„Ich habe auch Möbel von Gio Ponti zersägt" Interview mit Designer Martino Gamper

Der südtiroler Designer Martino Gamper folgt der Spur der italienischen Gestalterlegende Gio Ponti. Für eine Ausstellung schuf er neues aus dessen alten Objekten. Mit seiner Fotokamera entdeckte er den Zauber des Hotels "Parco dei Principi" an der Amalfi-Künste, das Ponti 1961 fertigstellte - ein Meisterstück der Moderne!

Gio Ponti ist der legendäre Großmeister, Martino Gamper einer der jüngeren Stars des italienischen Designs. Für eine Ausstellung im Triennale- Design-Museum in Mailand hat sich der Südtiroler und Wahl-Londoner Gamper mit Gio Ponti als Hotelgestalter auseinandergesetzt und vor allem das Hotel „Parco dei Principi“ in Sorrent mit seiner Kamera entdeckt. Ein großes Erlebnis für ihn, wie er im Gespräch verrät.

A&W: Martino Gamper, was empfinden Sie als italienischer Designer bei dem Namen Gio Ponti? Martino Gamper: Mich verbinden schon frühe Kindheitserinnerungen mit ihm. Ponti hatte das Hotel „Paradiso“ in den Alpen gebaut, im Martelltal, aus dem mein Vater stammt. Meine Tante hat den Gästen in dem Hotel Pilze verkauft.

A&W: Und Sie haben sie begleitet? M.G.: Das war vor meiner Zeit. Wir waren später dort immer zur Sommerfrische, und mit meinen Freunden habe ich in dem alten Hotel gespielt. Das war damals schon verlassen. Heute ist es leider fast eine Ruine, aber zur Bauzeit war es ein Vorzeigeprojekt. Damit begann die Erschließung der Alpen für den Tourismus. Pontis Hotel vereinte mehrere touristische Klassen, war für den Bergsteiger, der nur ein Bett für eine Nacht sucht, genauso geeignet wie für Ferienoder Dauergäste. Alles war technisch auf dem neuesten Stand. Alle Zimmer hatten Telefon, ein Hammer damals!

A&W: Wurden Sie durch diese Kindheitserlebnisse inspiriert von seinem Werk und haben sich deshalb in Ihrem Projekt „If Only Gio Knew“ an seinen Möbeln abgearbeitet? M.G.: Nein. Eigentlich war das Zufall. Meine Galeristin Nina Yashar von der Mailänder Design-Galerie Nilufar hatte einige alte Möbel von Gio Ponti auf einer Auktion gekauft, hatte sie aber nie genutzt oder ausgestellt. Als sie mir die gezeigt hat, dachte ich, da könnte man doch was Neues draus machen.

A&W: Ziemlich respektlos, sich an einem original Ponti zu vergehen. M.G.: Na ja, ... ja, vielleicht schon. Aber ich hatte einen reizvollen Auftrag, ich sollte eine Performance für die Designmesse Miami Basel konzipieren. Und da musste es etwas Spektakuläres sein.

A&W: „Ponti“ zu zersägen ist in der Tat ziemlich spektakulär. Sind Sie seinem Werk dadurch nähergekommen? M.G.: In gewisser Weise, natürlich. Aber ich war schon immer von ihm inspiriert. Vielleicht eher unterbewusst. Irgendwie ist das jeder italienische Designer nach ihm. Er war der große Meister.

A&W: Im Triennale-Design-Museum in Mailand gab es eine viel beachtete Ausstellung, in der sich junge italienische Designer mit den alten Meistern auseinandergesetzt haben. Sie mit Gio Ponti. Haben Sie ihn wegen Ihrer Möbel-Metamorphosen ausgesucht? M.G.: Wenn ich ehrlich bin – die Triennale hat das gemacht.

A&W: Und warum haben Sie sich dann in Ihrem Beitrag explizit mit dem Hotel „Parco dei Principi“ beschäftigt? M.G.: Ich habe Fotos von beiden Hotels gemacht und sie gezeigt. Vom „Paradiso“ in den Alpen und vom „Parco dei Principi“ an der Küste, südlich von Neapel. Eins im Norden, eins im Süden. Ich dachte mir, es muss irgendwie um das Thema Reise gehen. Gio Ponti war auch ständig unterwegs.

A&W: Haben Sie sich auf die Fotoserie besonders vorbereitet? M.G.: Nein, eigentlich nicht. Im Gegenteil. Ich wollte sein Werk nach und nach entdecken, vor Ort verstehen.

A&W: Sie haben sich dort einquartiert und das Hotel auf sich wirken lassen? M.G.: Ja, so ungefähr. Ich bin erst mal so umhergeschlichen und habe heimlich ein paar Fotos gemacht.

A&W: Heimlich? M.G.: Ja, ich hatte mich nicht mal angemeldet. Ich meine, als Fotograf. Und schon gar nicht als derjenige, der die Möbel von Gio Ponti zersägt hat!

A&W: Sehr pfiffig. Aber irgendwann ist es aufgefallen, dass Sie nicht nur ein paar Erinnerungsfotos machen, oder? M.G.: Da waren wir uns alle schon vertraut. Das Personal, das Hotel und ich.

A&W: Und wie war die Wirkung, nicht nur als Gast, sondern als Entdecker, als Designkritiker gewissermaßen? M.G.: Zu Beginn war ich schon ziemlich ehrfürchtig, das muss ich zugeben. Und eigentlich hat sich das Gefühl gehalten, teilweise noch verstärkt.

A&W: Tatsächlich? M.G.: Ja, allein sein Umgang mit Materialien ist immer wieder beeindruckend. Er wird dem Material gerecht.

A&W: Ist das ein typisches Merkmal für Pontis Werk? M.G.: Ja, er hat immer ganz engen Kontakt zu den Handwerkern gehalten, mit denen er zusammengearbeitet hat. Er hat mit ihnen gemeinsam Neuheiten entwickelt. Es waren immer die Entwürfe eines Gestalters, die auf der Erfahrung des Handwerks beruhten.

A&W: Etwas, was Sie verbindet? M.G.: Kann man sagen.

A&W: Die meisten Fotos konzentrieren sich auf Details. Glauben Sie, dass das in Gio Pontis Werk wichtiger ist als der Blick aufs Große und Ganze? M.G.: Er selbst hatte sicher immer alles im Fokus. Aber hier fand ich die Kombination der Details am interessantesten.

A&W: Zum Beispiel? M.G.: Allein die Wände, hinter denen die Fahrstühle sind. Besetzt mit unzähligen blau bemalten Rundsteinen, dicht an dicht. Und der Boden, belegt mit tiefblauen Fliesen. Ein kraftvolles Statement.

A&W: Die Farben des Meeres? M.G.: Genau! Im gesamten Hotel. Alles ist in diesen Tönen und in Türkis gehalten. Er hat in den Aufenthaltsräumen Fliesen verlegen lassen mit Mustern in Dunkelblau, Hellblau, Weiß, da fühlt man sich ja schon fast im Wasser.

A&W: Und zwischen den blauen Steinen am Lift hat er ein paar weiße platziert, die erinnern an einen Anker. M.G.: Das meine ich, diese Details vermitteln eine Heiterkeit, eine Leichtigkeit. Das sucht man doch im Urlaub.

A&W: Insgesamt ist das ein sehr helles, freundliches Gebäude, oder täuscht der Eindruck der Fotos? M.G.: Nein! Es ist extrem freundlich. Vor allem im großen Speisesaal fällt das auf. Der wird durchflutet vom Sonnenlicht. Aber auch das künstliche Licht in den Decken hat er gut positioniert, eine schöne Stimmung inszeniert.

A&W: Das Interieur wirkt sehr verspielt. Man spürt sein Faible fürs Dekorative in jeder Ecke. Ist es nicht zu viel des Guten? M.G.: Ponti mixt schon sehr, Muster, Farben, Formen. Aber er unterbricht das auch immer wieder durch monochrome Flächen, auf denen das Auge zur Ruhe kommt. Etwa an der Bar. Da habe ich gern gesessen. Also: Es ist nicht zu viel.

A&W: Auch seine Formensprache ist sehr expressiv. M.G.: Allerdings. Aber doch mit einem Augenzwinkern. Der zackige Beckenrand des Pools, der die spitzen Wellen des Mittelmeers zitiert – sehr nett. Und immer wieder taucht bei Fenstern und Türen eine seiner bevorzugten Formen auf: ein Rechteck mit flachen Dreiecken auf den Schmalseiten. Wie ein lang gezogenes Sechseck. Auch an der Fassade an der Seeseite setzt er dieses Element ein.

A&W: Sie haben sich noch gar nicht zu den Zimmern geäußert. M.G.: Die sind schön. Aber nicht so außergewöhnlich. Das Spektakulärste an ihnen ist der Blick aufs Meer – wenn man die richtige Zimmernummer hat. Wenn man aus dem Fenster über die Küste blickt, denkt man, man schwebt.

A&W: Nichts zu kritisieren? M.G.: Das ganze Haus protzt da so ein bisschen an der Küste. Aber es ist ein harmonisches Gesamtbild: die idyllische Gartenanlage, die vielen charmanten Details, alle Möbel hat er dafür entworfen.

A&W: Sie würden wiederkommen? M.G.: Unbedingt!

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Porträt des Designers Gio Ponti
Gio Ponti, 1891 geboren, gestorben 1979. Dazwischen schuf er Architektur-Ikonen wie das Pirelli- Hochhaus, aber auch Kirchen und Wohnbauten in Mailand (s.S.132), Klassiker wie den ultraleichten Stuhl „Superleggera“, er initiierte zudem die Gründung der Leuchtenfirma Fontana Arte und gründete die Architekturzeitschrift „Domus“.

Martino Gamper
Martino Gamper, Jahrgang 1971, wurde bekannt durch seine Aktion „100 Chairs in 100 Days“, in der er alte Stühle zu neuen Sitzkreationen zusammensetzte. Ebenfalls publikumswirksam war seine Performance „If Only Gio Knew“, in der er Original-Möbel von Gio Ponti zersägte und daraus neue Objekte schuf.
 

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Autor:
Jan van Rossem