Unkonventionell Die britische Gärtnerin Beth Chatto

Schatten, Trockenheit, kiesiger Boden: Für Beth Chatto waren das keine Hindernisse, einen der meistbewunderten Gärten Englands zu schaffen und eine Generation von Pflanzenfreunden mit unkonventionellen Lösungen zu beeindrucken. Ihr Mitstreiter im Geist war der Gartenrebell Christopher Lloyd. Sie führten eine amüsante Korrespondenz.

Sonntag, den 10. März

"Dear Christo, es ist Sonntagmorgen, und während ich diese Zeilen schreibe, wärmen Sonnenstrahlen meine Hände. Ich schaue aus dem großen Fenster auf einen Teppich von Crocus tommasinianus. Diese Elfen-Krokusse leuchten in allen Nuancen von blassem Lila zu tiefem Purpur – sie wachsen genau dort an der Hauswand, wo später Romneya coulteri, der Baummohn, blühen wird. Ich wünschte, Du könntest hier sein und meinen Waldgarten sehen. Zeit fürs Frühstück. Much love, Beth"

Ein Frühstück, schreibt Beth Chatto in ihrem „Garden Notebook“, besteht aus hausgemachtem Müsli und Matetee, der Muskeln und Stoffwechsel stärken soll. Der Sonntag, verrät sie auch, hat für sie eine ganz besondere Stimmung. Es ist der einzige Tag, an dem die britische Gärtnerin, Autorin und Inhaberin eines Versandhandels für Pflanzen, ihren berühmten Garten ganz für sich allein hat.

Sie lebt in der ostenglischen Grafschaft Essex, einer rauen und von starken Ostwinden geprägten Landschaft mit einem melancholischen Zauber. Da ihr weißer Bungalow mitten auf ihrem Anwesen liegt, muss sie den Besitz an Wochentagen mit einem Ganztags- und vier Halbtagsgärtnern sowie freiwilligen Helfern aus aller Welt teilen. Dazu kommen rund 40000 Besucher pro Jahr. Stört sie der ständige Trubel? „Ganz im Gegenteil. Ohne all diese Menschen gäbe es meinen Garten nicht, ohne sie könnte er zumindest nicht so schön sein. Trotzdem, an einem noch taufrischen Sonntagmorgen das allein genießen zu können bedeutet das reine Paradies.“

Ende der Neunzigerjahre veröffentlichte Beth Chatto den Briefwechsel mit ihrem Freund Christopher Lloyd, den sie 20 Jahre zuvor bei einem Mittagessen kennengelernt hatte. Sonntagmorgens schrieb sie ihm gern in aller Ruhe, bis er im Januar 2006 verstarb. Der legendäre Gärtner und Besitzer des mittelalterlichen Herrenhauses Great Dixter in Sussex war wie sie ein enthusiastischer Pflanzenliebhaber. Jemand, der verstand, wieso man lieber Blumensamen sammelt als teuren Schmuck oder vollmundige Weine. Und der es zu schätzen wusste, dass er bei ihr immer ein offenes Ohr fand.

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Schlagworte:
Autor:
Josephine Grever
Fotograf:
Howard Sooley