Garten der Zukunft Arts-and-Crafts-Garten Great Dixter

Farbig, impulsiv und hochexperimentell: Great Dixter, der berühmte alte Arts-and-Crafts-Garten in Northiam, südlich von London, hat sich zu einer Keimzelle des Avantgarde-Gärtnerns entwickelt. Sein Motor ist Headgardener Fergus Garrett, der mitreißende Schüler von Christopher Lloyd, dem 2006 gestorbenen legendären Begründer des grünen Meisterwerks.

Kein Besucher im Garten. Keine Strohhüte, unter denen Kameras klicken. Keine Bewunderer, Verehrer, Anhimmler. Nur Frieden. Zwischen fünf Uhr nachmittags und elf Uhr morgens gehört Great Dixter, das mächtige, schon schiefe Gemäuer, die Scheunen, Bäume, Hecken, Blumenbeete denen, die dort arbeiten: Fergus Garrett, dem charismatischen Headgardener, Aaron Bertelsen, dem Master of the House und Chef des ausgedehnten Küchengartens, sechs Gärtnern und einer Handvoll Studenten aus aller Welt. Eine Gemeinschaft, die zwar nicht klösterlich lebt, dafür eingebettet in die Arts-and-Crafts-Welt, in die Riegel der Zimmertüren aus Holz gefertigt sind; Betten einen Himmel haben; Eiben zu Vögeln geschnitten und der Garten von meterhohen Hecken eingeteilt ist, die aussehen, als ob sie langsam schmelzen.

Mehr als fünfzig Jahre war dieser Ort die Bilderbuchbühne für Christopher Lloyd, abgekürzt Christo, der gemeinsam und fast altersgleich mit Rosemary Verey und Beth Chatto unser Bild des blütenstrotzenden englischen Gartens für mindestens zwei Generationen geprägt hat. Christos Eltern, beide aus wohlhabenden Familien stammend, hatten das landwirtschaftliche Anwesen 1910 gekauft. Vater Nathaniel puzzelte das Haus mit dem prominenten Arts-and-Crafts-Architekten Edwin Lutyens aus zwei mittelalterlichen und einem neuen Teil zu einem Exempel britischen Wohnens zusammen. Mutter Daisy organisierte den Garten. Christo, der jüngste von sechs Geschwistern, zog in den Krieg, machte eine Ausbildung zum Gartengestalter (decorative horticulture), lehrte zwei Jahre, kehrte 1954 nach Great Dixter zurück und blieb.

Er gründete eine Gärtnerei, lockte Besucher herbei und begann, eine Karriere als hortikultureller Bilderstürmer aufzubauen. Seine Plattformen waren Great Dixter und das „Country Life Magazine“, für das er über vierzig Jahre wöchentlich eine Kolumne schrieb, und die er nutzte, um Angriffe auf gärtnerische Allgemeinplätze zu führen, um Rosen zu stacheligen Stecken zu erklären oder englischen Gartenladys die Pastellfarben madig zu machen. „Christo“, so Aaron Bertelsen, „was a wordly man“ – ein öffentlicher Mensch. „Der Garten war sein Mittel dazu.“ Viele, die es nie nach Northiam schafften, kennen ihn als Autor; von ihm stammen phantastische Bücher wie „Dear Friend and Gardener“, der Briefwechsel mit Beth Chatto (A&W 2/2013 ) und sein „The Gardener Cook“, in dem er als weitere Seite von Great Dixter die umfangreichen Küchengärten vorstellte, aus denen heraus er kochte und seine Gäste bewirtete. „Sein Haushalt glich einer fortwährenden Party“, verriet eine Freundin im „Guardian“.

Als dieser große Christo 2006 starb, befürchteten viele, dass Great Dixter vergehen, hilflos verwildern, als geschäftsmäßig geführtes Touristenziel, schlimmer noch als gelecktes Fünf-Sterne-Hotel erstarren würde. Das Gegenteil geschah. Great Dixter verwandelte sich in eine lebendige Gartenschule, mehr noch: in ein Laboratorium des Gärtnerns, widerständig wie zu Christos Lebzeiten.

Was auf den ersten Blick kaum ersichtlich ist. Schwer, sich in den Heckenkabinetten zu orientieren. Hier die Long Border, bereits im 19. Jahrhundert das Paradestück großer Gärten, dem Centerpiece auf der gedeckten Tafel vergleichbar; dort ein drei Treppenstufen abwärts gelegter Senkgarten, wie man ihn am Anfang des 20. liebte; da die Wiese mit in Form geschnittenen Buchsbäumen, schon zu Zeiten von Christos Eltern ein romantisierendes Detail – und überall diese übergewichtigen Hecken. Es gibt die typische, halbrunde Jekyll-Lutyens-Terrasse, den Pfauen- und den exotischen Garten mit Bananenstauden, die im April noch baumhoch in Stroh und Farnlaub gepackt sind, eine seltsame Inszenierung.

„Das Erste, was mich faszinierte als ich herkam, waren die Farbigkeit und Impulsivität“, sagt Michael Wachter, 25 Jahre alt, Student der Landschaftsarchitektur aus Deutschland. Zwei Monate wollte er bleiben, sein Englisch polieren und Gartenwissen erweitern. Er hat auf zwei Jahre verlängert und will in Zukunft Gärtner statt Designer sein. Was er hier erlebt, ist der krasse Gegensatz zu der in Deutschland postulierten Pflegeleichtigkeit: „Hier in England sagt man, low maintenance is low braintenance.“ Was so etwa heißt: Wenig Handanlegen ist wenig Hirn einsetzen. Michael Wachter ist einer der wenigen Deutschen, die nach Great Dixter kommen.

Die meisten Studenten stammen aus Frankreich, Japan, den USA. Sie sind das Kapital von Fergus Garrett. „Die Menschen finden zu uns“, sagt er. Neben jungen Menschen aus aller Welt ist das auch ein obdachloser Jugendlicher aus der Gegend. „Wir sagen, du kannst zwei Wochen bleiben, dann werden wir sehen.“ Ihm ist wichtig, dass nach Great Dixter nicht nur die kommen, die es sich leisten können. „Menschenfischer“ nennt ihn Michel Wachter.

„That is good work, exciting“. Jeden Morgen um 8 Uhr gibt der Menschenfischer seinen Studenten Instruktionen. Die Pflanzkiste unterm Arm, eilt er mit riesigen Schritten durch den Garten. Die Aufgabe ist, einjährigen Mohn in eine Staudenpflanzung zu setzen. „Ich will, dass es natürlich wirkt. Nicht symmetrisch. Okay! Hier, so soll es aussehen.“ Auf dem Boden knieend markiert er Pflanzplätze in die krümelige Erde. „Und seid vorsichtig mit den Setzlingen. Take them delicately. Die Wurzeln mögen es nicht, wenn man an ihnen rumfingert. Und nicht zu hoch einpflanzen. Wie heißt der Mohn?“ Schweigen. „‘Laurens Grape’. Merkt euch den Namen. Notiert das Aussaatdatum und beobachtet, wie die Sämlinge sich entwickeln. Wenn es nicht gut wird, probieren wir nächstes Jahr einen anderen Aussaattermin aus.“ Alles ist im Fluss. Nichts wird wie immer gemacht: „We don’t repeat planting, we want to learn.“

Später, nach der Kaffeepause um zehn Uhr, ist Besprechung in der Scheune. Fergus Garrett steht an der Tafel und zeichnet Strategiepläne, zuerst eine Liste von allem, was ansteht: Töpfe wässern, Sämlinge kontrollieren, Tulpen pflücken, Hecken schneiden und darunter aufräumen, Erde für die Gärtnerei vorbereiten, jäten, selbst ausgesäte Pflanzen ausdünnen. Dann markiert er Vorrangiges: „Wir müssen auspflanzen; wir brauchen Platz in den Frühbeeten; Hecken sind noch zweitrangig.“ Später rennt er wieder durch den Garten, nachsehen, was die Studenten getan haben, eilig, fröhlich, anfeuernd: „Wenn ich allein arbeitete, bräuchte ich für dies oder das einen Tag, so sind es vier. Aber das ist der Weg.“ Mittags sitzt er wieder in der Scheune, löffelt eine Suppe. Eine Studentin hat sie mitgebracht. „Delicious“, sagt er und hamstert Nachschlag ein. „Ich wollte immer eine Landkommune gründen. Wo ich in meinem Leben auch war, am meisten habe ich gelernt, wenn wie in der Familie zusammengearbeitet wird.“

Seit 23 Jahren arbeitet Fergus Garrett in Great Dixter. 15 Jahre zusammen mit Christopher Lloyd. Immer war der Garten in Bewegung, ob es um die mit Blütenpflanzen besetzten Wiesen ging – Jahre bevor das Präriegärtnern Mode wurde – oder um die Long Border, in die Christo eines Tages begann, Zwergkoniferen zu setzen. Egal wie verpönt diese Gewächse noch immer sind. Fergus Garrett setzt die „Conifer experience“ fort. Er experimentiert mit Unmengen von Tulpen, mit den von Christo gehassten Kornblumen, mit Vorschlägen der Studenten. Was dieser begonnen hatte, setzen seine Erben fort, intensiver denn je. Gärtnern ist zu einer Reformbewegung geworden und Great Dixter eine Drehscheibe, in die Informationen hinein- und hinausgetragen werden. Aus Melbourne ist der junge Landschaftsdesigner Thomas Gooch da und arbeitet bei Aaron Bertelsen im Küchengarten mit. Thomas gehört zu denjenigen, die „3000 acres. Connecting people to the land“ organisiert haben, ein Projekt  das leer stehende Grundstücke in der Metropole erfasst und versucht, ihrer habhaft zu werden, um dort Nahrung anzubauen.Und während Fergus Garrett Richterdienste auf der Londoner Chelsea Flower Show ausübt, bereitet Aaron nebenbei „Talks“ vor, die er in Detroit und Memphis übers Gemüsegärtnern in Great Dixter halten wird; wie er zum Beispiel das Unkraut unter den Himbeeren mit Vergissmeinnicht fernhält.

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Autor:
Elke von Radziewsky
Fotograf:
Regina Recht