Überraschend Günstiger Luxus: Porzellan

Die Zeiten sind vorbei, als mit Vasen Weltpolitik gemacht wurde. Trotzdem ist Porzellan auch heute ein nobler Luxus – und mitunter überraschend günstig. Der Berliner Kunsthändler Ulrich Gronert verrät, warum das so ist.

Dekor von KPM

A&W: Herr Gronert, haben Sie eigentlich eine Lieblingstasse? Ulrich Gronert: Hab ich. Ein hübsches Ding mit Blümchenmuster und Goldrand. Nichts Besonderes. Aber sie hat eine angenehme Form und ist so groß, dass ich immer einen ordentlichen Schluck Kaffee in meiner Nähe habe.

A&W: Und abends dann historisches Meissen. Oder ganz edel: ein Service von der Tafel Friedrichs des Großen … Gronert: KPM, die Königliche Porzellan-Manufaktur in Berlin, ist eine meiner Spezialitäten, ja. Wir haben schöne Stücke im Sortiment – aus der Zeit ab 1763, als Friedrich II. die Manufaktur übernahm, um die preußische Wirtschaft anzukurbeln, bis in die Gegenwart. Allerdings wären mir Originale aus könig licher Provenienz zu kostbar für den Alltag: Wenn Ihnen so ein Teller von Friedrichs Tafel runterfällt, ist leicht der Gegenwert eines halben Kleinwagens hinüber …

 Lampenfuß von Ernst Böhm

Unter dem Einfluss der Revolution entstand in Russland Porzellan mit suprematistischem Dekor. Auch die KPM folgte der Moderne. 1926 entwarf der Berliner Kunst-gewerbeprofessor Ernst Böhm den konstruktivistischen Lampenfuß.

A&W: Das wären Stücke fürs Museum? Gronert: Nicht unbedingt. Gerade habe ich ein Service von 1767 verkauft. Das hat sich jemand zur Geburt seines Kindes geleistet – wohl, um es zu benutzen. Es ist ein wunderschönes Geschirr, mit Blumengebinden nur in Rot bemalt.

A&W: Was daran auffällt, ist erstens, dass zwischen allem Dekor viel Platz ist, auf dem das Material Porzellan zur Geltung kommt. Und zweitens wirkt dieser Stoff ein bisschen weniger weiß, als wir es heute gewohnt sind. Gronert: Porzellan war eine faszinierende Neuentdeckung, zunächst aus China importiert, dann Anfang des 18. Jahrhunderts von Johann Friedrich Böttger als „weißes Gold“ in Meißen neu entwickelt. Wer das Arkanum besaß, also das Geheimnis der Herstellung kannte, der konnte damals viel Geld verdienen. Tatsächlich war das Porzellan der ersten Jahre aus der Berliner Manufaktur noch etwas grau. Heute ist das ein Hinweis auf das Alter eines Stücks. Denn schon bald haben die Porzellanmacher der KPM eine Lage mit reinerem Kaolin entdeckt, aus dem sie einen strahlend weißen Scherben herstellen konnten.

Autor:
Martin Tschechne
Fotograf:
Albrecht Fuchs