Märchenhaftes Design Die Bank, die vom Baum erzählt

Poetisch, naturnah und manchmal sehr sophisticated – das märchenhafte Design des Parisers Benjamin Graindorge.

Benjamin Graindorge

Designer mit Fabulierlust: Benjamin Graindorge.

Es kann losgehen. Einer der talentiertesten jungen Designer Frankreichs hat seine Buntstifte gespitzt, von denen er wohl Hunderte auf dem Esstisch seines Appartements im quirligen 10. Arrondissement in Schubladenkästen und leinenbezogenen Boxen griffbereit um sich herum drapiert hat. Doch anstelle von Stühlen und Tischen erscheinen in seinem Skizzenblock flackernde Gebilde, schwirrende Strudel und tanzende Linien. „Ich fange mit Stimmungen an, nie mit einem Objekt“, erklärt Benjamin Graindorge, 33, dessen Nachname „Roggen“ bedeutet und prima zu ihm passt. Denn er ist so lang wie eine Ähre, hat Augen braun wie Kastanien und sieht ein bisschen aus wie ein Landwirt im 19. Jahrhundert. „In meinem Kopf sind die Ideen komplex, zu fragil für die Realität“, sagt er. „Ich möchte sie so lange wie möglich beschützen – deshalb arbeite ich sehr langsam.“

Eine Art Beschleuniger ist Valérie Maltaverne, Gründerin der Galerie Ymer & Malta. In ihrem Haus und im benachbarten Showroom versammelt sie Dutzende seiner Entwürfe. Einmal pro Woche sitzt Benjamin Graindorge auf ihrem Sofa, die Katze auf dem Schoß, und zeigt neueste „dessins atmosphériques“. „Häufig erkenne ich vor Ben, was sich aus einer abstrakten atmosphärischen Skizze entwickeln lässt“, sagt die Galeristin.

So entstehen aus Diskussionen Möbel und Objekte in außergewöhnlichen Formen. Etwa die Bank „Fallen Tree“, sein Bestseller. „Es wartet schon wieder ein Kunde auf ein Exemplar“, freut sich Valérie Maltaverne. Und er ergänzt: „Für jede neue Bank suche ich mit einem Schreiner einen passenden Ast im Wald.“ Er braucht Zeit und nimmt sie sich. Dass fast alle seine Designs kompliziert herzustellen sind, ist ein graindorgesches Markenzeichen. Das ultraklare Silikatglas für den Fuß der Bank erhält man in Frankreich zum Beispiel erst seit 2010. Und bei dem „Sofa Scape“ werden etliche Schaumstoffpads in Leder eingenäht, nachdem der Kunde den Farbverlauf der Sitzlandschaft ausgewählt hat.

„Handgefertigtes Design ist der wahre Luxus unserer Zeit“, sagt der Gestalter. „Leider haben wir echte Probleme, Handwerker zu finden, die meine Ideen umsetzen. Zuerst meinen sie immer, das könne nie was werden.“ Neben der professionellen Fertigung liegt ihm die poetische Seite seiner Kreationen am Herzen, etwa bei dem neuen Spiegel-Triplett „Mirage Mirror“, über dessen Oberflächen Wolken ziehen. Dass sie aus winzigen, per Serigrafie aufgebrachten Pixeln bestehen, sieht man erst aus unmittelbarer Nähe. Das „Spiel“ wiederholt sich bei den meisten seiner Produkte: Ihr Äußeres ist leise und poetisch, ihr Kern komplex und raffiniert. Auf diesem Schema basiert auch die japanische Designästhetik, die er verehrt, seit er 2009 in der französischen Künstlerresidenz Villa Kujoyama in Kyoto arbeitete. Seine Angewohnheit, Entwürfe zu zeichnen, war lange uncool. „Ich bin gegen den Strom geschwommen“, sagt Benjamin Graindorge. Erst die Brüder Bouroullec (A&W-Designer des Jahres 2013), bei denen er ein Praktikum machte, bestärkten ihn darin, Gefühlslagen zu zeichnen. Mittlerweile wird er oft gefragt, ob er Skizzen verkauft. „Non, jamais! – Die Bilder sind für mich wichtig. Ich brauche sie, um mich an Stimmungen zu erinnern.“

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Autor:
Camilla Péus