Bücher Die 100 Documenta Notebooks

Willkommen im Kopf heissen hundert Notizbüchlein neugierige Besucher als Vorbereitung auf die Documenta. Unter den Verfassern sind etliche Künstler. Wir stellen sechs Favoriten vor.

Documenta Notebooks

Notebook Lawrence Weiner
Lawrence Weiner

Ästhetik der Verwirrung. „Eine gute Portion Mut passt zu guter Kunst. Ein guter Sauternes passt zu guten Austern“, notiert der amerikanische Papst der Konzeptkunst Lawrence Weiner in seinem Vokabelheftchen. Dass es dasselbe Mini-Format wie sein erster Beitrag zur Documenta 5 im Jahr 1972 hat, ist sentimental – und ein Einblick in die Ideenwelt und Arbeitsweise des Künstlers, der mit Worten und Buchstaben spielt. Weitere gewähren seine zum Teil handschriftlichen Aphorismen und Kommentare zu zeitgenössischer Kunst, manche lakonisch, manche spaßhaft: Man erfährt zum Beispiel, wie viele Engel auf einem Stecknadelkopf tanzen können.

Notebook 008: If in Fact There is a Context, Lawrence Weiner, DIN A6, 24 Seiten, 4 €.

Notebook Mariana Castillo Deball & Roy Wagner
Mariana Castillo Deball

Biologie der Täuschung. Keiner trickst den Kojoten aus, nicht einmal Roy Wagner, Anthropologieprofessor an der Universität von Virginia. Die in Berlin lebende Mexikanerin Mariana Castillo Deball verwickelt die beiden in ihrem Notebook in ein fiktives Streitgespräch. Der Wissenschaftler setzt auf die Macht des Unausgesprochenen. Der Vierbeiner ist pragmatisch und nutzt die Sprache, um Wirklichkeit zu erschaffen. Er sagt: „Ich bin genau das, was die Wahrnehmung wäre, wenn sie genug über sich wüsste.“ Absurd? Nicht nur. Fragen wie: Was ist Anthropologie? Was können Forscher etwa bei Bruchstücken einer aztekischen Skulptur überhaupt er fassen, beschäftigen die Künstlerin.

Notebook 024: Kojotenanthropologie, Mariana Castillo Deball und Roy Wagner, DIN A5, 24 Seiten, 6 €.

Notebook Emily Jacir & Susan Buck-Morss
Emily Jacir

Biografie der Geografie. Die in den USA lebende Palästinenserin Emily Jacir, die mit Film, Sound und Video arbeitet, hat ein Fotoalbum für traumatisierte Bauten angelegt: fürs Benediktinerkloster Breitenau bei Kassel etwa, das NS-Lager und Besserungsanstalt war, oder die palästinensische Bibliothek in Beirut, die verfällt und in Vergessenheit gerät. Wie wird das kollektive Gedächtnis von Wissen, Macht und Kunst beeinflusst? fragt die amerikanische Philosophin Susan Buck-Morss in ihrem begleitenden Text zu Paul Klees Zeichnung „Angelus Novus“, die in einer abenteuerlichen Odyssee vor den Nationalsozialisten nach Jerusalem gerettet wurde.

Notebook: 004, Emily Jacir/Susan Buck-Morss, DIN A5, 48 Seiten, 6 €, Englisch.

Notebook Mario Garcia Torres
Mario Garcia Torres

Kunst des Besuchens. „Kommt doch zum Kaffee!“ Der mexikanische Künstler Mario Garcia Torres hat dem Satz seine Naivität genommen. Durch die Vielfalt an Verhaltensweisen werfe jeder Besuch grundsätzliche Fragen auf, so die These des Essays. Darf man zum Beispiel fremde Wohnungen besetzen, und soll man lieber Wein oder Blumen mitbringen? Mario Garcia Torres versteht Künstler als Einladende, die Betrachter ihrer Werke als Eingeladene. Mit dem gleichen Interesse setzt er sich auf die Spuren von Künstlern der 60er-Jahre, die Hotels gründeten wie Daniel Buren auf St. Croix, einer der amerikanischen Jungferninseln. Noch heute sind von seinem Grapetree Bay Hotel Relikte zu finden.

Notebook 026: Einige Fragen hinsichtlich des Zögerns bei der Entscheidung, eine Flasche Wein oder einen Blumenstrauß mitzubringen. Mario Garcia Torres, DIN A 5, 28 Seiten, 6 €.

Notebook Matias Faldbakken
Matias Faldbakken

Spuren der Maus. Der Vater ist Schriftsteller, die Mutter Künstlerin, der Sohn Matias Faldbakken, geboren 1973, gilt in seiner Heimat Nor wegen als einer der besten auf beiden Gebieten. Wie tickt der Provokateur, der Metallspinde mit einem Gurt zusammenzwingt, der Ibsen umschreibt und dann in internationalen Museen ausstellt? Ein Klick mit der Maus und die Goggle-Chronik seines Rechners gibt Einblick: „Sponge Bob Anatomy/Frost/Franzen Asshole/Franzen Jerk/Cunt in Slowenian/An Empty Head Gets The Easiest Sleep“, so ein Auszug des Verlaufs . Gedankenfetzen schwirren aus dem virtuellen Raum und hinterlassen Treffer in der analogen Welt.

Notebook 035: Suche, Matias Faldbakken, DIN A6, 32 Seiten, 4 €, Deutsch/Englisch.

Notebook Ana Prvacki & Irina Aristarkhova
Ana Prvacki

Kraft des Händedrucks. Als die Großmutter einmal einen Gast nicht mochte, steckte sie ihm Schnee in die Stiefel. Eine Kindheitserinnerung aus der Heimat Jugoslawien, die die Künstlerin Ana Prvacki zum Essay über Gastfreundschaft inspiriert hat. Kunst ist willkommen heißen, so die These. Argumente liefern unter anderem der Amerikaner Daniel Bozhkovs, zu dessen Werken ein „Training in Assertive Hospitality“ („Ausbildung in nachdrücklicher Gastfreundschaft“) beim Kaufhausriesen Walmart zählt, und Irina Aristarkhova, Professorin für Kunst und Frauenstudien in Pennsylvania.

Notebook 043: Das Begrüßungskomitee berichtet …, Ana Prvacki/ Irina Aristarkhova, DIN A 5, 24 Seiten, 8 €, Deutsch/ Englisch.

Alle Notebooks im Hatje Cantz Verlag.

Autor:
Petra Mikutta
Fotograf:
Kai-Uwe Gundlach, Kumicak + Namslau