14. Architektur-Biennale Venedig ELEMENTARE ERKENNTNISSE

Am Anfang ist das Wort. Und das Wort kommt von Rem. Rem Koolhaas, Direktor der 14. Architektur-Bienneale in Venedig, hat sie alle verdonnert. Er wünschte sich von jedem Pavillon einen Beitrag zu dem Leitmotiv der 14. Biennale: „Moderne“. Jeder Kurator sollte sich diesem Begriff, dieser architektonischen Erscheinung in der jeweiligen nationalen Ausprägung nähern. Die landeseigenen und landestypischen Aspekte der Moderne hervorheben. Nicht jeder war so brav, wie sich das Herr Koolhaas vielleicht gewünscht hätte, manchmal ist es vielleicht auch einfach nur nicht gelungen in der Umsetzung. Aber die meisten folgten dem Meister. Und die Beschäftigung mit den Eigenheiten im Globalen, mit den nationalen und regionalen Besonderheiten, hat eine Vielzahl von starken Emotionen hervorgerufen. Von verklärten Lobpreisungen über melancholische Resignation, von nostalgischer Larmoyanz über freche Konfrontation. Auch wenn nicht jede Präsentation sich auf den ersten Blick erschließt, auch nach eingängiger Begleittextlektüre noch sperrig vor dem Betrachter steht und deshalb einige Perlen unentdeckt bleiben, macht sich schnell ein angenehmes Gefühl breit, einzelne Teile eines geschlossenen Konzepts entdecken zu können.

Ziemlich originell ist der deutsche Beitrag der Architekten Axel Lehnerer und Savvas Ciriacidis, die in den historisch belasteten, weil von den Nazis dominant überladenen deutschen Pavillon, den Bonner Kanzler-Pavillon von Sep Ruf, eine Ikone der jungen Bonner Demokratie, in Originalmaß integrieren. Aber was passiert? Der transparente, von Glaswänden begrenzte Kanzlerbungalow wirkt dunkler und teils düsterer als der Pavillon, dessen Sandstein in der Sonne, die durch die Oberlichter strahlt, noch heller wird. Irgendwie sieht der Kanzler-Bungalow in dieser Umgebung mehr nach Kohl als nach Brandt aus.

Die Franzosen gleich gegenüber präsentieren ihre Helden, aber schon der Titel verrät, dass es keine uneingeschränkte Lobpreisung ist: „Moderne, Versprechen oder Bedrohung?“ zeigt die Ideen von Jean Prouvé, der Fertigbauteile für die Behausungen der Vorortsiedlungen entwarf, auf die (also die Siedlungen) heute kaum jemand stolz ist. Aber auch im Spaß wird es ernst. Im Zentrum des Pavillons steht ein riesiges Modell der „Villa Arpel“, des modernen Hauses, das Jacques Tati in dem Film-Klassiker „Mon Oncle“ mit seinen technischen Finessen das Leben schwer gemacht hat.

Im russischen Pavillon ist eine Messe mit quietschbunten Ständen eingerichtet, wo Häuser von der Stange und Reisen zu den Kultstätten der russischen Moderne angeboten werden – nach Kuba, Afghanistan, Vietnam und der Mongolei. Und im hinteren Teil des Arsenale, der riesigen Werft und Waffenschmiede der historischen Seemacht Venetien, präsentieren sich die Letten auf der etwas verzweifelten Suche nach den Überbleibseln ihrer Moderne, unter anderem mit der bangen Frage: „If it doesn´t exist, who cares if it doesn´t?“ (Wenn es nicht existiert, wen interessiert das?).

Überhaupt: das Arsenale. Rem Koolhaas wollte diese wunderbare Location ursprünglich gar nicht bespielen, die Veranstalter setzten es aber durch. Und nun sieht man hier neben verschiedenen Landesbeiträgen eine Präsentation unter dem Titel „Monditalia“, die das Gastgeberland aus architektonischer Sicht unter ganz verschiedenen Aspekten zeigt vermengt mit Gastbeiträgen der anderen Biennalen zu den Themen Theater, Tanz, Film und Musik.

Der Meister selbst hat sich auf die Ausstellung Im Hauptpavillon in den Giardini konzentriert, in der die „Elements of Architecture“ gefeiert werden. Sortiert nach Türen, Fenstern, Korridoren, Wänden, Dächern, Balkonen, Kaminen, Klos und Treppen (unvollständige Aufzählung) wird hier die Entwicklung über die Jahrhunderte nachvollzogen, aber auch Probleme des modernen Bauens demonstriert: Gleich hinter dem Eingang ist ein prächtiges Kuppelgewölbe zu sehen, aber nur zum Teil. Das meiste wird verdeckt durch Abluft-, Feuerlösch- und Haustechnik-Elemente, die sich unter der Decke breit machen (müssen). Grandiose Kuppeln vertragen das nicht. Anscheinend auch nicht manche Flughäfen.

Natürlich gibt es parallel in der Stadt noch einiges anderes zu sehen, das mal mehr, mal weniger mit Architektur zu tun hat. Mehr mit Architektur hat in erster Linie mal die Stadt selbst zu tun, immer wieder ein Genuss sind die prächtigen Palazzi am Wegesrand beim Schlendern abseits des Touristen-Trampelpfades oder während einer Fahrt mit dem Vaporetto, dem Wasserbus Venedigs. Weniger Architektur, aber sehenswert, die Ausstellung in der Peggy Guggenheim Collection „For Your Eyes Only“, eine private Sammlung vom Manierismus zum Surrealismus mit Werken aus fünf Jahrhunderten, mal gruselig, mal poppig, mal skurril, immer phantastisch. Und im Palazzo Franchetti gleich an der Accademia-Bücke werden unter dem Titel „Spirit of Place“ Kunstwerke gezeigt, die in besonderer Relation zum Raum stehen. Mit dabei unter anderem Größen wie Anish Kapoor, Ai Wei Wei, Lawrence Wiener, Richard Long und Tokujin Yoshioka, A&W-Designer des Jahres 2011.
 

 

Autor:
Jan van Rossem