Ästhetik und Wiedergeburt Nutzbare Skulpturen: Die Holzmöbel von Carl Auböck

Ästhetik und Wiedergeburt: Der Wiener Carl Auböck wird plötzlich als Design-Held mit gehobenem Kultstatus gefeiert. Weil er den funktionalen Stil der 50er-Jahre mit einer Dimension von spiritueller Tiefe versah.

Ein Schaft aus Bambus, ein Messingfuß und ein Schirm aus Pergamentpapier: Die schlanke Stehleuchte lässt sich kippen; so bekommt jeder das Licht, das er gerade braucht. Ein Servierwagen aus gebogenem Eisen mit hölzernen Rädern und einer Ablage aus Peddigrohr: Was der Wiener Carl Auböck (1900–1957) in seiner Werkstatt entwarf und baute, waren nützliche Dinge.

Und es waren einfache Begleiter für den Alltag, doch das Publikum erkannte darin vollendete Formulierungen für ein neu entdecktes Lebensgefühl der 50er-Jahre. Diese Gegenstände erschienen so leicht, so frei und heiter, auch eine Spur exotisch im Mix der Materialien. Und doch steckt erkennbar künstlerischer Anspruch darin. Die Tütenlampe hat einen beweglichen Schwanenhals, der Pfeifenständer eine organisch fließende Form – das sind nutzbare Skulpturen für das Wohnzimmer. Andererseits lastet die schräg ausgeschnittene Scheibe aus dem Stamm eines Nussbaums mit ihren schrundigen Rändern schwer auf vier lächerlich dünnen, mit Gumminoppen versehenen Messingbeinen.

Wie viel Witz steckt in einem Sofatisch? Wie viel Pathos trägt eine Bücherstütze? Und wie viel Widerstand gegen einen bestenfalls eleganten Zeitgeist zeigt sich in einer weich geschliffenen Holztasse, einem fließend modellierten Aschenbecher aus poliertem Metall oder einem Bambusgriff, dessen angesengte Knoten auch dem Unverständigsten deutlich machen sollen, dass sein Material einst in der Natur gewachsen ist?

Carl Auböck war Handwerker, Sohn eines Gürtlers und Ziseleurs, und suchte nach einer spirituellen Dimension im Leben. Er war beseelt von der altpersischen Wiedergeburtslehre des Mazdaznan, fasziniert von den künstlerischen Impulsen seiner Lehrer am Bauhaus in Weimar – aber er musste auch die vom Vater geerbte Werkstatt in Wien durch die unruhigen Zeiten bringen. Er fand, dass das Leben und die Epoche ihm eine Menge Fragen stellten.

Seite 1 : Nutzbare Skulpturen: Die Holzmöbel von Carl Auböck
Autor:
Martin Tschechne