Form Follows Material Designertrio Atelier Oï

Die drei Schweizer vom Atelier Oï lehnen das Motto „form follows function“ ab. Sie experimentieren lieber mit der DNA eines Herstellers – bei B&B Italia mit Lederpolsterung.

Die ganze Philosophie eines Unternehmens in seinem Namen unterzubringen ist eine Kunst. Als Patrick Reymond, Aurel Aebi und Armand Louis 1991 ein Designbüro gründeten, hatten sie klare Vorstellungen: Reden, diskutieren, spekulieren sollte ein wichtiger Bestandteil des Entwerfens sein, die Herangehensweise an Projekte und Produkte keinem Schema folgen, sondern experimentell sein. Reymond, Aebi und Louis nannten ihr Unternehmen Atelier Oï. Die Bezeichnung „Atelier“ verweist auf eine offene, künstlerisch orientierte Arbeitsumgebung. „Oï“ ist ein lautmalerisches Schnipsel aus dem russischen „Troïka“, dem Dreigespann. Am Beginn einer Arbeit steht für sie nicht der Entwurf einer Form, sondern die Beschäftigung mit dem Material. So wie bei „Hive“, einem Projekt für die italienische Möbelmarke B&B Italia. Schnittreste aus feinstem Leder, Überbleibsel aus der Produktion, zu schade zum Entsorgen, lieferten die Grundidee.

Atelier Oï analysierte, probierte und entwickelte schließlich ein handwerkliches Verfahren, in dem die Lederstücke zu einer komfortabel voluminösen Struktur geflochten werden. B&B Italia präsentierte das Projekt im April 2013 zum Salone del Mobile, zuerst einmal als Bezug für Ottomane, gepolsterte Hocker.

Seit 2009 betreibt das Atelier Oï im „Moïtel“, einem dreigeschossigen ehemaligen Motel, in La Neuveville an der innerschweizerischen Sprachgrenze auf rund 900 qm seine umfangreiche Materialbibliothek. Ausstellungsflächen, Büros und Werkstätten gehören dazu, in denen das interdisziplinäre Team Ideen verknüpft, verdichtet und zielgerichtet anwendet. Leder spielte schon bei anderen aktuellen Projekten eine Rolle. Bei den „Objets Nomades“ für Louis Vuitton und der „Stelle Filanti“-Serie für Venini Artlight beispielsweise. Bei der Hängeleuchte für Venini wird ein mundgeblasener Glaskörper in ein filigranes Ledernetz eingespannt. „Objets Nomades“ ist ein extravagantes Outdoor-Ensemble aus einer opulenten Leder-Hängematte und einem faltbaren Hocker aus dem gleichen Material.

Einflüsse einer nomadischen Lebensweise werden auch bei „Oasis“, Sessel und Sofas für Moroso, spürbar. Das Improvisierte nomadischer Kulturen verbindet sich in überraschender Weise mit westlicher Systematik. Ein Polsterkissen, ein großzügiger Überwurf, festgezurrt und mit einer Lehne ergänzt – bei Atelier Oï werden Gedankengänge zu neuen Möbelformen.

Autor:
Jörg Zimmermann