Der Geburtsort der Botanik Botanischer Garten in Padua

Kreisrund, von hohen Mauern umgeben: In Padua steht der älteste botanische Garten der Welt, noch genau so, wie ihn die Republik Venedig 1545 anlegen ließ. Sein Bau gehört zu den großen wissenschaftlichen Experimenten der Renaissance. Denn hier wurde die Botanik eine Wissenschaft, die sich die Pflanzen direkt anschaut.

Wozu erdreistete sich dieser „Gemüsegärtner aus Padua“? Pietro Andrea Mattioli, Leibarzt am Hof der Habsburger und eine Autorität in allem, was Pflanzen betraf, wurde grob, wenn es um seine Reputation ging. In seinen Korrespondenzen schäumte er vor Wut. Kein Einzelfall in der Botanik auf dem Höhepunkt der Renaissance. Neid und Profilierungssucht brodelten. Der große Mattioli hatte ein Buch über Pflanzen herausgegeben; ähnlich wie Luther die Bibel hatte er das weit über tausend Jahre gültige Kräuterkompendium aller Ärzte in die Volkssprache übersetzt: den Dioskorides. Und wie die Bibel wurde „De Materia Medica“ zum Bestseller. Fünfzig Ausgaben erschienen, eine schöner als die andere, manche mit prächtigen Pflanzenillustrationen. Und dann kam dieser „gehäutete Aal“ und streute Zweifel.

Der Beschimpfte hieß Luigi Anguillara und war der erste Obergärtner des botanischen Gartens in Padua. Ein bescheidener Mann, der 80 Dukaten verdiente, mit denen er eine elfköpfige Familie ernährte. Kein Medicus und kein Buchstabengelehrter wie Mattioli, eher ein Feldund Wiesenforscher. Statt in Büchern studierte Anguillara Pflanzen in ihrer natürlichen Umgebung. Er wanderte in den Gegenden um Bologna, um Rom, Verona und Mailand, kraxelte in den Abruzzen, reiste nach Frankreich, Griechenland, Zypern, auch nach Deutschland. Er sammelte und beschrieb, was er fand, und verglich es mit dem, was in den alten dicken Kompendien stand oder in Mattiolis neuer Übersetzung. Kam schon vor, dass er auf Dubioses stieß und das auch mitteilte.

Alles in der Botanik drehte sich in der Mitte des 16. Jahrhunderts um die Identifizierung der Gewächse, die aus der Antike überliefert waren.

Man muss sich in die Welt zurückversetzen, in der das Wort der Bibel im Buchstabensinn galt: Gott hat die Pflanzen geschaffen, am dritten Tag und alle auf einmal, ganz gleich, ob Sumpf oder Düne. Bisher hatte es gereicht, die Heilpflanzen und ihre Wirkung in Büchern zu studieren. Die neue Aufgabe war, sie zu finden. Zum einen, um sie endlich naturgemäß zu porträtieren, und nicht
wie bisher mithilfe von Beschreibungen oder getrockneter Pflanzenteile. Zum anderen, um sie den Volksnamen zuzuordnen; wie sonst sollte man richtig aus dem Griechischen und Lateinischen übersetzen. Und drittens aus medizinisch-ökonomischem Kalkül.

„Zahllose Irrtümer und Betrügereien, die bei Arzneien begangen werden“, waren ein Grund dafür, dass die Republik Venedig per Dekret vom 29. Juni 1545 die Anlage des „Orto dei Semplici“ in Padua veranlasste. Venedig war Wirtschaftsmacht, der Handel mit Heilkräutern wie Gewürzen, Getreide und Früchten war ein Pfeiler ihres Reichtums. Padua wiederum gehörte zur Republik, und die dortige Universität war das Havard der Renaissance. Hierher kamen Studenten aus England, Spanien, Schweden. Professoren wurden nach scharfem internationalem Reglement ausgewählt. Hier lernte Kopernikus, hier entdeckte Galileo Galilei die Monde des Jupiter. Hier sollte es den ersten anatomischen Hörsaal geben. Beobachten und Experimentieren: Mit diesen Methoden startete der Aufbruch in die Wissenschaften der Moderne. Der Orto Botanico gehörte zu den Konzepten der gelehrten Pioniere. Er war einer der ersten und ist der älteste noch in seiner Urform erhaltene.

Heute gelangt man in nicht viel mehr als zehn Minuten mit der Straßenbahn vom Hauptbahnhof an eine Kreuzung ganz in der Nähe des Orto. Von dort aus muss man fragen, denn kein Schild zeigt den Weg durch die Gassen hin zu seinem Haupteingang. Keine Trauben von Touristen ziehen zu ihm. Was nicht bedeutet, dass er vergessen wäre oder gar vernachlässigt. Ein neues Besucherzentrum, sogar ein erweiterter Teil mit großen weißen Gewächshäusern flankieren die ursprüngliche Anlage in Sichtweite der Basilica di Sant’Antonio, einem der berühmtesten Heiligtümer Italiens. Eingebettet in eine kleine landschaftlich gestaltete Anlage mit einigen schönen alten Bäumen, einigen Außenbeeten und den wunderbaren alten, schaufensterartigen Gewächshäusern, die aussehen, als lebten Orchideen und fleischfressende Pflanzen hier, von der Zeit vergessen, in eigener Regie – zwischen all dem liegt, befestigt wie ein großes rundes Fort, der ehrwürdige Orto Botanico. Aufs Liebevollste von professionellen Gärtnern gepflegt. Vier Tore, nach Osten, Norden, Westen und Süden, verschaffen Zutritt. Im Inneren teilen Steinkanten das Kreisrund in ein Kaleidoskop von kleinsten Einzelbeeten. Hier und da hebeln die Wurzeln einiger greiser Bäume die Struktur aus dem Lot. Zierliche schmiedeeiserne Zäune umgrenzen Quartiere. Ihre Pforten stehen offen, denn man soll die Pflanzen von Nahem sehen – und auf den schmalen Pfaden „peripatetisch auf- und abgehend ihre Eigenschaften erforschen“, wie der italienische Chronist Marco Guazzo im Jahr 1546, ein Jahr nach der Eröffnung, Gelehrten empfahl.

Kreisrund, von Wasser umflossen, wie ihn Guazzo beschrieb, spiegelte der Orto in seinem Äußeren noch ganz das mittelalterliche Idealbild der Welt. Zwei Hauptwege kreuzen sich in seiner Mitte und teilen ihn in vier Kompartimente. Vier Teile Welt, vier Himmelsrichtungen, vier Elemente (Wasser, Luft, Feuer, Erde), vier Qualitäten (kalt, feucht, warm, heiß) – sie alle wurden aufeinander bezogen und kombiniert. Man deutete die Realität mit Analogien, glaubte an die Lehre der Sympathien, nach der in der Natur alles miteinander verwandt ist und sich entspricht: weshalb etwa solche Pflanzen Taubheit heilen können, die einem Meißel, „Ohrpicker“, ähneln. Das war die Hauswurz, die, betrachtet man Rosette und Wurzel, wie so ein Werkzeug aussieht. Weil solcherart Weisheit nur in Büchern gelehrt wurde und es bestenfalls vereinzelte Ausblicke in die Wirklichkeit gab, hatte dieses magische System mehr als tausend Jahre Bestand. 576 Pflanzen mit ihren Heilkräften kannte man zu Beginn des Orto Botanico, für sie war der Platz bereitet worden. Und die Republik Venedig scheute weder Abenteuer noch Kosten, um sie lebend herbeizuschaffen.

Zu den ersten Pflanzenjägern, die in ihrem Auftrag oder von ihr finanziert reisten, gehörte Melchior Wieland aus Königsberg, ein Kräuterhändler und Medicus, der an der Universität von Bologna sein Diplom machte, Griechisch und Latein sprach, irgendwie nach Rom gelangte, wo ein venezianischer Botschafter auf ihn aufmerksam wurde. Es war wohl nicht schwer, Wieland zu einer gewagten Expedition zu überreden. Sein Plan war: ein Werk, ähnlich dem der antiken Autoritäten zu erstellen, in dem er jedoch über nichts schreiben wollte, „ehe ich es mit eigenen Augen gesehen“. Syrien, Griechenland, Ägypten, Palästina, er sammelte, beschrieb Fundorte, seine Beute wuchs, das Projekt kam voran. Doch dann, vor der sardinischen Küste, setzten ihn algerische Piraten gefangen. 200 Golddukaten Lösegeld wurden gezahlt. Endlich auf der Rückreise erlitt Wieland Schiffbruch. Alles war hin, nichts hatte er erreicht, „statt der Menschheit von Nutzen zu sein, habe ich mich nur selbst beschädigt“, schrieb er. Nie wieder würde er sich an ein Buch machen. Was von ihm überliefert ist, hat einer seiner Schüler notiert oder es sind Randnotizen in den Werken anderer.

Aber die Serenissima zeigte sich erkenntlich. Sie ernannte Guilandino Borusso, zu dem Wieland sich lateinisiert hatte, zum Nachfolger des „Gemüsegärtners“ Luigi Anguillara. Per Dekret bestellte sie 1561 den Preußen zum zweiten Präfekten des Orto Botanico mit einem Salär von nun 124 Dukaten. Er bescherte dem Garten eine hydraulische Bewässerungsanlage, eine stattliche Zahl neuer Pflanzenspezies, einen satten Giftskandal, in den das oberste Gericht Venedigs, der „Rat der Zehn“, verwickelt war, und zog sich, als könnte es nicht anders sein, wie sein Vorgänger die Wut des Buchgelehrten Mattioli zu: „… diese ausländischen Verräter … wenn irgendetwas an ihnen gut ist, haben sie es in Italien gelernt. Sie kommen als Tiere und verlassen es als Männer.“ Noch immer stand Buchwissen gegen Naturanschauung.

Ein wachsendes Netz von Botanikern versuchte inzwischen einerseits, die Kluft zwischen Fiktion und der Realität weg zu argumentieren. Andererseits bekamen Weltreisende immer öfter den Auftrag, nach dieser oder jener Fabelpflanze Ausschau zu halten: Ägyptische Bohne oder Aronstab? Pyramidenglockenblume, Färbermeier oder etwas ganz anderes? Manchmal passten auf die rauen Abbildungen und Beschreibungen zwei und mehr reale Gewächse. An manchem Identitätsstreit nahmen ein Dutzend und mehr Gelehrte teil. Erst zweihundert Jahre später sollte es dem Schweden Carl von Linné gelingen, ein streng wissenschaftliches Ordnungssystem in das Chaos der Pflanzenbenennung (Nomenklatur) einzuziehen.

Während die Auseinandersetzungen viel Druckerschwärze aufs Papier brachten, entstand für den botanischen Garten eine wichtige Zweitaufgabe. Er wurde zum Akklimatisierungsquartier für exotische Pflanzen. Nach Padua gelangten zum Beispiel aus Amerika Tomaten, Kartoffeln, Sonnenblumen und Tabak. Aus Afrika kamen eine Palme und die Aloe. Ähnlich wie die Republik Venedig und nach dem Vorbild in Padua gründeten andere staatliche oder halbstaatliche Institutionen botanische Gärten, immer öfter auch direkt in den Kolonien, in Kapstadt oder auf Mauritius.

Noch einmal und im Zeitalter Linnés wurde die Sammlung in Padua zur Initialzündung einer wissenschaftlichen Idee. Ein turmartiges Gebäude, das sich innen an der Ringmauer erhebt, behütet die Erinnerung daran: „Goethes Palme“. Der Dichter entdeckte sie 1786 auf seiner italienischen Reise.

Er war ein leidenschaftlicher Dilettant, begeisterter Naturbeobachter, ein halbes Leben beschäftigte er sich mit Botanik. Er suchte die Gemeinsamkeit in allen Pflanzen, den Beweis, dass sie nicht ursprünglich determiniert sind, sondern sich nach den Erfordernissen umbilden – und fand ihn in Padua. Die Fächerpalme wurde für ihn so etwas wie die Galapagos-Finken für Charles Darwin: das auslösende Moment. Einfache Blätter, zweigeteilte, dann vier- und sechsfach und noch öfter geschlitzte, Chamaerops humilis zeigte alles an einem Stamm. Ein Gärtner schnitt Goethe von allen Stadien Exempel ab; der montierte sie auf Pappen, schleppte sie auf der noch fast zwei Jahre dauernden Reise mit und verwahrte sie „wie Fetische“. Sein Versuch, die Urpflanze zu finden, begründete die Morphologie, die Lehre von Form und Struktur der Gewächse. Heute gilt sie als ein erster Schritt zur modernen Evolutionsbiologie. Goethes Maskottchen geht es gut. Sie ist, 1585 gepflanzt, das älteste Gewächs im Garten.

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Autor:
Elke von Radziewsky
Fotograf:
Regina Recht