Ein sagenhafter Garten Hof Allt-y-bela

Zwischen Weiden und Hainen, unter nordischem Himmel, wahren Gehölze die Form, beweist ein Wildbach Disziplin, und schwere Mauern verbreiten eine mediterrane Leichtigkeit. Der bekannte britische Gartendesigner Arne Maynard hat auf seinem Hof Allt-y-bela in Südwales ein Reich aus Gegensätzen und Phantasien erschaffen.

Die Hügel buckeln vor dem grauen Himmel in Wales. Am helllichten Tag kann er plötzlich finster drohen und sich selbst im Hochsommer kühl bedeckt halten. Teppiche aus Gras wärmen Kuppen und Hänge. Auf ihnen stecken knorrige Riesen die Köpfe zusammen und tuscheln mit dem Wind, wenn der schwere Wolken heranschiebt. Und als wollte es für das raue Wetter entschädigen, bezaubert das Land mit Sanftheit und Romantik.

In einer Senke, umgeben von Hainen und Weiden, wächst ein goldfarbener Glockenturm aus dem Boden. Vier Stockwerke hoch, überragt er ein gutes Dutzend Nebengebäude, die mit ihm in kräftigem Orange um die Wette leuchten. Auf Wiesen und Kiespfaden stehen grüne Kugelwesen wie Partygäste beieinander. Sie bestehen aus Eibe, Buchs, manche auch aus Buche; Hühner und Katzen streifen um sie herum, ein Bächlein murmelt. Allt-y-bela heißt das sieben Hektar große Märchenreich in Südwales, walisisch für „der hohe, mit Gehölz bewachsene Hang des Wolfs“. Auch wenn längst Füchse die häufigsten Raubtiere der Gegend sind. „Sie holen sich immer mal eine unserer Hennen“, sagt Arne Maynard, der Hausherr. „Das gehört eben zum Landleben.“

Arne Maynard ist einer der populärsten Gartendesigner im Königreich. Seine Karriere beginnt mit Umwegen. Aufgewachsen ist er in der Grafschaft Dorset im Südwesten Englands, einen Spaziergang entfernt von Cranborne Manor. Der Park des Landschlosses aus dem 17. Jahrhundert war sein erstes Studienfeld. „Als Kind habe ich mir lieber die Beete und Pflanzen dort angesehen, als mit Gleichaltrigen Sport zu treiben“, sagt er. Nur seiner Mutter zuliebe habe er nicht Gärtner gelernt: „Sie hat hart gearbeitet, um uns vier Kindern nach dem frühen Tod meines Vaters eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Ich wollte sie nicht enttäuschen, darum habe ich studiert.“ Er entscheidet sich für Architektur in Oxford. „Damals war die Moderne das Maß aller Dinge, und meine verspielten Ideen stießen bei den Dozenten auf schieres Entsetzen.“ Er bricht das Studium ab, geht in San Francisco auf Sinnsuche und kehrt nach einigen Monaten aus Heimweh nach Dorset zurück. Er beginnt ein Praktikum bei einem Antiquitätenhändler, der auf Gartenobjekte und -skulpturen spezialisiert ist und der ihn zu ersten Entwürfen ermutigt.

Mehr als 200 private und öffentliche Anlagen in Europa und den USA hat Arne Maynard seither gestaltet. Darunter auch den „Evolution Garden“ für die Chelsea Flower Show der Royal Horticural Society. Mit dem niederländischen Gartenstar Piet Oudolf inszeniert er den poetischen Dialog aus Blüten und Halmen und erhält dafür im Jahr 2000 den Oscar der Branche: die Goldmedaille der bedeutendsten Gartenschau der Welt. Eine Handschrift habe er zwar nicht, sagt ArneMaynard, es gehe ihm „immer um Magie. Heimische Pflanzen, Stimmung, Klima und Architektur bestimmen die Gestaltung mit. Etwas Förmliches oder Exotisches wäre deshalb auch auf Allt-ybela völlig deplatziert.“ Er lacht, so absurd ist die Idee. Mehrmals in der Woche pendelt er von seinem Hof ins Büro nach London, die Autofahrt zwischen beiden Welten dauert gut zwei Stunden.

Arne Maynard, Mitte 40, kräftig und freundlich, hat Hände, die zupacken können. Über dem Polohemd trägt er einen Pulli, dazu eine legere Hose und Schuhe, die weder Erdklumpen noch Unterholz schrecken können. Die runden Wangen und die glatte, hohe Stirn sind sonnengebräunt, die Augen lächeln, während er über Allt-y-bela spricht. Die ältesten Mauern stammen aus dem 15. Jahrhundert und sind im elisabethanischen Stil errichtet. Vor zehn Jahren entdecken er und sein Lebenspartner das denkmalgeschützte Anwesen zufällig in einer Anzeige, und fast direkt nach dem ersten Ortstermin kaufen sie es. Zum einen, weil sie solche Gebäude mögen, zum anderen wegen des zwei Hektar großen Gartens, einer Wildnis, die den Designer in den Bann schlägt: „Einige Beete und Pfade konnte ich noch erahnen, und es gab alte Bäume, diesen Bach und die vielen anderen Elemente, mit denen ich arbeiten wollte“, sagt er. „Es gab so viele Möglichkeiten, dass ich mich erst einmal disziplinieren musste.“ Also beginnt Arne Maynard mit einer Liste seiner Lieblingsdarsteller, sie sollen die Hauptrollen spielen: Rosen, Obstbäume, Topiaryfiguren, Wildblumen und ein Küchengarten notiert er auf einem Blatt Papier. Im zweiten Schritt legt er Genre und Stimmung des neuen Werks fest: „Das Anwesen ist weder Landschloss noch Bauernhof, sondern etwas dazwischen, das ich erfinden musste.“

Arne Maynard hat die Fachwelt immer wieder damit überrascht, vermeintliche Gegensätze zu vereinen. Auf Allt-y-Bela verleitet er noble historische Rosen zu übermütiger Leichtigkeit. Sie klettern auf Apfelbäume, balancieren auf Mauern, formen Kuppeln, tänzeln mit Gräsern auf Blumenwiesen, die im Frühling blaue Tupfenkleider aus Krokussen tragen und im Sommer gelbe aus Hahnenfuß. Dabei ist die Frage, wo der Garten endet und Weidegrund beginnt, zugleich vage und bestimmt beantwortet: Spaziergänger fühlen intuitiv, wo die Grenzen sind und halten ohne Zäune Abstand. Für die Gruppen aus Formschnittgehölzen baut Arne Maynard gemütliche Zimmer mit Wänden aus geschichtetem Naturstein, Spalierobst, aus Buchs- und Holzapfelhecken. Die Topografie gibt solche Lösungen vor, denn in einer Talsohle lassen sich keine Wege oder Achsen anlegen, die in die Ferne weisen.

Dem Rinnsal, das dicht am Haupthaus mäanderte und zur Schneeschmelze mitunter das Erdgeschoss flutete, hat Arne Maynard in gebührendem Abstand ein Bett gemacht. Etwa einen Meter tief und breit kurvt das Bächlein seither durch getrimmten Rasen. Lange, aus flachem Stein aufgesetzte Terrassenstufen folgen dem beschwingten Lauf, es entsteht ein grünes Amphitheater.

Auf der Anhöhe, hinter dem Haupthaus, liegt der Küchengarten. Ein Flechtwerk aus Nussruten hält Wild fern und rahmt die Beete. In dem klassischen Bauerngarten gedeihen Salate, Knollen, Kräuter zwischen blühenden Stauden und Beerensträuchern. „Wir bauen fast das gesamte Gemüse und Obst an, das wir brauchen“, sagt Arne Maynard. Wie in der gesamten Anlage verzichtet er auch hier weitestgehend auf Chemie. Fischblut, Knochenmehl und Kompost sind seine Dünger. Und gegen Schädlinge, sagt er, helfe Fleiß. „Die bleiben weg, wenn man die Beete sauber jätet und den Boden gesund hält.“ Nur die Topiarygehölze schützt er mit Giftnebeln gegen die verbreiteten Randwanzen: „Ihnen ist anders nicht beizukommen.“

Möglichst jeden Tag gräbt, rupft, sät und erntet er, auch Gehölze schneidet er in Form. Für die allzu groben Arbeiten beschäftigt er seit etwa einem Jahr ganztags einen Gärtner. „Man wird ja nicht jünger, und es fehlt mir zunehmend die Zeit“, sagt Arne Maynard. Nicht nur privat betrachtet sich der Gestalter auch als Gärtner: „Ich kann jungen Kollegen nur empfehlen, Pflanzen zu studieren. Wer sie nicht genau kennt und weiß, was sie brauchen, wird als Designer auf Dauer keinen Erfolg haben.“ Auf Allt-y-bela bietet er Seminare für Profis und Laien an, einige der Gebäude sind auch für Urlauber zu Gästehäusern umgebaut. Seine wichtigste Gärtnerlektion habe er als Kind gelernt, von einer alten Dame, bei der er Rasen mähte. Eines Tage habe sie zu blühenden Obstbäumen in der Ferne gedeutet, dann auf die Tulpen zu ihren Füßen: „Sieh, wie die Farben zueinander passen.“ Und dann verriet sie ihm das Geheimnis, das in jeder Magie steckt: „Es kommt auf die Details an.“

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Autor:
Petra Mikutta
Fotograf:
Regina Recht