Handwerkskunst Silberschmied Jan Wege

Seit zwölf Jahren arbeitet der Silberschmied Jan Wege in Hamburg. Seine Motive sucht er in Industriedenkmälern und in den Docks am Hafen.

Vom Hafen weht dumpf das Krachen der Container herüber. Die Schaufenster im Hamburger Szeneviertel Ottensen sind an diesem grauen Nachmittag hell erleuchtet. Zwischen einem Laden für Strickbedarf und einem Fachgeschäft für Esoterik-Trödel geht es hindurch, zu einem alten Industriebau. Früher wurden hier Maschinen gebaut, heute Kaffeekannen, Kerzenleuchter und kunstvolle Gefäße aus Silber und Tombak, einer auch als „Trompetengold“ bekannten Messinglegierung.

Hafenromantik und Industrie-Nostalgie bilden das passende Milieu für den Silberschmied Jan Wege. Denn was seine Hände mit Hammer, Feile und Formeisen schaffen, erinnert in der Formensprache an Hochöfen, Container und Schornsteine. Kein Wunder, Jan Wege ist am Hamburger Hafen aufgewachsen, am Südufer der Elbe, wo sein Vater in einer Raffinerie arbeitete. Als Kind sei er fast täglich an einem Gasometer vorbeigelaufen, erzählt der heute 46-Jährige: ein „Zeuge einer vergangenen Ära“, aber vor allem „ein Ding von beeindruckender Form“. Später sah er ähnliche Industriedenkmäler auf Bildern der Düsseldorfer Fotografen Hilla und Bernd Becher – und wusste, dass ihn genau solche Formen berühren: raue, kantige, archetypische Objekte, die für sich stehen. In deren scheinbarer Schlichtheit eigene Kraft wohnt. Und die vor allem keine weiße Serviette als Begleitung benötigen. Da war Jan Wege bereits nach einer Zahntechnikerlehre zunächst Goldschmied geworden und hatte dann in Nürnberg Schmuckdesign studiert und das Silberschmiedehandwerk erlernt.

Seine Werkstatt ist eine Mischung aus Schmiede, Fundbüro und Industriemuseum. An den Wänden hängen Hunderte Hämmer, darunter ein Set aus dem Nachlass des Bauhaus-Künstlers Wolfgang Tümpel. In Regalen stapeln sich schwere Formeisen, mit deren Einsatz das Metall die rechte Biegung bekommt. Und in unzähligen Schubladen sind Dinge wie Bördeleisen, alte Feilen, Zinn und Lumpen verstaut. Er sei ein Bewahrer, sagt Jan Wege. Er werfe wenig weg, sondern sammele alles, was das Augereizt. Alte, aus dem Elbsand gebuddelte Flaschen oder große Schrauben, die für immer das Geheimnis hüten werden, was sie einmal zusammenhielten. Oder Fotos von Hafenkränen. Aus einer Lade greift Jan Wege ein Gebilde, eine Metallkugel mit Löchern, mit der früher Baugerüstelemente montiert wurden, wie er erklärt. „Diese angeschliffenen Kanten hier, die faszinieren mich. Irgendwann mach’ ich daraus mal was…“

Auf einer Werkbank stehen verschiedene Objekte, die genau so entstanden sind. Gefäße aus Tombak, deren Oberfläche mit Säure verätzt einen rostigen Look bekommen haben. Kleine, klobige Kerzenleuchter, denen man noch ansieht, dass ihnen irgendein namenloses Fundstück aus Jan Weges tausend Schubladen Pate stand. Auch eine silberne Kaffeekanne, in deren graziler Form immer noch die Silhouette eines Speichers oder Kamins zu erkennen ist. All das ist sehr stimmig und überzeugt sowohl Juroren und Kuratoren als auch Galeristen. Vergangenes Jahr erhielt der Hamburger den Bayerischen Staatspreis für besondere Spitzenleistungen im Handwerk. Das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe hat in seiner Sammlung mittlerweile eine stattliche Zahl von Jan-Wege- Objekten, und auch das renommierte Londoner Victoria and Albert Museum kaufte kürzlich einige Accessoires. 2011 stellt Jan Wege unter anderem in der Saatchi Gallery London aus (6. bis 9. 5.) und in der Galerie Rosemarie Jäger in Hochheim (9. bis 30. 10.).

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Autor:
Philip Wesselhöft
Fotograf:
Thomas Elmenhorst