Garten Landschaftsarchitektur von 3:0

Das Haus ist hypermodern. Doch der Bauherr liebt die pannonische Landschaft rund um Eisenstadt und wünscht sich einen natürlichen Garten. Die Wiener Landschaftsarchitekten 3:0 erfinden ein Liniengespinst aus Beeten, Wegen und Hecken, das beides zusammenfügt.

Das Haus liegt über dem Land, als ob es Wache hält. Der Blick aus seinen Fenstern reicht weit über die pannonische Ebene bis nach Ungarn. Es liegt in Eisenstadt, berühmt für das barocke Esterhazy-Schloss, für Dom und Bergkirche. „Wohin man geht“, sagt der Landschaftsarchitekt Oliver Gachowetz, „trifft man auf Geschichte.“

Ganz anders das Haus am Rand des Ortes: Es ist ein ultramodernes Schachtelwerk, kantig und strahlend hell. Eine Marillenwiese liegt vor ihm wie eine lange und breite Schleppe. Eine Rasentreppe führt hinauf. Beete wie Riegel sind in helle Kies- und Steinböden eingelassen. In ihnen wachsen Gräser mit Puscheln, die an Staubwedel aus Straußenfedern erinnern, denn „sauber soll es aussehen“. Weiter oben glitzert Wasser in einem acht Meter langen schmalen Becken. Gestriegelter Rasen schimmert. Flieder duftet, später Rosen. Wie mit dem Bleistift gezogen laufen zwei Wege auf dem schmalen Ende fast parallel, bis sie sich nicht allzu weit vor dem Ende kreuzen. Von oben geblickt, muss das aussehen, als habe jemand den Garten markiert. „Seht her, hier ist der Mittelpunkt, das Herz Pannoniens.“

Gebaut hat einen der schönsten und durchdachtesten Privatgärten, die in Österreich in den letzten Jahren entstanden, das Wiener Landschaftsarchitekten- Team 3:0. Ihr erster Schritt: das „skulpturale“ Konzept. Zuständig ist Oliver Gachowetz. Bei seinem Antrittsbesuch vor Ort fragt er sich: „Welche Sprache spricht das Gebäude? Was macht die alte Sandsteinmauer dort auf dem Grundstück?“ Und findet als „Ingredienzen, um Garten zu machen, Lineaturen“.

Zitat

"Schön ist, wenn die Natur ihren Part übernimmt und auch noch anschiebt. Das ist, wovon man träumt."

Aus ihnen entwickelt er ein System aus Wegen, Standmauern, Treppen und Riegelbeeten, die wie ein mehrgliedriges Wurzelwerk das Haus im Hang verankern. Wenn er es erklärt, spricht er von Linien, die geteilt und verschoben werden, von Aufsplitten, Trennen und Verteilen, sodass man meint, es gehe um Mathematik und nicht um Natur. Hecken zieht er nicht durch, sondern zerstückt sie zu Paravents, die nach rechts und links verschoben sind – „ein Spleen von mir“, so der Gestalter, denn das erzeuge Räume, verschwiegene Ecken, „plötzlich ist man davor, dann dahinter“.

„Kennen Sie Friedrich Kieslers Endless House?“, fragt er. Wenn überhaupt irgendwas, dann ist dieser revolutionäre Entwurf aus „Schichten von Räumen“ ein Vorbild für den Entwurf des großen pannonischen Terrassengartens. Wenig Grün, denkt man. Haben sich das die Auftraggeber gewünscht?

„Wir wollten einen sehr natürlichen Garten, in dem sich gut leben lässt“, sagt die Hausherrin. Erzählt von der pannonischen Landschaft – „wir lieben sie sehr“ –, dem alten Obstgarten, der in Res ten noch besteht, den Fasanen, die in ihm nisten – „schon am ersten Abend im neuen Haus habe ich sie gehört“ –, den Rosen, die ihr wichtig sind, und den Schildkröten, die in einer Grube im Garten wohnen und jedes Jahr im Kühlschrank überwintern. „Nicht neben der Schokoladentorte. Sie haben einen eigenen.“

Meinen beide den gleichen Garten? Zugegeben, pflichtet Oliver Gachowetz bei: „Skizziert sieht er sehr geometrisch aus.“ Die Aufgabe, das kantige System aus Linien in den gewünschten üppigen Garten zu verwandeln, fällt Daniel Zimmermann zu, dem Spezialisten für Pflanzen bei 3:0, mit einem Kopf wie einem Kompendium, vollgestopft mit Gewächsen samt Sortennamen. Gräser bis in die feinsten Verzweigungen des Züchterehrgeizes. Wie sein Kollege, schaut auch er sich am Ort um. Findet Weinbauklima. Dazu gehören Pflanzen, die trockene Sommer ertragen: Das sind Sonnenhut, Prärie- und Steppenlilien, Euphorbien, Gräser, Calamagrostis und Miscanthus. Ähnlich wie bei einer Typberatung, bei der sich Menschen Farbtücher ans Gesicht halten und so ihr vorteilhaftestes individuelles Profil feststellen, findet er in der Landschaft helles Braun für den Pflanzplan, sandiges Beige, Blaugrau, Gelb und fahles Grün. Damit das, in den Garten übertragen, nicht zur ewigen Gewitterstimmung gerät, kurz bevor der Donner losgeht, mixt er „Blühaspekte“ hinein: „frühsommerlich tiefes Blau und leichteres Rosa“. Das sind etwa Katzenminze ‘Blue Danube’, Glockenblume ‘Blue Blommers’, hellrosa Buschmalven ‘Barnsley und der ungarische Bärenklau.

Im April und Mai gleicht der Wohngarten noch einer wie mit Rasenteppich ausgelegten Verlängerung des Hauses, sehen die Streifenbeete kantig aus und „streberhaft“, wie Daniel Zimmermann das nennt. Ab Juni, und über die Jahre mehr, quellen sie über. „Schön, wenn die Natur ihren Part übernimmt und sogar anschiebt“, sagt Kollege Oliver Gachowetz: „Das ist, wovon man träumt.“

3:0 Landschaftsarchitekten

3:0 Landschaftsarchitekten

DETAILS

Plan und Informationen

  • Die Gestalter: 3:0 nennt sich das Team aus drei Wiener Landschaftsarchitekten, ehemaligen Kommilitonen der Universität für Bodenkultur in Wien. Oliver Gachowetz (1966, rechts im Foto) ist der Künstler der Truppe, zuständig für den skulpturalen Entwurf. Daniel Zimmermann (1970, links) plant die Pflanzungen mit einer unter den zeitgenössischen Landschaftsarchitekten seltenen Kennerschaft. Robert Luger (1968, Mitte) garantiert die technische Abwicklung. Mit im Bild ist Ingrid Monjencs, zuständig fürs Marketing.
  • Der Plan: Lineaturen und Bänderungen in Form von Riegelbeeten, Heckenparavents und Standmauern charakterisieren den Plan. Etliche der eingezeichneten Kirsch- und Nussbäume gehören zum Altbestand des vormaligen Obstgartens.
  • Ausgewählte Arbeiten: Arboretum Lackenbach, die Forstverwaltung Esterhazy im Schloss Lackenbach, 2006 bis 2008, Neugestaltung des Vorparks mit einer Art „Bilderrahmen“, einem hofgroßen, umlaufenden, bankähnlichen Gebilde. Henricihof in Eisenstadt, 2005, Neugestaltung des barocken Innenhofs der Esterhazy Betriebe. Peneder Basis, Bauunternehmen in Ritzling, 2010, weitläufige begehbare Dachgärten über hoch gestellten Kammrosten. 3zu0.com
Autor:
Elke von Radziewsky
Fotograf:
Hertha Hurnaus