Documenta 13 Originale Kunst-Wegweiser

„DTOURS“ heissen Führungen, die von „Worldly Companions“ angeboten werden, geschulten Laien aus Kassel. Zwei weltgewandte Begleiter im Porträt.

Friedrich Vollbracht

1

Der Förster - Friedrich Vollbracht, 49

Er weiß genau, wie man am besten einen Bock schießt und ist darum ein idealer Guide. Denn die künstlerische Leiterin der dOCUMENTA (13) Carolyn Christov-Bakargiev vertraut die Besucher 160 „Worldly Companions“ an. Als „weltgewandte Begleiter“ haben sich, neben dem Förster, ortskundige Ärzte, Polizisten, Schüler, Mechaniker, Wissenschaftler, Rentner beworben. Die Erwartung an sie: Kunst aus einer ungewöhnlichen Perspektive erlebbar zu machen.

Friedrich Vollbracht will als Guide sein Revier vergrößern: „Der Wald allein hat mir irgendwann nicht mehr gereicht“, sagt er. Vor ein paar Jahren hat er ein Philosophiestudium abgeschlossen, und jetzt erweitert er in der „Schule für weltgewandte Begleiter“ seine Kunstkompetenz. Die Ausbildung von Januar bis Mai ist gratis und kein Spaziergang. Freitage und Samstage gehören Seminaren an der Kunsthochschule Kassel, es herrscht Anwesenheitspflicht.

Einige der Vorträge sind öffentlich: „Was ist Finanzwirtschaft?“, fragen etwa der Schriftsteller Dietmar Dath und der Philosoph und Kunsttheoretiker Philipp Kleinmichel. „Was ist Geschichte?“, erörtert der Kunsthistoriker Walter Grasskamp. Und wie sind die Fachgebiete mit der Kunst verwoben? Die Antworten bedeuten Arbeit, denn mundgerecht serviert werden sie nicht: „Gut so! Weder Bildung noch Kunst sind Konsumgüter“, sagt Friedrich Vollbracht. Auch wer ihn auf seiner dTOUR begleiten will, muss selber denken: „Ich erzähle, was mich an einem Exponat berührt und rege Gespräche an. Kunsthistorische Ausführungen liefere ich keine.“

„Ein Espresso, ein Wachmacher, der die Sinne schärft“, sei der Kasseler Kunstsommer für ihn. Die meisten Bewohner der Stadt spürten jedoch wenig bis nichts von diesem Effekt: „Die Documenta ist elitär. Trotzdem gibt jeder, der im Urlaub von zu Hause erzählt, mit ihr an.“

Sumiko Morino

Die Weitsichtige: Sumiko Morino analysiert die Weltwirtschaft und hat bis vor Kurzem im Sudan gelebt. Auf die Documenta blickt sie gelassen, mit Abstand.

2

Die Ökonomin - Sumiko Morino, 39

Sie ist der Liebe wegen nach Kassel gezogen und schreibt an ihrer Doktorarbeit. Davor arbeitete die 39 Jahre alte Ökonomin und Politikwissenschaftlerin bei Non-Government-Organisationen im Sudan, in Vietnam, in Thailand, in Japan und in Firmen in Irland und Österreich, ihrer Heimat. Die Ausschreibung zum „Wordly Companion“ hat Sumiko Morino zufällig in der Bibliothek entdeckt: „Die Bewerbung war spontan, ohne konkretes Motiv.“ Die Beschäftigung mit Kunst hat sie mit 19 Jahren mit ihren Ballettschuhe an den Nagel gehängt: „Ein Grundinteresse ist geblieben, allerdings vergraben. Vermutlich war es an der Zeit, es zu heben.“

Kassel findet Sumiko Morino „okay“: „Es gibt Strom, fließend Wasser, das ist mehr, als ich lange Zeit hatte.“ Eine Zuschauerin sei sie hier, und der Nordhesse drücke einen nicht gerade ans Herz. Während der Documenta ändert sich beides: Sie wird Akteurin, und internationale Gäste wärmen die Atmosphäre auf. Was „Worldly Companions“ sind, ist ihr jedoch noch unklar: „Letztlich sind wir normale Guides und dTOURS normale Touren nach dem aktuellen Stand der Museums - pädagogik. Wo gibt’s denn noch klassische Führungen?“

Konventionell sei auch die Schulung: „Mit Saft, Keksen, Referenten, Gruppenarbeit.“ Was wird sie anbieten? „Im Rollstuhl sitzen oder den Leuten die Augen verbinden – sicher nicht. Mein „USP“ sind wohl volkswirtschaftliche Zugänge. Oder es ist der Aspekt, dass Menschen in aller Welt verzweifelt versuchen, ganz besonders zu sein. Vergeblich. Denn, mit etwas Distanz betrachtet, sind alle und ist alles sehr, sehr ähnlich.“

Autor:
Petra Mikutta
Fotograf:
Kai-Uwe Gundlach