Landschaftsarchitektur Porcinais Erbe

Um seine privaten Gärten zu sehen, nehmen Liebhaber größte Mühen auf sich. Der Italiener Pietro Porcinai war einer der bedeutendsten Landschaftsarchitekten des 20. Jahrhunderts – und einer der gewissenhaftesten Chronisten: Sein Archiv in den Hügeln von Fiesole über Florenz ist eine Fundgrube für Forscher.

Pietro Porcinai
Pietro Porcinai
Picino, picino“, keckert Loreto. Der Papagei ist ein Erbstück. 1955 hat der Landschaftsarchitekt Pietro Porcinai den Vogel einem Kunden abgekauft, der mit Tieren handelte. „Er war noch das handlichste unter allen, mein Vater liebte Tiere“, erzählt seine Tochter Anna. Sie ist die Sachwalterin ihres Vaters, eines der größten Gartenkünstler des 20. Jahrhunderts.

Von klein auf lebt Pietro Porcinai in einer Garten-Sonderwelt. Zu seinem Kinderalltag gehören die baumhohen Zypressenwände, das berühmte Wasser-Parterre und die aus Eibe geschnittenen Phantasiearchitekturen der Villa Gamberaia in den Hügeln Settignanos. Sein Vater arbeitet dort als Gärtner.

In der Schule stets Primus, machte Pietro Porcinai 1929 am Istituto di Agraria in Florenz sein Diplom als Agrartechniker und geht mit allerbesten Empfehlungen ausgerüstet erst nach Belgien, dann nach Deutschland. Eine Gelegenheit, die ein früherer Arbeitgeber seines Vaters eingefädelt hat: Fritz von Hochberg aus dem damals reichsten preußischen Clan von Montanmagnaten.

Sieben Monate macht Pietro Porcinai ein Praktikum in den Gärten von Schloss Fürstenstein in Waldenburg bei Breslau, der „Perle Schlesiens“, ein Treffpunkt der preußischen und europäischen High Society. Ganz gleich, wie kurz die Zeit in Deutschland ist, hier spürt er seine Zukunft. Deutschland ist das damalige Zentrum der grünen Avantgarde. Hier kristallisiert sich der noch unbekannte Beruf des Gartenarchitekten heraus, befördert durch Pflanzenliebhaber-Gesellschaften, international vernetzte Baumschulen und die in Europa einmaligen Gartenämter. Hier entstehen neue Theorien über Naturschutz und Ökologie, die Pietro Porcinai ein Leben lang begleiten werden. Für ihn sollen Gärten später gleichsam aus der Landschaft herauswachsen: „Man muss spüren, wie die Erde lebt, wenn man sie anfasst, und geduldigen Respekt vor der Natur haben.“ Pietro Porcinai ist sprachbegabt, auf Schloss Fürstenstein lernt er schnell Deutsch, spricht es bald fließend, und er nutzt es, um Kontakte zu knüpfen. In seinem Archiv liegen dicke Bündel von Korrespondenzen mit Otto Valentien, Wilhelm Hübotter oder Alwin Seifert, damals wichtige Namen. Heute sind sie in die Vergessenheit gedrängt, zu schwierig, zu belastet ist ihre Rolle im Dritten Reich.

Zurück in Italien macht der junge Porcinai schnell Karriere, arbeitet erst als Projektentwickler in der Gärtnerei und Baumschule von Martino Bianchi, der in Benito Mussolinis Italien beste Kontakte besitzt, und tut sich 1937 mit dem gut beschäftigten Architekten Nello Baroni zusammen, einem Schüler des Erbauers der Villa Malaparte, Adalberto Libera. Die Partnerschaft hält bis 1956.

Kurz darauf erfüllt er sich einen Traum und gründet sein eigenes Studio in der über Florenz gelegenen Villa Rondinelli, die er 1954 erst mietet, fünf Jahre später dann kauft. Bis zu 25 Kollegen arbeiten hier zeitweilig. Eine Art platonische Gartenakademie soll entstehen, ein internationaler Treffpunkt für Lehrer und Schüler. Porcinai schreibt Gartentexte für Gio Pontis einflussreiches Designmagazin „Domus“, engagiert sich für eine internationale Gemeinschaft von Gartenarchitekten, studiert und forscht ein Leben lang. In 60 Berufsjahren verwirklicht er fast 1400 Projekte. Dazu gehören – neben den vielen Privatgärten – auch wichtige öffentliche Anlagen. Er ist an Lösungen beteiligt für den Brennerpass und das Umsetzen des Tempels von Abu Simbel in Ägypten, er gestaltet den Place Beaubourg vor dem Pariser Centre Georges Pompidou, plant einige der Außenanlagen des Hansaviertels in Berlin und entwirft das Grün für Industrieanlagen und Firmen der Agnellis, Olivettis und Mondadoris. Er ist mit den Besten seiner Zeit vernetzt, was bis
heute in seinem einzigartigen, lichtdurchfluteten Archiv dokumentiert ist, das sich in der früheren Orangerie („limonaia“) der Villa Rondinelli befindet.

Heute ist Pietro Porcinai außerhalb Italiens nur noch bei einer eingeschworenen Gemeinschaft von Gartenliebhabern bekannt. Die aber nehmen viel auf sich, um einige seiner privaten Gärten zu sehen. Immer ist ein guter Grund und eine persönliche Empfehlung nötig, denn Adressen und Besitzernamen sind nicht öffentlich. Wenn sie kann, hilft Anna Porcinai und kutschiert den Gast mit ihrem winzigen Auto – „so kann ich überall parken“ – in die besten Wohngegenden in und um Florenz, denn die Kunden ihres Vaters gehörten zur Alta Borghesia, einer Gesellschaftsschicht für sich. Sie wartet mit dem Gast vor dem Tor bis zum Zeitpunkt des Termins und auch noch fünf Minuten länger, „man muss höflich sein“. Sie bedankt sich bei den Eigentümern, freut sich, dass Details mit Ehrfurcht gehütet werden, und fürchtet Besitzerwechsel: „Wie schnell ist ein Garten zerstört.“ Sie ist eine der Letzten, die von ihrem Vater berichten können.

Autor:
Elke von Radziewsky
Fotograf:
Alessio Gaurino, Regina Recht