Reine Ansichtssache Kunstvolle Stadtpläne und Landkarten

Stadtpläne und Landkarten sind im Zeitalter von Computern und Smartphones jederzeit als Pfadfinder verfügbar. Aber viele junge Illustratoren gestalten wieder eigenhändig Straßenkarten. Ihre subjektiven Weltsichten sind wahre Kunstwerke – zum Sammeln schön.

Rom ächzt unter einer Lage zartrosa schimmernder Porcetta. Die Lombardei gleicht einer Kühlvitrine voller Panettone, Bresaola, Taleggio-Käse und Mostarda (Senffrüchte), während an Siziliens Küste eine leuchtturmähnliche Riesenflasche Olivenöl glänzt. Auch der Rest Italiens ist, wenn man Antoine Corbineau folgt, ein einziges, delikatessengespicktes Nonstop-Gourmetbuffet.

Antoine Corbineau ist ein Beispiel für jene Illustratoren und Grafiker, die das Uralt-Medium Landkarte gerade für ihre ganz eigene Welt-Sicht wiederentdecken. Judith Schalansky zeichnet für Wohnzimmersessel-Entdecker sphärisch anmutende Karten entlegener Inseln, während sich Detailfetischisten in den unfassbar präzisen Bleistiftdarstellungen Stephen Walters verlieren dürften, an denen der Grafiker jeweils bis zu eineinhalb Jahre lang scribbelt. Famille Summerbelle, ein britisch-französisches Illustratorenduo, schneidet ganze Städte mitsamt ihren Straßen und Sehenswürdigkeiten per Hand aus einem einzigen Stück Papier. Anna Härlin baut sie aus Pappe nach. Von ganz praktischem Nutzen sind die zahllosen Stadt- und Länderansichten, auf denen Illustratoren die Sehenswürdigkeiten New Yorks, Venedigs oder Großbritanniens wie Lego-Häuser in ein vereinfachtes Kartennetz setzen. Auf diese Weise abstrahieren und verdichten sie das Wesen eines Ortes auf einen Blick. Und schaffen damit etwas, was Google Maps und Google Earth View alleine nie hinkriegen: Sehen. Verstehen. Entdecken-Wollen. Auch wenn ihre Pläne mit der Realität so viel zu tun haben wie eine gute Karikatur mit dem Original.

„Femmes fatales der Kartografie“ nennt der zypriotische Architekt Antonis Antoniou diese (Karten-)Ansichten, weil man ihnen verfällt, obwohl man weiß, dass man ihnen nicht vollständig trauen kann. Antoniou ist ihnen schon als Kind verfallen. Damals lernte er auch, wie viel Verlust und Trauer eine gestrichelte Grenzlinie im echten Leben bedeuten kann. Mit dem Prachtband „A Map of the World According to Illustrators and Storytellers“ (Gestalten Verlag) hat der 30-Jährige jetzt ein wunderbares Kartenwerk veröffentlicht. Es ist Abgesang und Aufbruch zugleich.

Abgesang deshalb, weil die uralte Tradition analoger Globen und Wandkarten gerade vor unseren Augen zerfällt wie ein mittelalterliches Pergament, das zu lange der Feuchtigkeit ausgesetzt war. Bis zur Verbreitung von Karten war – heute unvorstellbar – die Welt lediglich das, was man entweder selbst gesehen oder von Reisenden geschildert bekommen hatte, also ziemlich wenig. Vor mehr als 4000 Jahren dann begannen lederne, tönerne, auf Hauswände gepinselte oder auf Papier gestrichelte Karten unser Weltbild zu prägen. Das war immer eine streng subjektive Angelegenheit. So leistete sich nahezu jede europäische Nation ihren persönlichen Nabel der Welt, und zwar meist die eigene Hauptstadt oder Sternwarte. Erst die Internationale Meridian-Konferenz von 1884 bereitete dem lokalpatriotischen Durcheinander ein Ende, indem sie Greenwich zur Nulllinie im internationalen Koordinatensystem bestimmte. Fast gleichzeitig veröffentlichte in Braunschweig der Pädagoge Carl Diercke seinen legendären Weltatlas, den seither Generationen deutscher Schüler im Ranzen und damit Dierckes Weltbild in ihren Köpfen mit sich herumtragen.

Heutzutage sind Pläne so allgegenwärtig, dass wir sie kaum mehr hinterfragen. Dabei wird mit ihnen nach Strich und Graden gefälscht, getrickst und gelogen. Pakistanische Kartografen beispielsweise gemeinden gern die umstrittenen Provinzen Jammu und Kaschmir ein, obwohl diese zum Nachbarland Indien gehören. Geschäftsleute lassen auf ihren Anfahrtsplänen die Entfernungen zu ihren Einkaufszentren oder Restaurants schrumpfen. Auf offiziellen Landkarten Argentiniens wiederum finden sich unübersehbar die Islas Malvinas – eine Inselgruppe, die im Rest der Welt als Falklandinseln und großbritannisches Territorium bekannt ist.

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Autor:
Harald Willenbrock