Architektur Südtirols Sehenswürdigkeiten

Neue Sehenswürdigkeiten: Südtirols Architekten lassen aufhorchen. Mit kreativem Elan und viel Gefühl für den Bezug zur Landschaft schufen sie Bauten, die manchen Umweg wert sind.

Am Horizont blaue, schneebetupfte Alpenkämme, darunter sanfte Hänge mit Weiden oder Weinrebenreihen, vorn im Tal ein Dörfchen mit alten Häusern und einem Kirchturm, der dem Bild den unverzichtbaren Akzent gibt. So sehen Hobbymaler und Digitalfotografen Südtirol. So gefällt es allen. So soll es bleiben. Für Architekten ist das Idyll ein schwieriges Terrain. Darf man ein Glasprisma neben die Dorfkirche setzen? Einen Betonwürfel als Kontrapunkt auf die Alm? Zwischen grandioser Landschaft und lieb gewonnener Altbau - substanz und unter den Argusaugen traditionsseliger Touristen brauchen Architekten Mut – und Fingerspitzengefühl. Die besten und interessantesten neuen Bauten vereinen beides.

Sehenswerte Baukunst gibt es im Nord- Süd-Transit-Land südlich des Brenners seit dem Mittelalter: Burgen und Schlösser, Klöster und Kirchen, an exponierten Stellen meist, mit kantigen Körpern und akkuraten Mauern aus Bruchstein. Einige sind heute, ästhetisch reizvoll ergänzt durch Zutaten aus Stahl und Glas, zu Museen umfunktioniert – wie Schloss Tirol von einem Team um Walter Angonese oder Schloss Sigmundskron in Firmian von Werner Tscholl. In jüngerer Zeit hinterließen Belle Époque und Jugendstil vor allem in Meran schmucke Hotels für Wellness-Gäste, die Moderne kam zögernd – zumal die Südtiroler die Bauten im Stil des italienischen Rationalismus, die während des Faschismus vor allem in Bozen errichtet wurden, als Besatzer- Architektur verschmähten.

Die heutigen Architekten Südtirols – seit der Autonomie-Erklärung im Jahre 1972 überwiegend wieder mit deutschen Namen – studieren in Venedig oder Florenz, in Innsbruck oder Wien, in Zürich oder in Deutschland und bringen internationale Trends in die Heimat zurück – wiederzufinden in spannungsvoll gegliederten städtischen Großprojekten wie dem Rathaus in Bruneck von Abram & Schnabl oder der Wohnanlage Kaiserau in Bozen von Christoph Mayr Fingerle. Ein paar spektakuläre Hin - gucker steuerten österreichische oder deutsche Architekten bei, allen voran die Berliner Krüger Schuberth Vandreike mit ihrem eingeknickten Kubus für das Museion in Bozen.

Interessant wird’s auf dem Land. Im Vinschgau, im Unterland, im Etsch-, Eisack- und Pustertal. Auf den Bauplätzen mit dem tollen Panorama und dem Kirchturm in der Nachbarschaft müssen engagierte Architekten sich entscheiden zwischen Konfrontation und Behutsamkeit. Oder verträgt sich vielleicht auch Konfrontation mit Behutsamkeit?

Die einen setzen selbstbewusst oder gar provokativ minimalistische Baukörper gegen die Söller-Fensterläden-und- Geranien-Tradition – und spielen dabei, zitathaft bis ironisch, mit den überlieferten Hausformen, Materialien, Aufteilungen und Details, mit Sichtachsen und Blickbeziehungen. Das Mehrzweckgebäude vom Team Mutschlechner & Mahlknecht in St. Jakob am Bühel etwa ist mit seiner kristallinen Form, weitgehend geschlossenen weißen Wänden und unregelmäßigen Öffnungen wie ein Fremdling neben der Kirche gelandet –, weist aber zugleich auf sie hin und duckt sich achtungsvoll in den Kirchhügel.

Die Goldschmied-Filiale in Schenna von Höller & Klotzner konterkariert das benachbarte traditionelle Giebelhaus durch konsequente Reduktion und „willkürlich“ gesetzte Fenster – und tritt dabei mit ihm in einen gleichberechtigten Dialog. Die historische Pfarrkirche in Leifers erweiterten dieselben Architekten durch einen selbstständigen Anbau mit schiefen Wänden und Kupferschuppen, der sich klar von dem ursprünglichen Bau abhebt – und doch unterordnet.

Das sind Störer, Brüche –, aber auch Zeichen einer neuen Ära, unübersehbare Signale, dass das Leben auch hier nicht stehen bleibt. Und erstes Befremden der Bewohner über die neue Baukühnheit münzt sich, je öfter Fremde interessiert danach fragen, zum Lokalstolz um: Wie schön. Wieder eine Sehenswürdigkeit im Ort! Auch die Südtirol-Touristen wechseln peu à peu das Profil, weg von Jodelstil und Lederhosenlook.

Seite 1 : Südtirols Sehenswürdigkeiten
Autor:
Heiner Scharfenorth
Fotograf:
Jürgen Eheim, Richard Becker, Rickard Kust