Gordian Weber Der Reiz der Antike

Mit Leichtigkeit überspringt antike Kunst die Zeiten, meint der Kölner Händler Gordian Weber und erläutert, warum die klassischen Skulpturen der alten Griechen und Römer sich gut in unser Leben einfügen.

Gordian Weber

Marmorporträt

Neben dem Marmorporträt eines jungen Römers aus dem 1. Jh. n. Chr. steht ein eiförmiges Gefäß, das im alten Ägypten aus Kalk- Brekzie, einem dekorativen Trümmergestein, geschliffen wurde, 1980 bis 1760 v. Chr.

A&W: Herr Weber, Sie tragen den Namen römischer Kaiser: Gordian. Muss man das große Latinum oder ein Graecum haben, um sich an der Kunst der Antike erfreuen zu können?

Gordian Weber: Mein Vater war Kunsthändler, und seine Leidenschaft gehörte der klassischen Archäologie. Ich bin in gewissem Sinn zwischen Marmorbüsten und antiken Vasen aufgewachsen. Aber statt aufs humanistische Gymnasium haben mich meine Eltern auf eine Montessori- Schule geschickt. Dort ging es mehr um das lustvolle Lernen und um Kreativität – und ich denke, genau hier liegt der wahre Reiz antiker Kunstwerke.

A&W: Im lustvollen Lernen?

Weber: In der Begegnung mit einer Zeit, mit einem Bild vom Menschen und mit ästhetischen Vorstellungen, die gut 2000 Jahre zurückliegen und uns trotzdem heute mit einer ungeahnten Intensität entgegentreten.

A&W: Also ist kein Latinum notwendig?

Weber: Der kulturhistorische Hintergrund ergibt sich fast von selbst. Ich habe das an Kunden oft beobachtet: Da ist zuerst dieser Wow-Effekt, das bloße Staunen darüber, wie alt diese Objekte sind und wie klar sich diese Kunst auch heute noch mitteilt. Als zweite Zündstufe der Begeisterung folgt dann Neugier. Man liest Bücher darüber und versucht, sich in Entstehungszeit und Produktionsort dieser Objekte hineinzuversetzen. Dabei kann man in einen Taumel geraten: Man begibt sich auf die Spuren dieser Werke, geht auf Reisen, besucht die Museen, nimmt Kontakt zu Sammlern auf oder beginnt, ähnliche Stücke auf dem Kunstmarkt zu suchen …

Skulpturenpaar

Pan und Nymphe, ein römisches Skulpturenpaar aus dem 1. Jh. n. Chr. Die Köpfe und die Basis wurden im 18. Jh. ergänzt. Pan und Nymphe, ein römisches Skulpturenpaar aus dem 1. Jh. n. Chr. Die Köpfe und die Basis wurden im 18. Jh. ergänzt.

A&W: Sie beschreiben den Weg zu einer Sammlung, die ein Lebensinhalt wird. Kann man auch im Alltag mit antiker Kunst leben?

Weber: Das habe ich bei vielen erlebt: Die Antike hat etwas sehr Intimes im Umgang. Sie führt aus der Gegenwart hinaus in Bereiche, die über der Zeit stehen. In Räume, in denen man gern mit sich allein ist. Das können Sie ganz wörtlich verstehen: Es ist nicht selten, dass sich jemand ein antikes Objekt in sein Arbeits- oder Schlafzimmer stellt, dorthin also, wo er seine Gedanken sammelt und Neues hervorbringt. Von Henri Matisse ist bekannt, dass er sich 4000 Jahre alte Kykladenidole ans Kopfende seines Bettes gestellt hat. Sie haben also gewissermaßen den Weg zur Kunst des Kubismus bereitet.

A&W: Antike als Vorstufe der Moderne?

Weber: Oh ja! Es gibt da eine hübsche Anekdote über Picasso: Immer, wenn er eine neue Frau kennengelernt hat, soll er sie an seine Sammlungsvitrine geführt und ihr den kleinen Fuß einer ägyptischen Statue in die Hand gegeben haben. Ein Fragment nur, aber das war in Picassos Augen ein perfektes Kunstobjekt.

A&W: Haben Künstler wie Matisse oder Picasso die Werke der Antike kopiert?

Skulpturenpaar

Pan und Nymphe, ein römisches Skulpturenpaar aus dem 1. Jh. n. Chr. Die Köpfe und die Basis wurden im 18. Jh. ergänzt. Pan und Nymphe, ein römisches Skulpturenpaar aus dem 1. Jh. n. Chr. Die Köpfe und die Basis wurden im 18. Jh. ergänzt.

Weber: Das wohl nicht. Sie waren verblüfft über die Eleganz einer Abstraktion, mit der Menschen schon vor 2000 oder 3000 Jahren das Wesentliche herausgestellt und alles andere weggelassen haben. Ich besitze die Skulptur einer Venus, eine kleine römische Bronze aus dem ersten Jahrhundert vor Christus: Es ist erstaunlich, wie sehr sie Werke der 1920er- oder 1930er-Jahre vorwegnimmt, etwa die weich fließenden Formen in Plastiken von Aristide Maillol. Und siehe da: Die Skulptur stammt aus der Sammlung des Malers André Derain, der einer der Wegbereiter der klassischen Moderne war.

A&W: Sie selbst sind Archäologe. Lassen sich solche Stücke heute noch finden?

Weber: Nur in Sammlungen. Was heute archäologisch ergraben wird, bleibt der Wissenschaft vorbehalten. In den Handel kommt davon so gut wie nichts. Das verhindern zum einen die Exportbestimmungen. Vor allem in den mediterranen Ländern achtet man streng darauf, das kulturelle Erbe zu wahren. Zum anderen hat sich der internationale Verband der Antikenhändler IADAA, dessen Vorsitzender ich bin, dazu verpflichtet, selber gegen Plünderung und Schmuggel aktiv zu werden: Heute kommen nur noch Objekte in den Handel, die schon in Sammlungen dokumentiert sind.

A&W: Es ist ein geschlossener Markt?

Weber: Wie bei Möbeln aus dem Barock: Da kommt auch nichts Neues hinzu.

A&W: Wie wirkt sich das auf Preise aus?

Weber: Sie steigen. Langsam und stetig. Antike Kunst ist nichts für Spekulanten. Die Objekte sind zunächst einmal kulturelle Wertvereinbarungen. Aber dabei geht es um Werte, die resistent gegen Modensind. Das honoriert der Markt. Außerdemist die Nachfrage international: Auch Sammler aus Abu Dhabi und Qatar fahren zur großen Antiquitätenmesse Tefaf nach Maastricht, wo wir jedes Jahr ausstellen, und halten Ausschau nach solchenDokumenten der Zivilisation.

Miniaturporträt

Gesichtszüge und Frisur machen es für Kunsthistoriker eindeutig: Bei dem Miniaturporträt kann es sich nur um Antinous, den jungen Geliebten Kaiser Hadrians, handeln. Um 135 n. Chr. Alle Preise auf Anfrage.

A&W: Objekte, in deren Gegenwart ein paar Tausend Jahre scheinbar verschwinden – das ist eine Herausforderung.

Weber: Stimmt. Man erkennt sich selbst in diesen Menschenbildern, und da sie stolz und stark sind, muss man ihnen auch mit Stärke begegnen. Bei vielen meiner Kunden ist das ein langer Prozess. An seinem Ende aber steht eine Begegnung, die fast alle als erhebend beschreiben – ob es sich nun um einen steinzeitlichen Faustkeil für 3000 Euro handelt oder um einen griechischen Gewandtorso aus Marmor für mehrere Zehntausend Euro: Er ist nur die Andeutung einer Figur, ohne Kopf, ohne Arme, nur die Draperie – aber wenn Sie den vor ein Fenster stellen und das Sonnenlicht darüberstreicht, dann spüren Sie, dass etwas auf Sie übergeht.

A&W: In die Sonne? Schadet das nicht?

Weber: Keine Sorge! So eine Skulptur hat 2000 Jahre und mehr überdauert, die wird auch dieses Jahrhundert noch überleben.

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Autor:
Martin Tschechne
Fotograf:
Albrecht Fuchs