Dean Riddle Des Sommers ganze Fülle

Direkt vor die Fenster eines großen alten Steinhauses in den Catskills nahe New York setzte Gestalter Dean Riddle einen verschwenderischen Blütengarten – und rahmte ihn mit seinem Markenzeichen: einem Knüppelzaun.

Immer wenn Dean Riddle die spitzen Giebel des aus Stein und Schindeln gebauten Hauses vor den runden Bergrücken der Catskills in Tannersville auftauchen sah, fuhr er etwas langsamer: Die uralten innig mit der Fassade verwachsenen Kletterhortensien fesselten ihn stets aufs Neue. Und beim Blick auf die knorrigen Apfelbäume inmitten einer verwilderten Wiese versuchte der Gartengestalter jedes Mal zu raten, welche Sorten es sein mögen. Inzwischen kennt er sie. Sie heißen ‘Esopus Spitzberg’, ‘Newtown Pippin’ und ‘Rocksbury Russet’. Die Besitzerin Rebecca Robertson, gelernte Stadtplanerin, seit Jahren Präsidentin der New Yorker Kulturinstitution Park Avenue Armory, verriet sie ihm. Er lernte die Hobbygärtnerin zufällig in dem nahen Mountain Top Arboretum kennen, einem seiner damaligen Projekte, und ließ sich von ihr zu einem Glas selbst gemachten Apfelwein einladen. Kaum fuhr er in seinem roten Pick-up auf das Haus zu, wusste er, wie er der Auffahrt mit Gehölzen, Gräsern und Wildblumen mehr Drama geben würde. Noch am selben Nachmittag wurde die Zusammenarbeit verabredet.

Zehn Hektar groß ist das Grundstück der Robertsons, genug Platz, um eine Farm zu gründen. Doch nicht die Größe, sondern das eigenwillige Haus diktierte das Konzept für die Bepflanzung. Der kanadische Maler George Agnew Reid, Gründer der Art Gallery von Toronto und ein Gelegenheitsarchitekt, hatte es 1906 mit einer Gruppe ähnlich pittoresker Landhäuser auf die Anhöhe mit der grandiosen Aussicht gesetzt. Sie alle bestehen aus viel Holz, mächtigen mit Schindeln eingedeckten Dächern und Mauern aus Naturstein. Für Rebecca Robertson sehen sie aus, als ob sie mit ihren steinernen Fundamenten „unmittelbar aus der Landschaft emporwachsen“. Sie ist in einem ähnlichen Haus aufgewachsen und liebt die Individualität unbehauener Steine dafür, dass sie sich streng geometrischen Anordnungen widersetzen. Das erzeugt ein Gefühl von Freiheit, das sie ebenso in einem üppigen, scheinbar ungezähmten Gartendesign finden möchte.

In Dean Riddle fand sie dafür den perfekten Komplizen. In Carolina aufgewachsen, studierte der 58-Jährige Gartenbau am Haywood Technical College, verbrachte ein Jahr bei der berühmten Baumschule Hillier im englischen Winchester und ließ sich, nach Nordamerika zurückgekehrt, 1990 im Bundesstaat New Yorknieder. Unter dem Titel „Dean’s Dirt“ schrieb er jahrelang Gartenkolumnen für die Zeitschrift „Elle Decor“, legte sich 1991 in Phoenicia einen 60 Quadratmeter kleinen, wild blühenden und von einem Knüppelzaun gerahmten Sommerblütentraum an (A&W 4/2000) und entwarf Privatgärten in den Catskill Mountains und dem Hudson Valley. Er hat sich ganz der bei den New Yorkern beliebten Ferienregion mit den heißen Sommern, kalten Wintern und steinigen Böden verschrieben, und er preist ihre botanischen Möglichkeiten.

„Was für ein herrliches wildes Knäuel“, schwärmte auch seine Auftraggeberin, als sich im zweiten Sommer duftende Wicken um ornamentale Tabakpflanzen wanden und dabei auch noch eine Rocky-Mountain-Spinnenblume umarmten. „Verschwenderisch und romantisch“ sei sein „komplexer Gartenbau“, sagt Dean Riddle, nie lasse sich ein Ergebnis ganz voraussagen: „Man muss beobachten, wie sich Pflanzen zueinander verhalten, sehen, ob sie gute Partner abgeben.“ Wie bei allen Lebewesen könne man Zuneigung nicht erzwingen, denn „die Natur ist der Künstler, ich bin ihr Assistent“.

Als Rebecca Robertson Fotos von Dean Riddles eigenem Sommerblütengarten sah, wünschte sie sich in unmittelbarer Nähe ihres Haus auch ein so strukturiertes und gerahmtes Stück überbordender Pflanzen. Besonders der Knüppelzaun hatte es ihr angetan, den Dean Riddle als Rahmen sowie als Pflanzenstütze und Kletterhilfe nutzte.

Der Gärtner ergriff die Gelegenheit und schuf eine bessere und größere Version seines alten Miniaturgartens in Phoenicia, den er erst kurz zuvor aufgegeben hatte. Er setzte den gewünschten Zaun, und bald schlängelten sich altmodische Petunien, weiße und violette Clematis durch die Spalten zwischen den Stäben. Im nächsten Sommer soll auch weißer Fingerhut jenseits des Zauns die Grenzen zwischen innen und außen verwischen. So wie Dean Riddle den Garten umgestaltete, ging die Hausherrin drinnen ans Werk, ließ in der Küche die Wände mit der groben Rinde von Hemlocktannen verkleiden und ersetzte im Treppenhaus das ursprüngliche Geländer mit den ungehobelten Stämmen und Ästen von Birken aus der Umgebung. Viele Jahre in den Tropen hatten sie und ihren Mann Byron gelehrt, den Garten als ein weiteres Wohnzimmer zu begreifen – in den Catskills holten sie sich nun umgekehrt die Natur auch ins Haus.

Ungeduldig und seit einer gefühlten halben Ewigkeit wartet Rebecca Robertson darauf, dass ihre Dachschindeln endlich zu jenem Silbergrau verwittern, auf das sie den dunkelblauen Anstrich der Fensterrahmen abgestimmt hatte. Entsprechend dominiert ein Ultramarin mit Braunstich die Palette des Gartens. Heißes Rot toleriert sie nicht“, erklärt Gestalter Dean Riddle. „Schwer dürfen die Farben allerdings sein: tiefes Blau, samtiges Violett, cremiges Weiß. Am Ende erwies sich die Beschränkung als Befreiung von meinen eigenen Vorlieben.“ Mal abgesehen von den pinken Blüten der Salbeihybride ‘Fancy Dancer’ – deren Blätter so klein sind, dass ihre winzigen Farbkleckse in der Gesamtkomposition so gut wie verschwinden.

Wobei sich Dean Riddles Zusammenstellungen von Pflanzen auch in die vierte Dimension erstrecken: Er ist ein Meister des Timings, fügt Gewächse in jedem Stadium ihres Wachstums zum Gesamtbild zusammen – im Frühjahr baut er es mit den Konturen junger Blätter, im Frühsommer dominieren Farben, wie zum Beispiel das Purpur des Salbeis ‘Caradonna’. Im August ist es dann, wie bei diesem Steppensalbei, wiederum die Struktur. „Ich mag seine verlebten Blüten, denn die Form ist intakt und tadellos“, findet Riddle. Gleiches gilt für Allium, dessen blauer Blütenball zu einer Strahlenkugel verblüht.

Auch Rebecca Robertson erfreut sich an der Transformation ihrer Blumen. Allerdings verlangen die gealterten Schönheiten besonders viel Pflege, um nicht nur verwildert auszusehen. Und der Duft, der im Hochsommer mit dem Summen der Hummeln und dem Vogelgezwitscher durch die Fenster dringt, ist im Herbst verloren. Doch selbst im Winter, den Rebecca Robinson größtenteils in Manhattan verbringt, schaut sie gelegentlich auf ihr Smartphone, mit dem sie jederzeit Liveaufnahmen ihres Gartens abrufen kann. Vielleicht stakst ein Reh durchs Bild, sonst regt sich nichts. Bis die Schneedecke schmilzt und die lang ersehnten Geheimnisse und Überraschungen ihres unbändigen Gartens wieder ans Tageslicht kommen.

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Autor:
Claudia Steinberg