Der stille Star vom Ammersee Designer Jan Armgardt

Seine Möbel finden sich in vielen Katalogen und zuhauf in deutschen Wohnzimmern. Aber nirgendwo stehen so viele Entwürfe von Jan Armgardt wie bei ihm zu Hause in Bayern. Zwischen seinen Industrieaufträgen hat er immer wieder Prototypen gebaut – nur für sich, aus Lust am Experimentieren, aber manchmal auch zum Frustabbau. Die dabei entstandenen Unikate waren den Trends voraus.

Der „Speed Chair“ mag nicht im MoMA stehen, der Tisch „Roter Engel“ keinen Designpreis bekommen und auch die „Skyboat“-Liege es nicht zur Serienreife geschafft haben. Und doch sind sie privilegiert, stehen hier, unter dem Dach von Jan Armgardts Holzhaus in Schondorf, an Plätzen, wie man sie sich schöner kaum vorstellen kann. In der Ferne sind die Alpen zu sehen, und wenn auch nicht alle Möbel, so dürfen sich doch zumindest die hoch aufragendenRegale im irisierenden Glitzerlicht des Ammersees sonnen. Das verwinkelte Holzhaus ist, neben idyllischer Familien- und Atelieradresse, über alle Etagen eine Art Privatmuseum, Hauptsammelgebiet: Armgardt. Rund um wenige fremde Klassiker von Eames oder Le Corbusier füllen weit über 100 Objekte jede nur denkbare Stellfläche, und sie haben ihre besondere Geschichte – alle zusammen und auch jedes einzelne.

Denn wann immer der heute 67-jährige Designer sich unterfordert fühlte, wenn er ratlos war oder genervt, hat er sich eine Auszeit gegönnt und alle Leidenschaft in private Einzelstücke geleitet, hat Unikate geschweißt, gehobelt, geklebt, hat Sitzlandschaften aus Papier und statisch gewagte Regale aus Knüppelholz gebaut. Wenn nichts mehr ging, hat er einfach geguckt, was noch geht.

Anlässe gibt’s genug, wenn man über 40 Jahre lang designt: Ein Vertrieb kann pleitegehen, Firmenpartner sich zerstreiten, die allgemeine oder persönliche Konjunktur schwächeln, eine Idee zu spät, aber auch zu früh kommen und zurückgewiesen werden. „Dann muss man ja irgendwie weitermachen“, sagt Jan Armgardt. Und dank Long- und Bestsellern für Hersteller wie Leolux, WK, Wittmann, Müller Möbelwerkstätten oder Mobilia (Kultfaltsessel „Tattomi“) „hatte ich das Glück, mir solche freien Zeiten überhaupt leisten zu können. Kann ja nicht jeder!“ Die Folgen können dem Besucher, dem Hausherrn treppauf, treppab durch sein weitläufiges Haus hinterhereilend, den Atem nehmen – vorbei an Spiegeln mit Wellen, fahnengeschmückten Garderoben, abknickenden Regalen und gezackten Sideboards; und auch im Garten stehen kleine Armgardts. Spätestens hier bekommen sie etwas Feierliches und Theatralisches wie in einem Freiluftmuseum à la Louisiana. Nur Hündin Laila sieht das pragmatischer und nutzt einen tiefen Stuhl als Trinkschale, weil sich in seiner Sitzmulde so wunderbar das Regenwasser sammelt.

„Mein Ideen-Archiv“ nennt Jan Armgardt seine riesige Sammlung und erklärt, warum er inmitten seiner Objekte, ob veröffentlicht oder nicht, gerne lebt, während andere Designer damit kokettieren, genau eben dies nicht zu können, weil es ihre Phantasie hemme. „Was für ein Quatsch! Es geht doch immer um Weiterentwicklung, unsere ganze Kultur ist darauf aufgebaut – was gibt es, was kann man besser machen?!“ Der fast Weißhaarige, praktizierender Anthroposoph, kann sich immer noch aufregen wie ein junger Mann, die Grundhaltung aber ist zugewandt, neugierig, alte 70er-Jahre-Schule – das Uni-Du sitzt locker, das Verständnis für vieles, ebenso wie eine wache Skepsis. „Wie wir heute in unserer Wegwerfgesellschaft leben, das kann doch nicht so weitergehen, das kann man doch nicht im Ernst glauben!“ Eine Riesenaufgabe gerade für Designer, ist er überzeugt: „Öko darf auch Spaß machen, sogar Lust. Mit Verboten und Predigten überzeugt man niemanden!“

Was geht und was nicht, das hat er, wenn man es überhaupt lernen kann, studiert; kaum ein anderer deutscher Entwerfer hat so viele Dekaden durchlebt, stilistisch wie wirtschaftlich. In den 60er-Jahren baut der gelernte Schreiner und studierte Inneneinrichter erste Modulmöbel und versucht, lange vor jeder IKEA-Lässigkeit, sie im Selbstvertrieb und per Versand zu verkaufen. In den 70ern entwirft er Wohnlandschaften aus Kuben und wandelbare, bewegliche Sofas, in den 80ern kommen Materialexperimente dazu, in den 90ern Hochschulehren in Coburg, später in Aachen. Anders als viele Designer dieses Jahrzehnts verschwindet er nicht im Theorie-Getto, sondern kämpft weiter mit den Alltagsmühen der Möbelpraxis – und findet schließlich im Flechten das Thema seines Lebens. Dass es nach jahrzehntelangem Einsatz dann aber nicht er, sondern Patricia Urquiola ist, die sein Lieblingsgenre Flechten auf die internationale Bühne bringt und sogar zum Markenzeichen macht – ärgert ihn das nicht? „Für die Sache ist es ja gut“, sagt er – und man merkt, dass er sich diese Frage schon oft selbst gestellt hat, bis er eine versöhnliche Antwort gefunden hat. „Man lebt leichter, wenn man sich nur über das aufregt, was man auch ändern kann. Es gibt immer irgendwo einen, der ist schneller, besser, erfolgreicher als du.“ Seine Konsequenz: „Sei einfach du selbst und mache es so, wie du kannst, und in deiner Geschwindigkeit.“

Und das tut er. Für sein Thema Flechten – vor allem von Rattan – reist er jetzt zweimal im Jahr für mehrere Wochen nach Indonesien, versucht dort über Entwicklungsprojekte, einheimische Designer zu schulen und vor allem den Blick für westliche Ästhetik zu trainieren. Er zeigt ein Erinnerungsvideo. Blut spritzt plötzlich über den Monitor, wie in einem Splattermovie–Werkstattversuche einer neuen Technik. Nicht Blut, sondern rote Farbe wird von innen durch die Kapillaren der Rattanfaser gepresst und gibt ihnen eine tiefe Tönung. „Daran arbeitet ein Doktorand von mir. Sensationell!“ Zur nächstjährigen Kölner Möbelmesse sollen diese Flechtansätze präsentiert werden. „Ich bin überzeugt, dass Ökologie vom Mainstream akzeptiert werden wird. Und wir Designer müssen zeigen, dass sie attraktiv sein kann.“ Selbst der aktuelle Skandinavien-Boom sei als ökologischer Trend zu deuten, „als Sehnsucht nach natürlichen Materialien, Vernunft und Langsamkeit“.

Draußen glänzt der See, jetzt voller Boote, Luxus-Entschleunigung – sieht aus wie gemalt. Segelt er? „Ach nein“, sagt er, „schade um die Zeit. Geht ja alles von dem ab, was ich gerne mache.“ Das hört sich nach Glück an.

Autor:
Rolf Mecke
Fotograf:
Christopher Thomas