Stadtfarmer richten Ackerflächen in Kreuzberg ein Der Prinzessinnengarten in Berlin

Private Beete gibt es nicht, dafür Rabattpunkte für solidarisches Jäten und Hacken beim späteren Gemüsekauf. Im tiefsten Kreuzberg haben zwei botanische Laien, ein Historiker und ein Filmemacher, aus Pflanzsäcken und Bäckerkisten mobile Ackerflächen eingerichtet. Seit 2009 betreiben die Stadtfarmer nach Vorbildern in New York, London und Havanna ihren Prinzessinnengarten am Berliner Moritzplatz.

Wenn der letzte Schnee geschmolzen ist, kommt Bewegung in das 6000 Quadratmeter große Stück Land an der Südostflanke des Berliner Moritzplatzes. In den Prinzessinnengärten wird aufgeräumt. Bald sollen hier wieder Mangold und Tomaten in tragbaren Kompostbeeten wachsen. Vorgezogene Jungpflanzen stehen in einer nahen Markthalle bereit. „Nomadisch Grün“ nennen Robert Shaw und Marco Clausen ihre 2009 gegründete urbane Landwirtschaft. Da, wo das Vielvölkergemisch Kreuzbergs und die trendige Mitte Berlins sich teilen, gedeiht „ein Garten ohne Gärtner, betrieben von einer Handvoll Dilettanten. Ein Garten, der keine Wurzeln schlägt, sondern aus Kisten, Säcken und Containern besteht und daher vollständig mobil ist. Ein Garten, der kein eigenes Beet hat, sondern nur den gemeinsam mit Nachbarn, Interessierten und Freunden umgenutzten Platz“.

Den Namen gab die angrenzende Prinzessinnenstraße. „Er klang so märchenhaft, wie unsere Idee anderen Menschen erschien“, sagt Marco. Der Moritzplatz heißt nach Moritz von Oranien. 1860 auf dem Köpenicker Feld angelegt, entwickelte er sich mit der rasanten Ausdehnung Berlins zu einem beliebten Platz. Die meisten der Häuser fielen dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer. Wo heute die Prinzessinnengärten blühen, stand eines der Wertheim-Kaufhäuser. Andere Altbauten verschwanden in den 70er-Jahren während der vom Senat betriebenen Kahlschlagsanierung. Bis 1989 schlief der Platz im Schatten der Mauer vor sich hin. Seit der Wende kreist der Autoverkehr.

Weder dem Historiker Marco, 36, aus Schleswig-Holstein noch dem Filmemacher Robert, 33, aus Nordrhein-Westfalen ist das Gärtnern in die Wiege gelegt worden. Marco stammt aus einer Gastronomenfamilie und hat schon mal eine Bar betrieben. Robert kam herum in der Welt und ist junger Vater. Sie trafen sich auf einer Party, und Robert erzählte, was er auf Kuba gesehen hatte: „Gärten, mitten in Havanna und Santiago de Cuba“, die nicht nur der sozialistischen Mangelwirtschaft abhelfen sollten, sondern darüber hinaus als eine Art sozialer Kitt funktionierten – agricultura urbana.

Gemeinsam lernen

Ein Ort, an dem Kreuzberger Jugendliche, eine Biobäuerin aus dem Brandenburgischen und ein New Yorker Gartenaktivist voneinander lernen.

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Schlagworte:
Autor:
Inge Ahrens
Fotograf:
Jan Kopetzky