Nachgefragt Interview Carolyn Christov-Bakargiev

CCBDer Vater Bulgare. die Mutter Italienerin, geboren in den USA, Kunstkritikerin in Rom: Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev verspricht, eine dOCUMENTA der vielfältigen Beziehungen zu organisieren - und zu Fragen, was Kunst heute in der Welt bewirken kann.

Carolyn Christov-Bakargiev

In einem Heft der Reihe „100 Notizen – 100 Gedanken“, der ideellen Landkarte der dOCUMENTA (13), erzählt der Literaturwissenschaftler Daniel Heller-Roazen, was al-Jahiz für den Umgang mit Geheimnissen empfiehlt: Es gebe keine verlässlichere Methode, so zitiert er den irakischen Schriftsteller des 9. Jahrhunderts, „eine bestimmte Sache schnell weithin bekannt zu machen, als diese als das Objekt der Geheimhaltung vorzustellen.“

Auch die Kunst braucht Vorfreude und Spannung, auf dass keiner zu früh einen Blick in die wohlbehütete Schatztruhe erhasche. Die künstlerische Leiterin der dOCUMENTA (13), Carolyn Christov-Bakargiev, liebt Geheimnisse, und sie weiß, mit ihnen umzugehen. Ein Konzept? Habe sie nicht. Eine Künstlerliste? Was könne die schon aussagen? Wie ihre Vorgänger weiß sie, wie man nach und nach einige Karten aufdeckt, dabei aber die Trümpfe auf der Hand behält. Und doch ist es diesmal etwas anders. Carolyn Christov-Bakargiev glaubt grundsätzlich nicht daran, dass sich mit Gewinn über Kunstwerke reden lasse, die es noch gar nicht gibt. Kunst ist eben Kunst, und alles andere ist alles andere.

Carolyn Christov-Bakargiev

"Ich komme von der Arte Povera. Meine Lehrer waren die Künstler, nicht die Universitäten."

„Ich komme von der Arte Povera“, sagt sie zu Beginn unseres Gesprächs, „und meine Lehrer waren die Künstler, nicht die Universität.“ Neugierig saugt sie jede Information auf. Man spürt: Sie will nicht nur dokumentieren, was es gibt, sie will herausfinden und zeigen, wie sich etwas verändern lässt. Eine „Geistesverfassung“ will sie erfahrbar machen, eine Bühne bauen, auf der die oft drastischen Folgen einer allzu liberalen Ökonomie mit den Mitteln der Kunst verhandelt werden können. Wie, will ich also wissen, sähe für sie eine Balance aus zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft? Was kann die Documenta dazu beitragen? Welche Rolle vermag Kunst bei der Verabschiedung von einer bürgerlichen Gesellschaft und innerhalb von Heilungs- und Regenerationspraktiken zu spielen? Sind solche Überlegungen überhaupt wichtig, wenn man eine Documenta denken und machen will?

Autor:
Thomas Wagner
Fotograf:
Kai-Uwe Gundlach