stararchitekt und Sohn der Stadt Santiago Calatrava auf halbem Weg zum Meer im weiteren Verlauf des alten Río Turia errichtet. Sie beherbergen Europas größtes Ozeanium mit Delfinarium und unterirdischem Aquarium, das Wissenschaftsmuseum Príncipe Felipe und das Planetarium L’Hemisfèric.

Das fotogene Ensemble lockt Neugierige in die Stadt, und das soll es auch. Man spürt allenthalben, dass Valencia nun doch fest entschlossen ist, sich in der Welt bekannt zu machen; nicht nur an den unzähligen Plakaten, die für die Hochsee-Segelregatta America’s Cup werben, die 2007 vor den Gestaden Valencias gestartet wird. Obwohl: Karten können täuschen. Zwar lässt sich beim Blick auf den Stadtplan nicht bestreiten, dass die Stadt ans Meer grenzt. Aber das eigentliche Valencia liegt wasserscheu ein paar Kilometer landeinwärts. Man fährt durch nichts sagende Vororte bis zu den breiten Stränden. Calatravas Stadt der Künste und Wissenschaften ist nicht nur Zuschauermagnet, sie bringt auch die Innenstadt dem Meer näher.

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Schlagworte:
Autor:
Jan van Rossem
Fotograf:
Robert Fischer