Samand Setareh über Historische Teppiche

Napoleon schwärmte von Aubusson-Teppichen. Heute sind sie als Trophäen von Designfreunden begehrt. Der Düsseldorfer Händler Samand Setareh erläutert die Wirkung historischer Teppiche auf unsere Einrichtung.

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Samand Setareh

Samand Setareh führt gemeinsam mit seinem Bruder Elham in Düsseldorf einen exklusiven Kunsthandel mit Schwerpunkt auf Aubusson-Teppichen. Hier vor einem recht späten Prachtstück aus der Zeit um 1860.

A&W: Herr Setareh, wenn ein Teppich 200 Jahre alt ist und aus einer wichtigen Sammlung stammt oder in einem Palast im Orient gelegen hat – darf ich dann einfach drauftreten? Samand Setareh: Selbstverständlich! Ein Teppich ist dafür gemacht, dass man ihn betritt. Ein Teppich definiert immer einen symbolischen Raum. Er ist seit den Anfängen der Kultur eine Fläche, auf der Identität und Geschichte ihren Ausdruck finden, und auf der man sich begegnet. Also bitte, betreten Sie ihn gerne!

A&W: Ein Ort der Begegnung, ein Ort, der mit Bedeutung aufgeladen ist und den Rang seines Besitzers bezeugt … Setareh: Das ist richtig. Ein Teppich ist eine Grundlage von Diplomatie. Diese Funktion erfüllt er auch im Interieur.

A&W: Das müssen Sie bitte erklären. Setareh: Stellen Sie sich vor, Sie haben einen Raum mit Design und Objekten verschiedener Epochen: Ein geschickt gewählter Teppich vermittelt zwischen den Elementen – selbst wenn er auf nichts direkt Bezug nimmt. Sie können Bauhaus-Möbel mit einem Teppich aus China kombinieren. Seine weiche, sinnliche Haptik bringt neue Aspekt hinein, ohne irgendetwas zur Seite zu drängen.

A&W: Ein Teppich aus dem Orient oder aus China ist im Westen in jedem Fall das Zeugnis einer fremden Kultur. Der Kontrast zur Einrichtung ist vorgegeben. Aber was ist mit europäischen Teppichen? Ein Aubusson etwa kommt aus Frankreich, unserem eigenen Kulturkreis. Schränkt Sie das bei der Beratung ein? Setareh: Im Gegenteil: Er fordert heraus. Sicher können Sie einen Aubusson in einen Raum legen, der im Stil der Epoche eingerichtet ist, also Klassizismus. Aber stellen Sie sich eine moderne Umgebung vor, ein Sofa von Minotti, Holzobjekte von Nakashima – dazu ein Teppich aus der Zeit Napoleons. Da zeigt sich Den ken in globalen Zusammenhängen …

A&W: Aber ist Wirktechnik für einen Mann wie Sie nicht eine Enttäuschung? Ein Teppich zweiter Wahl? Kein weicher Flor, sondern flaches Gewebe … Setareh: Keineswegs. Ein erstrangiger Aubusson ist fein gearbeitet. Muster und Dekors sind so angelegt, dass sie fast dreidimensional wirken. Das ist, wenn Sie so wollen, eine intellektuelle Note anstelle der Sinnlichkeit des Orientteppichs.

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Palmetten und Akanthus sind in der vielteiligen Rahmengestaltung rund um das mittlere Medaillon zu finden. Sie stammen wie bei klassizistischen Möbeln aus Architekturvorlagen. Gefertigt werden Aubusson- Teppiche im gleichnamigen französischen Städtchen seit 1749 in einer Manufaktur, in der schon seit dem Mittelalter Wandteppiche, Tapisserien gewirkt wurden.

A&W: Was ist intellektuell an plastisch wirkenden Blumenornamenten? Setareh: Die Geschichte, die sie erzählen. Das ist auch die Geschichte einer Begegnung von Kulturen, also modern. Mitteleuropa war viel enger verwoben mit dem Orient, als wir uns bewusst machen. Die Sarazenen brachten Philosophie, Mathematik und ihre hoch entwickelte Medizin. Das alles kam über Venedig und Südspanien nach Europa. Frankreich war die Schnittstelle. Und dort entstanden die Teppiche, erst Tapisserien, später auch Bodenteppiche.

A&W: Schön, die Idee war orientalisch inspiriert, aber die Form französisch. Setareh: Das stimmt. Zur Zeit Ludwigs XIV. ging es darum, die Repräsentationsbauten der Monarchie auszustatten. Dazu gehörten Teppiche, aber bitte nach Entwürfen der eigenen Architekten. Die Manufaktur von Aubusson setzte solche Entwürfe in einer von Kelim und der Tapisserie abgeleiteten Wirktechnik um – Farben und Ornamente nahmen die Blütenpracht der höfischen Gärten auf.

A&W: Heute sind wir mutig. Wir spielen mit Formen und Traditionen. Aber kaufen wir noch Teppiche? Setareh: Das Publikum ist jünger geworden. Es sind heute 35-Jährige, die in ihrer Umgebung die eigene Persönlichkeit und eine global geprägte Gegenwart zum Ausdruck bringen. Sie können sich zumindest vorstellen, dass der Teppich dabei eine wichtige Rolle spielt.

A&W: Aber sie kennen sich nicht aus … Setareh: Es sind Menschen, die viel an Formen und Farben gesehen haben. Viel Kunst. Und die anfangen, sich mit den Hintergründen zu beschäftigen. Wenn sie einmal erlebt haben, was in der hohen Teppichkunst möglich ist, dann sind sie überzeugt.

A&W: Wofür stehen Teppiche heute? Setareh: Wofür sie immer standen: für Zeit. In alte Teppiche wurde das Leben hineingeknüpft. Es diktierte, wann und wo der Teppich anfing, welche Form er annahm. Wichtig war der Respekt, der sich in einem Stück ausdrückte, das feine Material, der Bezug zur Natur. Genau das bringt ein guter, ein nobler Teppich in ein Haus hinein.

 

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Autor:
Martin Tschechne
Fotograf:
Albrecht Fuchs