Das Vermächtnis der Kaiserin Schlosshotel Kronberg

Das Beste aus England und Deutschland wollten der preußische Thronfolger und seine britische Gemahlin vereinen. Doch Victoria und Friedrich III. regierten nur 99 Tage, eine kurze Episode im wilhelminischen Reich. Danach duldete der Hof die Kaiserinwitwe nicht mehr in Berlin. Am Rand des Taunus, in Kronberg, baute sie ihr politisches Vermächtnis: das modernste Schloss der Zeit, einen Palast für Kunst und Handwerk.

Natürlich dauert es länger als die geplanten zwei Jahre, das Haus zu bauen. Die Handwerker kommen aus Berlin, Frankfurt, Mainz, manche aus dem Ausland. Alle arbeiten durcheinander; der Anspruch der Auftraggeberin ist hoch: „solide, gute Arbeit, keine Pracht, nichts was vulgar common ist oder bad taste“. Nach fünf Jahren ist es so weit, ein Extrazug bringt I. M. und ein sparsames Gefolge am Nachmittag des 28. März 1894 nach Kronberg. Landrat und Bürgermeister empfangen die fast zwergenkleine, schwarz gekleidete Frau am Bahnhof. Dann reist sie mit der Kutsche in ihr „neues Heim“ weiter. Sechs Jahre wird sie hier residieren – argwöhnisch von Berlin aus beobachtet.

I. M., das ist Ihre Majestät oder Victoria Kaiserin Friedrich – kaum einer kennt heute diese Regentin aus einer verschwindend kurzen Periode inmitten der Wilhelminischen Zeit. 1858, mit 17 Jahren, heiratet die älteste Tochter der englischen Queen den preußischen Thronfolger Friedrich Wilhelm, „einen fidelen netten Leutnant mit großen Händen und Füßen“, so ein Freund des Hauses. Für die Queen ist die Verbindung ein politischer Coup. Andere kritikastern über die Mesalliance: „Eine schlechte Partie“, kommentiert die Times; Preußen ist für die Londoner Zeitung nur „eine armselige deutsche Dynastie“. Und Deutschlands konservative Kreise wittern den Übergriff, sehen in Victoria eine Art Lady Macbeth, die ihren schwachen Gatten mit liberalen britischen Ideen vergiftet.

Klug und hochgebildet, aber nicht sehr diplomatisch, selbstbewusst, eine treue Korrespondentin der Mutter und auch noch Verfechterin von Frauenrechten, all das macht Victoria zur Gegenspielerin des Reichskanzlers Bismarck und führt dazu, dass man ihren Mann so gut es geht aus den politischen Geschäften fernhält, ihn mit der Schutzherrschaft über die deutschen Museen beschäftigt. Schrecklich der Gedanke, dass dieser Thronfolger und seine Frau an die Regierung kommen könnten. Doch Wilhelm I. lebt und lebt und hält das Zepter noch mit 91 Jahren in der Hand. Als er stirbt, ist auch der Sohn schon auf den Tod an Kehlkopfkrebs erkrankt. 99 Tage und ohne Stimme trägt er die Krone. Am 15. Juni 1888 stirbt auch er. Sanssouci, das Victoria gern als Witwensitz bezogen hätte, verwehrt man ihr. Stattdessen wird nach kürzester Schonzeit die Kammerdiener-Garde abgezogen und ihr Hausstand reduziert. „Der Hof will mich hier forthaben“, notiert sie, „ich werde mir etwas Eigenes suchen.“

Anfang September ist sie in Kronberg, wo man ihr die Villa Reiss anbietet. Das am Taunus gelegene Areal ist wunderbar, herrschaftlich, auch für den Anbau von Obst und Feldfrüchten geeignet. Sie ist sofort interessiert. Für fünf Millionen Mark kauft die Kaiserin Haus und Land und lässt die Villa abreißen. Zu klein. Sie braucht Platz. Gäste sind unterzubringen. Sie will malen, ein Atelier haben. Vor allem soll ihr „Cottage“ der Rahmen für ihre Kunstsammlung sein: Kunst, Möbel, Tapisserien, Schätze, die sie mit ihrem Mann auf Reisen erworben hat. Die Förderin des neuen Kunst- und Gewerbemuseums in Berlin macht sich daran, ein Exempel zu schaffen.

Das Bauwerk wird die politische Demonstration der erhofften Allianz von England und Deutschland, wenigstens als Vision will die Kaiserin dem großen Traum Gestalt geben. In der Bibliothek stehen noch heute ihre Kunstbände. Man kann sich vorstellen, wie sie Vorbilder studiert, mit den Baumeistern spricht, dieses wünscht, jenes fordert. Freitreppen, Erker, Türme, Giebel, ein historistischer Mix, Nähe zur englischen Arts-and-Crafts-Bewegung, von allem das Beste. An der Fassade kombiniert sie altdeutsches Fachwerk mit steinernem Mauerwerk im Tudorstil. Sie umgibt das Haus mit einem englischen Landschaftspark, fügt einen deutschen Rosengarten hinzu, eine Grotte, Enzian und Edelweiß. Von Gästen wünscht sie sich eigenhändig gepflanzte seltene Gehölze für den Park. Prinz Heinrich bringt japanische Lärchen, Zar Nikolaus kommt 1896 mit einem Riesenmammutbaum, die Zarin mit einer Atlas-Zeder. Heute setzt jede Nacht Flutlicht die Giganten in Szene.

Im Haus sorgt die Kaiserin für modernste Einrichtung. Oft genug hatte sie Naserümpfen ausgelöst, wenn sie auf die rückschrittliche Ausstattung deutscher Schlösser anspielte. Jetzt liefert sie ihr Musterbeispiel. Auf der Elektrizitätsausstellung in Frankfurt 1891 spricht sie mit Werner von Siemens, der für sie Beziehungen aktiviert, sodass in Krontal ein kleines Kraftwerk entsteht. Sie lässt Wasserleitungen legen, eine Zentralheizung bauen, Regenrinnen und Blitzableiter montieren. Über den praktischen haustechnischen Kern legt sie eine Mixtur historischer Stile. „Man muss ziemlich vermeiden, das Haus mit rubbish, sei er alt oder neu, zu füllen“, notiert sie nach einer Tournee durch etliche Antiquitätenläden. Sie kauft mit Bedacht: „Ich hoffe, das wirklich Schöne erkennen und schätzen zu können.“ Die Abfolge, die Enfilade der Räume im Erdgeschoss wird zum Spaziergang durch die Epochen: Louis-seize im blauen Salon, die Wandgestaltung hat sie dem bankrotten Hotel Russischer Hof in Frankfurt abgekauft. Rokoko im grünen Salon, dem Musizierzimmer. Renaissance im roten Salon, hier befindet sich ihr Sammlungskabinett mit einem großen Tisch in der Mitte und Porträts der englischen Verwandtschaft an den Wänden. Wo es geht, lässt sie Beutestücke ihrer Sammlungsexpeditionen einbauen: Türzargen, Kaminumrandungen und Wandfliesen, egal ob sie aus dem Barock oder der Antike stammen, werden benutzt.

Die kalte Jahreszeit verbringt Kaiserin Friedrich in Italien, kehrt jedes Frühjahr nach Kronberg zurück. 1901 stirbt sie. Ihre jüngste Tochter Margarethe, verheiratete Prinzessin von Hessen, übernimmt mit ihrer Familie das Schloss; weitgehend unbeschadet übersteht es die Kriege; 1954 wird es von der Hessischen Hausstiftung in ein Luxushotel transformiert.

In roter Livree, mit schwerer Limousine und dem goldgerahmten Schild „Schlosshotel Kronberg“ holen Fahrer die Gäste vom Hauptbahnhof in Frankfurt ab. Gelegentlich parkt eine Armada Oldtimer vor der Schlosstür. Hinten herum, gleich vor der Freitreppe in den Park, schieben Golfer ihre Caddies über den pelzartigen Rasen. Der Hoteldirektor guckt streng, wenn er Fotoapparat und Stativ sieht. Dies ist kein Ort für Glamour. Er verabscheut Sensationen. Wie zu Zeiten der Kaiserin logieren hier viele, die wichtig sind in Wirtschaft und Politik. Absolute Diskretion ist der Trumpf, den er seinen Gästen garantiert.

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Autor:
Elke von Radziewsky
Fotograf:
Robertino Nikolic