Feingefühl Möbelrestaurator Markus Haubs

Der Münchner Möbelrestaurator Markus Haubs setzt mit handwerklicher Perfektion und ästhetischem Feingefühl alles daran, dass seine Arbeit unsichtbar bleibt.

Eigentlich wollte er nicht umziehen. Aber als seine Frau auf der Suche nach einer Galerie für ihren Kunsthandel die frühere Druckerei in Münchens Nobelquartier Lehel fand, juckte es Markus Haubs in den Fingern. Neun Monate lang legte der Restaurator die hinter Spanplatten verborgenen Schätze des Ladens aus dem Jahr 1890 frei: Holzdielen, Eisensäulen, einen Eckpfeiler aus Granitblöcken. Die größte Überraschung war das Narrengesicht mit herausgestreckter Zunge, das ihm beim Abkratzen etlicher Decken-Farbschichten plötzlich entgegengrinste: „Da brauchte ich erst mal ein Bier und eine Zigarre.“ Mit einem Kollegen aus dem Nationalmuseum restaurierte er die kunstvoll bemalte Decke; vor einem halben Jahr haben die Haubs nun ihre Galerie-Werkstatt bezogen. „Aber schreiben Sie bloß nicht: Jetzt erstrahlt alles in neuem Glanz“, sagt er nachdrücklich. Denn neuer Glanz ist ihm ein Graus: „Wir haben den Laden so restauriert, wie ich auch Möbel restauriere: Wir haben sein Potenzial hervorgeholt.“ Die leichte Fleckigkeit der Decke war gewollt, auch ein, zwei Risse durften bleiben. „Es geht um das Gesamtergebnis“, erklärt Haubs. „Was man oft auf Antiquitätenmessen sieht, diese hochglänzenden Möbel – das ist ästhetisch das Schlimmste.“

Sein Spezialgebiet sind deutsche Möbel des 18. Jahrhunderts; besonders liebt er die Sinnlichkeit – „den katholischen Ausdruck“ – des süddeutschen Barocks. Nach Schreinerlehre und Restauratorenschule, vier Semestern Kunstgeschichte und drei Jahren in der Restaurationsstelle der Schlösserverwaltung Bad Homburg gründete der Rheinländer 1986 mit dem renommierten Antiquitätenhändler Wolfgang Neidhardt in München die Firma Restauro – ein Sprungbrett für die Eröffnung der eigenen Werkstatt vor 16 Jahren. Führende Kunsthändler und gut situierte Privatleute zählen zu seinem Kundenkreis. Namen lässt sich der gelassene 52-Jährige jedoch nicht entlocken. Solche PR braucht er nicht, er besitzt nicht einmal eine Homepage.

Die hat er auch nicht nötig: Sein eingeschworenes Team aus vier freien Mitarbeitern ist gut beschäftigt. Den Anfang macht bei jedem Stück ein Klopftest: Sind Furnierteile lose? Die werden mit untergespritztem und warmem Knochenleim fixiert. „Neuer Knochenleim verträgt sich mit dem jahrhundertealten“, kommentiert Markus Haubs, der ganz auf authentische Werkstoffe setzt. Im Anschluss daran werden alle verloren gegangenen Teile ergänzt. Das in Wuchs und Schnitttechnik perfekt passende Holz bildet die Grundlage dafür – so wie das falsche Holz schnell verrät, ob ein Möbel original erhalten ist.

Ein Biedermeiertischmit einer Zarge in Schälfurnier ist das nämlich nicht: Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Furniere von Hand gesägt. Erst danach kam die Technik, mit der sie deutlich dünner durch Messerbalken vom rotierenden Baumstamm abgeschält werden. Am Ende steht die Königsdisziplin: die Behandlung der Oberfläche. Abschleifen oder Hochglanz sind für Haubs absolut tabu. „Wir polieren zwar auch mit Schellack, wechseln dann aber auf Wachs, damit der Glanz leichter und milder wird.“

Ein Meisterstück aus seiner Werkstatt kann man in Schloss Fantaisie bei Bayreuth erleben: die kongeniale Neuschöpfung eines Intarsienkabinetts des Rokoko-Kunsttischlers Johann Friedrich Spindler aus den Jahren 1764/65. Das Original befindet sich nach einer wechselvollen Geschichte im Bayerischen Nationalmuseum. Haubs rekonstruierte mit moderner Foto- und Computertechnik die Entwurfszeichnungen der einzelnen Paneele – insgesamt 78 Quadratmeter – und baute sie zwei Jahre lang mit seinen Mitarbeitern in historischer Marketerie- Technik neu. Rund 18 000 Einzelteile wurden aus zwei Millimeter Sägefurnier geschnitten und wie Mosaiksteinchen auf ein Trägerholz geleimt. Um auch die Farbigkeit des Originals zu erreichen, kochte er die Hölzer vor dem Aussägen tagelang in einem Sud aus natürlichen Farbstoffen wie Berberitze, Rotholz oder Indigo. Ihre starke plastische Wirkung erhielten die Motive durch die Kunst eines Graveurs. „Wir mussten das handwerkliche Niveau erreichen, das Spindler hatte“, erläutert Haubs das Ziel.

Respekt vor der geistigen und künstlerischen Leistung des Urhebers ist für ihn essenziell. „Es darf nicht sein, dass man an einem Stück den Restauratoren erkennt, weil er ihm seine Handschrift auferlegt hat“, findet Markus Haubs. „Es sollte einfach so aussehen, als wäre gar nichts geschehen.“

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Autor:
Eva Peters
Fotograf:
Bärbel Miebach