Kölner Tagebuch Möbelmesse imm Cologne 2016

Die Möbelmesse imm Cologne brummt. Und sie zieht nicht nur Händler, Presse und das Publikum an. Überall trifft man auf Designer – und natürlich auf die wichtigsten neuen Trends. Die tollen Tage von Köln im Schnelldurchlauf.

Sonntag, 19.20, Kölnischer Kunstverein Schöne Tradition: Der Höhepunkt der Messe-Woche findet vor der Messe statt. A&W lädt ein zur Preisverleihung des „A&W-Designer des Jahres“ – in diesem Jahr ist es der Brite Jasper Morrison, „der Verfechter der Funktionalität“. Alle wollen zur Vernissage der Ausstellung. Die Säle sind mit rund 600 Gästen bis an die Grenzen gefüllt. Mit dabei: ehemalige und vielleicht zukünftige A&W-Designer des Jahres und Mentorpreisträger Michel Charlot.

Montag, 10.30, Halle 3.2 Die schwedische Designerin Monika Förster zeigt den Loungechair „Unna“ auf dem Stand der bosnischen Firma Zanat, die traditionelles Schnitzhandwerk seit Neuestem mit Entwürfen internationaler Gestalter kombiniert. Vorher stylt sie sich für die ersten Interview-Termine und nutzt ihr iPhone als Spiegel. Firmenchef Orhan Niksic – old-school – braucht seines noch zum Telefonieren. Montag, 11.15, Halle 3.2 Schräg gegenüber Gedrängel bei Thonet. Kennt man ja, vor allem am Montagmorgen. In die Stand-Deko scheint Designer Jorre van Ast geflüchtet zu sein. Wegen der vielen Menschen? Oder der vielen Fragen? Zum Beispiel: Wie es komme, dass der Chef und Kreativdirektor der holländischen Möbelmarke Arco fremdgehe und mit Thonet anbandele Sein Tisch „1060“ ist ein Seitensprung mit Winwin-Charakter – Aufmerksamkeit für beide Seiten. Trend 1: Holz. Nach einem ersten vagen Überblick in den Hallen 11.2 und 3.2, in denen die wichtigsten designorientierten Möbelhersteller vertreten sind, schon die erste These: Der seit Jahren anhaltende Trend zu Holz hält unvermindert an. Klar, es liegt unter anderem an der allgemeinen Begeisterung für skandinavisches Möbeldesign, dessen Kraft und Charme originär auf dem lebendigen Werkstoff basiert. Aber auch da, wo man sich nicht von den Formen des Nordens inspirieren lässt, wird Holz verstärkt eingesetzt. Auffällig: eine Vorliebe für Nussbaum, wie sie nicht nur bei Team7, Draenert und Jori zu sehen war.

Montag, 12.00, Halle 11.2 Ein neues Gesicht auf der Messe: Victoria Wilmotte ist mit ihren gerade mal 30 Jahren schon eine gestandene Designerin. Die hellblonde, streng gescheitelte Französin gestaltet bevorzugt Einzelstücke für Galerien. Hier präsentiert sie ihren „Pli Side Table“ mit Fuß aus gefaltetem Stahl bei Classicon. Montag, 13.15, Halle 2.2 Eine der aufmerksamkeitsstärksten Installationen auf der Messe ist „Das Haus“. Diesmal hat es Sebastian Herkner entworfen, einen Rundbau mit flexiblen Raumabtrennungen aus Stoff-bahnen und einem bepflanzten zentralen Atrium. Willkommensarchitektur mit originellen Details: Die Wände im Badezimmer sind mit Seife verkleidet und duften zart. Montag, 14.30, Halle 11.2 Noch eine Win-win-Situation: Der Firmenchef von Conmoto ist Fußballfan, Christoph Metzelder ein Ex-Fußballnationalspieler und interessiert an Möbeldesign. Und Förderer sozial schwacher Kinder, was der Firmenchef unterstützt. Metzelder ist jetzt Markenbotschafter der Designfirma. Die spenden im Gegenzug für seine Stiftung.

Trend 2: Retro. Als hätten sich alle Hersteller dem Motto einer früheren Architektur-Biennale in Venedig, leicht uminterpretiert, verschrieben: „Reduce. Reuse. Recycle.“ Gezeigt wird, was die Archive hergeben. Alles Bewährte wird hervorgekramt, aufgehübscht und in neuem Rahmen oder Outfit präsentiert. Und es sind nicht nur skandinavische Klassiker wie bei dem jungen dänischen Unternehmen „&tradition“, das Lizenzen für Einzelstücke von Verner Panton und Arne Jacobsen erworben hat und diese mit Entwürfen von Jungstars wie Jaime Hayon und Entdeckungen wie Samuel Wilkinson kombiniert. Nebenan zeigt „Gubi“ inmitten seiner Skandinavien-Kollektion auch Reeditionen aus dem Spiegelkabinett des großen Gio Ponti. Und selbstverständlich fehlen nicht die Klassiker der Klassiker: Vitra mit Eames-Schalen, die gewachsenen Größenverhältnissen ihrer Besitzer angepasst wurden, und dem Schweizer Klassiker, dem Landis Chair aus gelochtem Aluminium, ergänzt durch einen Tisch, den der aktuelle A&W-Mentorpreisträger Michel Charlot entworfen hat. Cassina zeigt etwas gewöhnungsbedürftige „Mutationi“ von Rietvelds Rot-Blauem Stuhl. Den gibt es jetzt auch in Schwarz-Grau und mit Lederkissen für die Sitz- und Rückenfläche. Verantwortlich ist die neue Art-Direktorin Patricia Urquiola, A&W-Designerin des Jahres 2012.

Montag, 18.00, MAKK Das Museum für Angewandte Kunst (MAKK) zeigt eine kleine feine Schau über 70 Jahre Alessi-Design. Firmenchef Alberto Alessi ist zur Eröffnung anwesend und macht mit Reden und Posen aus der kleinen Schau einen Riesen-Event. Montag, 21.30, Bar Central Der Insidertreff am Montagabend. Die Agentur Neumann feiert 10-jähriges Jubiläum. Die Gründerin, Designexpertin Claudia Neumann, und Partner Georg Maurer (beide im Blitzlicht) laden Gestalter, Kulturschaffende und Journalisten zu einem bis vielen Absackern am Abend des ersten Messetages ein. Es wird ein langer, lustiger Abend.

Dienstag, 11.00, Halle 3.2 Woran erkennt man einen Klassiker? Er wird kopiert. E15 zeigt zum 20-jährigen Jubiläum des Sitzmöbels Backenzahn Holzhocker in Reih und Glied wie bei einer Gegenüberstellung auf dem Polizeirevier. Hier gibt es nur einen Unschuldigen – den echten. Dienstag, 12.15, Halle 11.2 Nada Nasrallah und Christian Horner nennen sich als Designstudio Soda. Für Ligne Roset hat das Wiener Duo die eleganten Sessel „Long Island“ entworfen, auf denen sie sich kurz für eine Erfrischung niederlassen. Es gibt nicht nur Wasser. Trend 3: Samt. Kuschelig und elegant sind zwei Attribute, die auf viele Neuheiten zutreffen. Auf der imm Cologne sieht man viele Entwürfe, die heile Welt, Harmonie und Sicherheit vermitteln. Das schaffen Polsterbezüge aus Velours, die Retro- wie Avantgarde-Design Grandezza verleihen. Die Farben: tiefes Dunkelblau, auch beruhigendes Grün, das an kultivierte Geselligkeit in der Bibliothek und am Billardtisch erinnert. Alles keine Neuerfindungen, aber eine einladende, heimelige Wohnwelt.

Dienstag, 13.00 Strategisch perfekt zwischen Halle 11 und Halle 3 feiert A&W in Kooperation mit der Messe „20 Jahre A&W-Designer des Jahres“ und zeigt Ikonen von jedem Preisträger. Die Objekte gibt es zu gewinnen. Nicht nur deshalb drängeln sich die Besucher hier. Dienstag, 14.00, Halle 3.2 Voll erwischt. Sofia Lagerkvist und Anna Lindgren von Front bei Vitra präsentieren Ideen für eine mögliche Kooperation. Erst sind die A&W-Designerinnen des Jahres 2010 not amused, dass ihnen jemand frech über die Schulter schaut, als sie erkennen, wer das ist, wird Wiedersehensfreude draus. Dienstag, 15.30, Design Post Die alte Posthalle ist ganzjährig Showroom bekannter Designmarken, die hier jeden Januar Neuheiten präsentieren – je ungewöhnlicher, desto besser. Für den Textilhersteller Kvadrat schuf Werner Aisslinger, A&W-Designer des Jahres 2013, ein stoffbespanntes Haus. Dienstag, 21.00, Kunsthaus Rhenania Alcantara und das Magazin „Damn“ baten die vier Designbüros Formafantasma, Moritz Waldemeyer, Anton Alvarez und Henrik Vibskov, den exklusiven Stoff dreidimensional zu inszenieren. LED-Tüftler Moritz Waldemeyer (A&W 6/09) schuf eine magische Lichterwelt. Mittendrin wollte er dem Fotografen die Kamera entreißen und ein Selfie schießen. Dienstag, 18.00, Päffgen Geschafft! Alle Fotos im Kasten. Am besten stößt man darauf an im alten Brauhaus in der Friesenstraße. An den Tischen mischen sich Messebesucher mit Karnevalsvereinen. So liebt man Köln.

Autor:
Jan van Rossem
Fotograf:
Robertino Nikolic