Exklusives Design Tommi Parzinger

Der Deutsche Tommi Parzinger brachte in den Dreißigern Glamour in die New Yorker Society. Er hatte den exklusivsten Showroom der Stadt. Nun wird er wiederentdeckt.

In den elegantesten Apartments der Park Avenue saßen in den 1950er-Jahren die Damen in Cocktailkleidern aus Diors New-Look-Kollektion auf Sofas von Tommi Parzinger. Sie frisierten sich an den Toilettentischen des deutschstämmigen Designers und entnahmen die Zigaretten einem seiner silbernen Etuis. Es waren Bilder wie Szenen aus der heutigen Kultserie „Mad Men“. Die Fords, DuPonts und Rockefellers zählten zu der Klientel des handwerklichen Perfektionisten ebenso wie Miss Miller, die ihn eines Abends in ihre Wohnung am Sutton Place bat; es war Marilyn Monroe. „Parzinger Originals“ an der 57th Street galt als der exklusivste Showroom in ganz New York. Die exquisit aus Hölzern wie Macassar und Mahagoni gefertigten, mit Messingbeschlägen dekorierten Möbel ließen sich trotz ihrer modernen Formgebung mühelos in die antiquitätengefüllten Residenzen einfügen – von Manhattan bis Hollywood.

Der Schöpfer dieser feingliedrigen Objekte war ein Dandy, der mit seinem Lebensgefährten und Geschäftspartner Donald Cameron nur in maßgeschneiderten Anzügen auftrat. „Was würde ich darum geben, um mit diesen beiden Herren im El Morocco trockene Martinis zu trinken“, sagt die New Yorker Galeristin Patricia Palumbo, die vor 15 Jahren mit der Wiederauflage von Designs des 1981 verstorbenen Parzinger begann.

Die glamouröse New Yorker „Café Society“ der Nachkriegszeit fand das Bauhaus zu radikal und Eames zu populär. „Für urbane Amerikaner einer gewissen Einkommensschicht schlug Parzinger dieBrücke zwischen europäischer Avantgarde und französischer Handwerkstradition des 18. Jahrhunderts – auf diese Weise half er, die Moderne in die USA einzuführen“, erklärt Gail Davidson, die Archivarin am Cooper Hewitt Museum an der Fifth Avenue, das eine Sammlung von rund 500 Parzinger-Zeichnungen und Fotos seiner Interiors beherbergt: Entwürfe für Tapeten, Stehlampen, Krawatten und Möbel; Schwarz-Weiß-Bilder von Tischen und Konsolen mit chinesischen Anklängen, von Stühlen mit „Wiener Werkstätte“-Assoziation und Sesseln mit Art-déco-Inspiration: Tommi Parzingers Einrichtungen waren Gesamtkunstwerke, in denen man Jazz oder Bach hören konnte und wo eine japanische Tuschezeichnung ebenso hineinpasste wie Action-Paintings von Jackson Pollock.

Tatsächlich war Tommi Parzinger selbst ein abstrakter Expressionist und arbeitete täglich an Bildern, die mit seinen geschliffenen Design-Kreationen wenig gemein haben. Als Sohn eines betuchten Bildhauers hatte er mit 17 die Münchner Kunstgewerbeschule besucht und ein breites Spektrum handwerklicher Techniken erlernt, von der Schmiedekunst über die Keramik bis zur Glasbläserei.

Seine Designs für KPM, Königliche Porzellan-Manufaktur Berlin, brachten ihm in den 20er-Jahren frühe Anerkennung. Er entwarf Leuchter, Aschenbecher, Dosen – und charmante Hundefigurinen. Die wurden von den Hamburger Designscouts Kuball und Kempe wiederentdeckt und werden neu aufgelegt.

Zwei Jahre nach Hitlers Machtergreifung ließ sich Tommi Parzinger in New York nieder. Für Rena Rosenthals Laden in der Madison Avenue entwarf er bald Silber- und Glasobjekte, aber auch Möbel, ehe er 1939 sein eigenes Geschäft eröffnete. Als Pat Palumbo Parzingers „High Style Modernism“ in Gestalt einer Konsole in einem Antiquitätengeschäft begegnete, gab sie Saarinen und Eames auf und machte sich mit Donald Cameron auf die Suche nach qualifizierten Handwerkern für Reeditionen – in Montauk spürte sie die besten Tischler der Region auf, und ein Restaurator von metallenen Musikinstrumenten half ihr mit den Ornamenten. Die technische Raffinesse von Parzingers Objekten macht den Designpiraten das Kopieren unmöglich. Und für die Stücke in türkisem, rubinrotem oder bananengelbem Lack stimmt auch heute noch, was einen „New York Times“- Reporter 1957 zum Schwärmen brachte: „Sie tun für einen schlichten Raum, was eine Diamantbrosche aus einem einfachen Kleid macht.“