A&W-Mentorpreis 2014 Gesa Hansen - Auf der Überholspur

Sie hat dänische und deutsche Wurzeln, ihr Lebensmittelpunkt ist Paris: Gesa Hansen ist auf vielen Bühnen heimisch. Nicht nur geografisch gesehen. Neben ihrer Tätigkeit als Produktdesignerin ist sie auch ihr eigener Produzent und hat eine Agentur für Interieurberatung eröffnet. Gründe genug für den A&W-Designer des Jahres Werner Aisslinger, sie für den A&W-Mentorpreis 2014 zu nominieren.

Warum designen Designer? Was ist ihr Antrieb? Etwa der Welt einen neuen Stuhl zu bescheren? Könnte sein. Oder der Wunsch, eine Ikone zu erschaffen? Für einige. Oder der Forschertrieb, etwas ganz Neues auszuprobieren, ein neues Material, eine neue Technik? Das antworten viele. Fragt man Gesa Hansen nach ihrer Motivation, hört sich das so an: „Also, diese Wohnzimmertische hier: Ich war in einer Pariser Galerie und habe dort einen wunderbaren Entwurf von Charlotte Perriand gesehen. Perfekt! Wollte ich haben. Aber der Preis! 65 000 Euro. Illusorisch. Da habe ich beschlossen, selbst solche zu bauen. Ist eigentlich gar nicht mein Design.“ Die Bescheidenheit ehrt sie. Wenn mal alle Designer so ehrlich wären. In der Tat ähnelt Gesa Hansens Tisch einem Perriand-Modell. Aber es steckt doch auch ein eigener Entwurfsgedanke in dem „Coffee Table“ aus ihrer Serie „Remix“. Schon der Name der Kollektion deutet darauf hin, dass die junge Designerin die Welt nicht neu erfinden will. Aber schöner machen. Dazu trägt sie schon durch ihre bloße Anwesenheit bei: dunkle halb lange Haare, leuchtende blaue Augen, groß, schlank – und vor allem: ein gewinnendes Lächeln, nein, ein Lachen über das ganze Gesicht. Und zwar eigentlich immer. „Ja“, sagt die 32-jährige Mutter der dreijährigen Lou, „ich lache viel und gern. Deshalb ist auch Charlotte Perriand mein großes Vorbild. Ich habe gelesen, sie sei auch so ein fröhlicher Mensch gewesen.“ Es gibt jedenfalls auffällig viele Fotos von der lachenden Grande Dame des Designs.

Bester Laune ist Gesa Hansen und extrem unprätentiös beim Fotoshooting. Es gibt kein Möbel, das sie nicht bereitwillig hin und her rückt; keine Pose, die sie nicht einnehmen würde. Apropos einnehmen: „Wie wär’s mit einem Gläschen Weißwein?“ Und schon steht die Flasche auf dem Coffee Table. Was insofern praktisch ist, als sie in diesem Zusammenhang doch noch einiges zu der Designidee sagen kann. „Sofas“, referiert sie, „sind normalerweise eckig. Sind die Tische dann rund, gibt es merkwürdige Sitzsituationen. Und sind sie eckig, stößt man sich beim Herumgehen.“ Ihre (und Charlotte Perriands) Idee: ein abgerundetes Rechteck, das der Länge nach diagonal geteilt wird. „Das entspricht der natürlichen Wegführung“, findet sie; und es zu demonstrieren bietet ihr die willkommene Gelegenheit, wieder in den Aktivmodus zu schalten. Nebenbei ist die Form eine charmante Neuinterpretation des Nierentischs. Remix eben.

Aber sie ist schon längst bei einem nächsten Thema. „Kennt ihr die Stählemühle? Für die entwerfe ich gerade das Interieur.“ Da es sich dabei um eine Brennerei handelt, „die beste der Welt“, wie sie freudig verkündet, und das Interieur für die Probierstube am Rande des Bodensees noch nicht präsentierbar ist, muss jetzt wenigstens deren Erzeugnis getestet werden. Sizilianische Blutorange, 43-prozentig. Sehr köstlich. Wenn es nur nicht erst Nachmittag wäre. In dieser Situation erscheint ihr Schlafsofa besonders verlockend. Auch so eine Do-it-yourself-Nummer: „Ich hab ewig gesucht und kein ordentliches gefunden. Also habe ich selbst eins entworfen.“ Simpel, klassisch, überzeugend. Mit Einsteck-Rückenlehne für den Sofabetrieb. Ihre Eltern sind einmal im Monat zu Besuch. Sie schlafen hier prima.

Was kaum zu übersehen ist: Holz dominiert in ihrem Werk. Meist ist es Eiche natur. Mit Holz ist sie groß geworden. „Mein Großvater hat mir alles, was ich haben wollte, aus Holz geschnitzt. Puppen, Spielzeug, Bollerwagen. Holz ist für mich das Material, mit dem man alles machen kann.“ Kindheit und Jugend hat sie im Sauerland verbracht, auf einem Bauernhof. Der Opa hat geschnitzt, und die Tanten haben ihr gezeigt, wie man Hühner schlachtet und ausnimmt. „Das beeinflusst mich bis heute – ich esse Fleisch lieber, wenn ich das Tier erkenne. Nicht so abstrakte Steaks.“

Das hat mit Ursprünglichkeit, mit Nachvollziehbarkeit zu tun“, sagt sie. Bei ihren Möbeln bleibt sie auch nah am Ursprung: an der Schreinertradition ihrer Familie (mütterlicherseits), den dänischen Möbeltraditionen (väterlicherseits) und dem Holz ihrer Heimat. „Jedes meiner Möbel wird mit Holz aus einem Wald gebaut.“ In Deutschland. Produzent: „The Hansen Family“ – Vater, Mutter, Bruder. Gesa selbst hat in Paris noch anderes zu tun. So ganz nebenbei hat sie nämlich eine Agentur für Interieurberatung gegründet, gemeinsam mit der Bühnenbildnerin Pascaline Feutry und einer Kollegin, die in New York die Dependance von „Hansen Feutry“ betreibt. Ach ja, und dann ist sie noch Art-Direktorin einer Werbeagentur und entwirft für deren Kunden grafische Konzepte und das Packaging. Das führt schon mal zu der erquicklichen Kombination, dass sie mit ihrer Interieur-Agentur für ihre Werbeagentur die neue Einrichtung gestaltet, praktischerweise mit ihren Möbelentwürfen, produziert von der Hansen-Family.

Für den Abend schlägt die Deutsch-Dänin das „Richer“ vor, ein angesagtes junges Bistro im zehnten Arrondissement. Besonders angesagt ist es bei ihr wegen des Besitzers Charles Compagnon, mit dem sie seit einem Jahr zusammenlebt. Bei einem Dreigängemenü erzählt sie aus ihrem Leben. Ihr Werdegang ist gespickt mit einem schier unfassbaren Namedropping. Auch wenn es holprig losgeht: Ihre Anfrage für ein Praktikum im Studio Aisslinger wird abgelehnt (schöne Geschichte). Ihr angedachtes Grafikstudium an der Bauhaus Universität Weimar will sie mit einem Stipendium finanzieren. Dafür reicht sie einen Beitrag über Filmregisseurin Leni Riefenstahl ein, mit der sie eines der letzten Interviews geführt hat. Das Stipendium wird bewilligt. „Ich hatte sowieso eine Affinität zum Film. Über dem Architekturbüro meines Onkels hatte Adolf Winkelmann sein Büro, preisgekrönter deutscher Regisseur. Bei dem habe ich oft gesessen und zugeschaut.“

In Weimar leidet sie unter „den schrecklichen Dozenten“, hat aber das Glück, „aus Versehen“ in eine Vorlesung von Designer Axel Kufus zu geraten, einer der Helden der Deutschen Welle in den 80er-Jahren. Der fasziniert sie. Also beschließt Fräulein Hansen, Designerin zu werden. Da trifft es sich gut, dass sie kurz vor Studienbeginn ein Praktikum beim Stararchitekten Jean Nouvel in Paris ergattern kann. Nebenbei verdient sie Geld mit Babysitten. Sie passt auf die Enkelin von Catherine Deneuve auf. Auftraggeber: deren Schwiegersohn, der Chansonnier Benjamin Biolay, mit dem sie nebenbei auftritt, als Backgroundsängerin. Sie rappt da auf Deutsch. Weimar beendet sie in einer Art Fernstudium.

Gesa Hansen ist gut vernetzt. Einer großen Karriere steht nicht viel im Wege. Beim Verabschieden fragt sie noch: „Kann man eigentlich als Mentor-Preisträgerin mal A&W-Designer des Jahres werden?“ Kann man. Die bisherige Bestmarke liegt bei zehn Jahren später. Das könnte sich womöglich ändern.

 

Autor:
Jan van Rossem
Fotograf:
Jonas Unger