Münchner Freiheit Designklassiker: Regalsystem 606

Das Regalsystem 606, das Dieter Rams für Vitsoe entwarf, ist eine Design-Legende. Der neue deutsche Showroom zeigt, wie vielfältig man sie nutzen kann: in einem bewohnten Appartement.

Regalsystem 606

Münchner Appartement

Auftakt

Im Münchner Appartement von Vitsoe begrüßt das Regal Besucher in der Variante als Garderobe und als Sideboard.

An einem Freitag im August schaute der Meister selbst in München vorbei. Dieter Rams, 79, die deutsche Designer-Ikone, der einstige Chefgestalter von Braun, besichtigte mit seiner Frau das Appartement im dritten Stock des Hauses Nummer 41 in der Sendlinger Straße. Seit Kurzem wohnen dort Monika Hary und Michael Haberbosch. Und arbeiten. Was bei dem Ehepaar aber sowieso nicht zu trennen ist, wie jeder sofort erkennt, der die Wohnung betritt. Überall hängen und stehen Varianten des „Regalsystems 606“, bei dem verschiedene Böden, Kästen und Schubladenelemente variabel in Schienen aus Aluminium gesteckt werden. Entworfen 1960, gilt es als idealtypisch für Rams’ Vision, mit möglichst wenig Design möglichst viel Freiheit in der Gestaltung zu ermöglichen. Produziert und vertrieben wird es von der Firma Vitsoe. Der Däne Niels Vitsoe (1913–1995) gründete sie 1959 und konnte Dieter Rams als Designer gewinnen. Bis heute überwacht dieser persönlich jeden Schritt bei der Weiterentwicklung des Produkts.

Braun-Anlage

Musik-Ecke

Die Braun-Anlage auf den Tablaren ist natürlich auch Dieter-Rams-Design.

„Ich war überrascht, wie positiv er das Konzept aufgenommen hat“, erklärt Michael Haberbosch und meint die Idee, die er und seine Frau zuvor schon ein paar Jahre in Irland ausprobiert hatten: ihr Haus zum Geschäft zu machen. Fürchten sie nicht um ihre Privatsphäre? Nein, erwidert er, sie seien ohnehin sehr ordentliche Menschen, Kunden könnten sowieso zu fast jeder Zeit bei ihnen vorbeikommen, und dann sei es „jedes Mal ein Erlebnis, wie die Leute die Eindrücke in sich aufsaugen“. Es sei eben etwas anderes, über ein Regalsystem zu reden, oder einfach in die Küche zu gehen und sich anzuschauen, wie sich das Regal als Oberschrank inklusive Tisch macht, oder wie es im Flur als Garderobe wirkt.

Metalltablaren

Sortiert

Seine CDs, DVDs und Videokassetten hat der Hausherr auf Metalltablaren mit 16 Zentimeter Tiefe platziert.

„Wir wollen unseren Kunden die Vorzüge eines beinahe unsichtbaren Möbels nahebringen. Das geht in einer Wohnung besser als in einem Geschäft“, sagt Vitsoe-Geschäftsführer Mark Adams. So, wie Haberbosch seit 1968 für das Unternehmen arbeitet, Monika Hary einst Niels Vitsoes rechte Hand war, arbeitete Adams lange als britischer Agent der Firma, bevor er 1993 die Geschäfte übernahm. Er verlagerte die Produktion von Deutschland nach England und expandierte durch den Onlinevertrieb und die Eröffnung eigener Geschäfte in London, New York, Tokio – und nun auch in München.

Dieter Rams hat Vitsoe jetzt sogar die weltweite Lizenz für seine Möbel übertragen, in Deutschland wird das Unternehmen sie ab 2013 als einziges anbieten. „Wir fühlen uns geehrt“, sagt Mark Adams. „Nun liegt es an Vitsoe, Menschen in aller Welt davon zu überzeugen, dass man mit Wenigem, das lange hält, besser lebt.“ Einziges Vitsoe-Produkt ist bisher das Regal 606. Doch auch das Sesselprogramm 620 von 1962 soll wieder aufgelegt werden, natürlich vorher technisch überarbeitet, wie es auch mit dem Regal geschah: Die früher eckigen (und scharfen) Kanten der Aluminiumschienen und der Wangen der Tablare wurden abgerundet, die Scharniere für die Klappen der Regalkästen durch Seilzüge mit Gegengewichten ersetzt, die Türen schließen, wie es heute Standard ist, sanft abgefedert.

Dieter Rams

Geprüft und akzeptiert: Auch dem kritischen Blick von Dieter Rams hielt das Konzept der Altbauwohnung als Showroom stand.

Und natürlich gibt es auch einen „Desk Shelf“ für Computer oder Notebook als Arbeitsfläche, dafür aber keine Böden mehr aus Holz, jedenfalls keine mehr mit geringer Tiefe. Besitzer der Ursprungsversion erinnern sich: Bei voller Bücherlast bogen sich etwa die 22-Zentimeter tiefen Tablare durch. Auch hier bewährt sich das Rams-Diktat „weniger, aber besser“: Es gibt nur noch die 36-Zentimeter-Version.

Autor:
Volker Corsten