Bildband Die Häuser der Künstler

Wenn die besten Tischler, Baumeister und Töpfer Amerikas ihr eigenes Wohnhaus gestalten, ist Phantasie zu erwarten – ein neuer Bildband führt es uns vor Augen.

Der Wüstenwind verweht das Klimpern. Es perlt aus den Höhlen, die Paolo Soleri zwischen Gestrüpp und Palmen in den felsigen Boden gegraben hat. Dinosaurierknochen ähnelnde Säulen, aus Beton gegossen oder aus Stämmen geschnitzt, stützen Wände und Gewölbe. Auf ihren Oberflächen spielen übermütig geometrische und organische Formen. Die Säulen überspannen einen Pool und die Ateliers, in denen der 1919 in Turin geborene Architekt, Künstler und Visionär seine Windspiele aus Bronze und Keramik formt.

Scharen von Fans pilgern zu seinem 1956 errichteten Anwesen Cosanti in Scottsdale, Arizona. Mit Glück erhascht man einen Blick auf den Hausherrn, einen leibhaftigen Frank- Lloyd-Wright-Schüler. Man kauft ein bimmelndes Souvenir und zieht rund 60 Kilometer weiter, um sein Hauptwerk zu bestaunen: Arcosanti. Rund 5000 Menschen wohnen in der Stadt mit verwegenen sozialen und architektonischen Strukturen. Seit 1970 ragt sie auf, grandios und unvollendet.

Wie wohnen Menschen, deren Ideen und Kunstfertigkeiten Lebens- und Wohnstil einer Nation prägen? Sind ihre Häuser rohe Prototypen oder perfektionierte Ideale? Stehen die Bauten einsiedlerisch am Rand der Gesellschaft oder doch eher mittendrin? Sowohl als auch, lautet die Antwort, die der Historiker und Landschaftsarchitekt Michael Gotkin und der Fotograf Don Freeman gefunden haben. Sie stellen 13 „Artists’ Handmade Houses“ in den USA vor, erbaut zwischen Ende des 19. und Mitte des 20. Jahrhunderts, der Blütezeit der amerikanischen Handwerkskunst.

„Das Buch ist eine überfällige Bestandsaufnahme“, sagt der Autor. „Die meisten Künstler sind verstorben, und bei Weitem nicht alle Wohnhäuser sind Museen oder werden von Erben gepflegt.“ Vieles verfällt oder wird von den Bewohnern selbst vernichtet. „Ich mache mir nichts aus Möbeln“, sagt etwa Paolo Soleri. „Wenn es nachts kalt wird, kann es sein, dass ich welche verbrenne. Es gibt wichtigere Dinge im Leben als Objekte.“

Schrullig und eigensinnig geht es zu in den Köpfen, in den Küchen und Wohnzimmern: Tischler lassen Stühle und Betten tanzen, Glaser bringen Wände zum Leuchten, Bildhauer verwandeln Tresen und Badewannen in Skulpturen. In Doylestown, Pennsylvania, platzt eine Rasenfläche auf. Dächer falten sich, Türme, Schornstein und Gauben verdrängen einander. Der Werkstoff Beton hält das Chaos zusammen, das der Keramikkünstler und Ärchäologe Henry Chapman Mercer zwischen 1908 und 1912 gestiftet hat. Er hat sein 44-Zimmer- Schloss Fonthill von innen nach außen entworfen, Lage und Größe der mit Fliesen reich dekorierten Zimmer formen den Baukörper. „Mein Haus ist zum Bewohnen gedacht, nicht zum Betrachten“, erklärt er. Er wäre vermutlich verblüfft, wie gut es in einem Bildband aussieht.

Michael Gotkin, Don Freeman, Artists’ Handmade Houses. New York, Abrams Books, Englisch, 240 Seiten, 44 €.

Schlagworte:
Autor:
Petra Mikutta
Fotograf:
Kumicak + Namslau