Ungewöhnliche Entwurfsstrategie

Stadtplaner Alexandre Chemetoff

Von ihm hängt ab, wie Straßen aussehen, auf denen wir spazieren, welche Bäume an ihnen wachsen, wie grün das Stadtquartier wird und ob wir uns auf einem Platz wohlfühlen. Alexandre Chemetoff ist einer der großen Stadtplaner unserer Zeit, international bewundert für seine ungewöhnliche Entwurfsstrategie. Entwickelt hat der Franzose sie in dem Garten, den er als eine Versuchsanstalt um sein Atelierhaus baute.

Dass man ihn richtig versteht: „Garten ist nicht mein Metier“, sagt Alexandre Chemetoff, ein Hüne mit weißer Mähne und Corbusier- Brille. Er ist Architekt, und „ein Architekt kann Brücken bauen, Bänke entwerfen und Bäume pflanzen“. Klar so weit.

Trotzdem: Ein Garten, der Jardin des Bambous im Pariser Parc de la Villette, hat den Franzosen in den 80er-Jahren weltberühmt gemacht. Damals ist er 35 Jahre alt. Der Park gehört zu den Grands Travaux der Ära François Mitterrand. Und Chemetoff ist einer derjenigen, die einen Teilgarten gestalten. Er nutzt die Gelegenheit, seinen Ruf zu etablieren als jemand, der sich selten an gesteckte Grenzen hält. Statt das Land zu vermessen und auf ihm Grün zu verteilen, lässt er eine riesige Baugrube ausheben, zwei, drei Stockwerke tief. Die Bagger stoßen auf Rohre, die schon da waren – „Déjàlà“ –, als auf dem Gelände noch Schlachthallen standen. Chemetoff lässt sie, wo sie sind, macht sie zum Motiv seines Gartens. Er legt stählerne Brücken über die Grube, lässt den Künstler Daniel Buren deren Boden mit Streifen aus weißen und schwarzen Kieseln pflastern und schafft eine Kollektion von Bambusarten herbei, darunter haushohe Exemplare.

Der Jardin des Bambous wird zu einem Pilgerort moderner Gartenkunst, Exkursionsziel für Professoren und Studenten – und zum Ort des kompletten Scheiterns für Fotografen. Denn Bilder zeigen nur die von Chemetoff gewählten Werkstoffe: Stahl, Beton, Drahtseile, Bambushalme. Aber keines erzählt von der Ruhe in dem vertieften Raum, von der Wärme in dem Mikroklima, nichts vom Klang der Schuhe auf den stählernen Stegen – und auch nichts von der Sensation im Kopf, mit der man die Bambusschlucht hinabsteigt, wo man im Bauch von Paris auf Spuren der Vergangenheit trifft wie die Versorgungsrohre. Manche nennen das „Reliquien“, Chemetoff macht es bescheidener. Déjàlà, das sind Dinge, die schon da sind. Sie werden ein Kern seiner Entwurfsstrategie.

Zitat

„Häuser mag ich,weil ich in ihnenwohne, Straßen,weil ich in ihnen auf Menschen treffe – und Gärten, weil ich in ihnen pflanzen und ernten kann.“

So grandios der Erfolg ist, dem Jardin des Bambous folgen keine weiteren Entwürfe. Obwohl Garten große Mode wird, unter anderen befördert von der Amerikanerin Martha Schwartz, die mit bunten Pop-Entwürfen Erfolge feiert. Für Chemetoff ist das schlechte Kunst, eine B-Version der Land-Art, nur gut fürs schnelle Bild (A&W 5/90). Er macht sich in den Jahrzehnten, die kommen, einen Namen als Stadtplaner. Und leitet zurzeit eines der gigantischsten Stadterneuerungsprojekt Frankreichs: Das Plateau de Haye in Nancy ist ein 440 Hektar großes Stadtgebiet. Den Anlass gab die nötige Restaurierung von zwei Hochhaus-Lindwürmern. Mit ihren 19 beziehungsweise 17 Stockwerken und 400 und 300 Meter Länge sind Le Tilleul Argenté und Le Cèdre Bleu die längsten Wohnbauten Frankreichs und für die Nation Ikonen der Moderne. Der Architekt Bernard Zehrfuss setzt sie 1962 als „Krone auf die Hügel über der Stadt“, am schönsten vom Zimmer des Bürgermeisters im Rathaus aus zu sehen. Die „Lindwürmer“ werden zum Problemfall. 800 Wohnungen stehen leer. Will man die Gebäude retten, muss sich das Umfeld ändern. Wald, Gärten, Straßen, Post, ein Turm für die Energieversorgung werden gebaut. Chemetoffs Interesse richtet sich auf Orte, die viel genutzt werden und offenbar funktionieren. Egal wie marode, sie werden saniert. Anderes weicht, denn „Entwerfen ist das Organisieren von Lebensräumen“, sagt Chemetoff. „Ich mag Häuser, weil ich in ihnen koche, schlafe und lese. Ich mag Straßen, weil ich in ihnen Menschen treffe und Geschäften nachgehe, und Gärten, wenn ich in ihnen pflanzen und ernten kann.“

Seite 1: Stadtplaner Alexandre Chemetoff
Autor:
Elke von Radziewsky
Fotograf:
Jonas Unger