Antiquitäten Die Möbel von Schinkel, Gilly & Co.

Auf Schinkels Fährte: Die Kunst zu Beginn des 19. Jahrhunderts erlebte eine Blüte. Der Hamburger Händler Frank C. Möller spürt Möbel nach Plänen großer Architekten auf und sagt, was Schinkel, Gilly & Co. lohnend für Entdeckungen macht.

A&W: Herr Möller, eine Schreibkommode von Abraham Roentgen, eine Marmorschale von Christian Daniel Rauch, dazu Kronleuchter und Kommoden und jede Menge Stühle von Karl Friedrich Schinkel: Ihr Haus ist ein Museum für große Namen des Klassizismus in Deutschland. Aber, sagen Sie selbst, die Sonne des Kunsthandwerks leuchtete in dieser Epoche doch eher in Paris? Frank C. Möller: Schauen Sie noch einmal genauer hin. Das Kunsthandwerk dieser Zeit aus Deutschland ist dem aus Frankreich oder England mindestens ebenbürtig, vielleicht sogar überlegen.

A&W: Potsdam und Neuwied vor Paris oder London? Das ist eine steile These. Möller: Ich kann sie auch begründen. Deutschland im 18. und frühen 19. Jahrhundert war ein Flickenteppich aus Fürstentümern und freien Städten. Die Künstler waren gefordert, eine eigene Formensprache zu entwickeln. Das gab eine besondere Freiheit und begründete Vielfalt: Man traf sich, man debattierte, man entwickelte Ideen. In Dresden entstanden ganz andere Dinge als in Berlin. Goethe hatte großen Einfluss.

A&W: Die deutsche Kleinstaaterei setzt kreative Kräfte frei? Möller: Stellen Sie sich das Land vor als ein eng geknüpftes, funktionierendes Netzwerk, während die Nachbarn immer noch zentralistisch organisiert waren. Das schafft ein besonderes Klima.

A&W: Und der heutige Kunstmarkt – hat’s einfach nicht bemerkt? Möller: Das ändert sich gerade. Vor einigen Jahren konnte ich einen Prunksessel von Karl Friedrich Schinkel an das Metropolitan Museum in New York vermitteln. Das Publikum war begeistert. Aber immer noch gibt es diese Ratlosigkeit: Wenn in England oder Frankreich etwas auftaucht und es ist nicht greifbar, dann heißt es oft pauschal, es handele sich um eine „travaille de l’est“ – irgendwas aus dem Osten. Deutsch, russisch, polnisch – das kommt alles in einen Topf.

A&W: Weil sich die Stücke schwieriger belegen lassen? Möller: Genau da liegt das Problem. Wir reden hier von kleinen, feinen Manufakturen. Da braucht es sehr genaue Kenntnis. Wir recherchieren zu unseren Stücken jedes erreichbare Detail. Das ist unser Geschäftsprinzip. Man muss verstehen, welche Ideen sich in einem Möbel oder einer Bronzearbeit verkörpern. Vor etwa zehn Jahren habe ich einen 18-armigen Leuchter aufgespürt, einen Lorbeerreif mit Adlern aus Bronze. Als ich ihn auf der Tefaf in Maastricht präsentierte, da sind plötzlich würdevolle Leute auf die Leiter gestiegen und haben sich die Brillen geputzt. Sie konnten es nicht fassen: so eine perfekte Arbeit! Selbst Restauratoren der großen Museen in Paris oder New York hatten so etwas noch nie gesehen.

A&W: Woher kam der Leuchter? Möller: Ein Entwurf von Schinkel aus der Berliner Manufaktur Werner & Neffen, vorher Werner & Mieth. Erworben habe ich ihn bei einem Privatsammler.

Seite 1 : Die Möbel von Schinkel, Gilly & Co.
Autor:
Martin Tschechne
Fotograf:
Thomas Elmenhorst