Gläserne Geschöpfe Glaskünstlerin Susan Liebold

Die Thüringerin Susan Liebold gestaltet Objekte aus Glas, inspiriert vom Wald und der wunderbaren Welt der Tiefsee: Bizarre Formen, getaucht in mystisches Licht. Ihre großformatigen, filigranen Arbeiten sind weltweit geschätzte Sammlerstücke.

Glaskünstlerin Susan Liebold

Glaskünstlerin Susan Liebold

Das Moos gibt bei jedem Schritt nach. Tannenzapfen knacken, Laub zischelt. Sonst ist es still zwischen den Birken und Lärchen. Schiefer zerbröselt unter den Schuhen. Auf der Lichtung hält sich der Nebel. Plötzlich kommt wie eine Lichtgestalt ein Mädchen im schwarzen Kleid hinter einem Busch hervor. In den Händen hält es etwas Glitzerndes. Eine Kugel aus Eiskristallen. Wie ein großer Wassertropfen, der beim Aufprall in kleinste Tröpfchen zerspringen könnte.

Das „Mädchen“ ist 35 und heißt Susan Liebold. Sie ist Glaskünstlerin, eine Poetin, die Geschichten aus Glas erzählt. „Meine Kindheit habe ich im Wald und am Bach verbracht“, sagt die zierliche Frau mit den Pünktchenschuhen. Hierher kehrt sie immer wieder zurück. Nach Berlin wollte sie damals gehen, vielleicht auch nach New York. Biologie studieren. Stattdessen sitzt sie in einem ehemaligen Gaswerk an der einzigen Straße, die Schneidemühle durchzieht: ein 45-Seelen-Dorf in dem waldreichen, hügeligen Osten Deutschlands, in Thüringen, an der ehemaligen Grenze zwischen DDR und BRD. Die schieferbemäntelten Häuser stehen dicht an dicht. Hinter dem alten Gaswerk, das Susan Liebold als Atelier und Wohnhaus dient, hört man den Bach gurgeln. Die Künstlerin steht breitbeinig im Wasser und fischt im Klaren. Als sie heraussteigt, hat sie beide Hände voll: kleine Porzellanpüppchen ohne Arme und Beine, ein Jesus ohne Kreuz und eine Balletttänzerin, der das Oberteil abhanden gekommen ist. Und zwei Murmeln, mattiert und verschrammelt von den Bachkieseln.

Als junges Mädchen hat sie schon die merkwürdigen Überreste einer Porzellanmanufaktur im Nachbarort aus dem Bach gefischt, der oft als Entsorgungskanal diente. In ihm landeten manchmal auch Murmeln aus den Glashütten der umliegenden Gemeinden, für die der Thüringer Wald mit seinen Schieferbrüchen so berühmt ist. Eine Fundgrube für Kinderseelen. „Ich konnte doch schon deshalb nichts anderes werden als Glasdesignerin.“

An Murmeln erfreut sich die Frau mit dem Pferdeschwanz bis heute. Aber ihre filigranen Werke wachsen weit darüber hinaus, werden zu Rauminstallationen, bis zu sieben Meter lang und bis zu 30 Kilo schwer. Und sie gehen ihren Weg aus dem schmalen, dunkeln Thüringer Tal in die Welt hinaus. Sammler in Schweden, der Schweiz, in Amerika, Brasilien und den arabischen Emiraten erwerben ihre poetischen Gebilde, die wie gewebt, gestrickt, gekettet und verknotet wirken. Eine ihrer Installationen hängt im Ozeaneum in Stralsund: ein zwei Meter langes Biologiemodell der Staatsqualle Nanomia Cara – zusammengesetzt aus etwa 2600 Einzelteilen. Naturwissenschaftler halfen der damals erst 30-Jährigen, die schwimmende Kolonie von Einzelindividuen zu verstehen, die mit leuchtenden Tentillen kleine Fische als Beute anlocken.

Seite 1 : Glaskünstlerin Susan Liebold
Autor:
Brigitte Jurczyk
Fotograf:
Marcel Köhler