Im Reich der Sinne Das Auto-Interieur der Zukunft

In einem unscheinbaren Hinterhof in München entwickelt die Audi-Designerin Simona Falcinella mit ihrem Team das Auto-Interieur der Zukunft.

Der Frankfurter Ring gehört noch zum Münchner Stadtteil Schwabing. Jedenfalls postalisch. Optisch ist er weit entfernt von der schicken Vorstadt. Es dominieren fade Zweckbauten: Autohändler, Büros, Etablissements mit Namen wie „Palazzo der Sinne“ und Kleingewerbe in den Hinterhöfen. Simona Falcinella ist gern hier. Jedenfalls wenn die Tür zur „Materiathek“ hinter ihr zugefallen ist. Versteckt in einem dieser Hinterhöfe hat Audi eine Art Forschungslabor für Materialien eingerichtet. Kein Türschild, kein Ringe-Logo, ganz geheim. Simona Falcinella ist Chefdesignerin der Abteilung „Colour & Trim“ bei Audi, zuständig für Farben und Verkleidung. „Für alle Oberflächen im und am Auto“, betont sie, begleitet von einem offenen, strahlenden Lachen. Tatsächlich wird in dieser Abteilung alles bestimmt, was die Sinne berührt: das Material für den kleinsten Knopf, die Bezüge der Sitze, die Oberfläche der Armaturen – und die Farben sowieso. „Die mischen wir selbst“, berichtet die Chefdesignerin. „Sie wirken nämlich bei jedem Material anders. Und sie sollen perfekt zusammenpassen.“

In der „Materiathek“ sind Proben unterschiedlicher Materialien ausgestellt und beliebig kombinierbar. Einerseits werden hier typische Oberflächen wie Blech und Leder gezeigt, in verschiedenen Farben und Bearbeitungen; das Leder zum Beispiel mit gesteppten Nähten, die es dreidimensional erscheinen lassen. Hier wird die erste Auswahl getroffen, was überhaupt passen könnte. Andererseits ist das hier auch ein Vorgriff auf die Zukunft, eine Sammlung von interessanten Materialproben, die vielleicht irgendwann mal zum Einsatz kommen könnten. „In dieser Umgebung mit den Proben können wir gut ein Brainstorming machen“, sagt die fröhliche Italienerin. „Wenn man die Sachen sehen und berühren kann, dann inspiriert einen das viel mehr.“

Von textilen Materialien ist Simona Falcinella seit ihrer Kindheit umgeben. Geboren und aufgewachsen ist sie in Chiavenna, einer Kleinstadt nördlich vom  Comer See. Die Eltern waren, typisch für die Gegend, Stoffproduzenten. Nach dem Studium hat ihr Vater sie für Verhandlungen über eine Stofflieferung zu Alfa Romeo geschickt. Dort hat sie den Chefdesigner Walter de Silva kennengelernt. Der heuerte sie kurze Zeit später für sein Team an. Seitdem folgt sie ihrem Chef, manchmal mit Verzögerung: zu Seat, ins California Design Center, dann zu Audi.

Und wo findet sie neue Materialien und Ideen? „Für mich ist alles interessant. Ich sauge Eindrücke und Informationen auf, wo immer ich bin und von alltäglichen Dingen. Von den Menschen auf der Straße, auf Designmessen, im Kaffee, im Internet, in der Natur. Überall.“ Mit Ausnahme vielleicht vom Frankfurter Ring.

 

Schlagworte:
Autor:
Jan van Rossem
Fotograf:
Robertino Nikolic