Gartenausstellung 2013 IGS Hamburg - Fest der Kleingärtner

Sie wollten es absolut nicht und wurden es trotzdem: Kleingärtner sind die Hauptakteure auf der großen Gartenausstellung IGS in Hamburg. Zwischen Blütenteppichen praktizieren sie die Urform des Urban Gardening.

Bei uns heißt das Hoamat, Leo Krieger lacht, nicht Heimat. Er ist Wolgadeutscher und 77 Jahre alt. Vor 16 Jahren hat er sich in Hamburg-Wilhelmsburg einen Kleingarten gepachtet. Er pflegt einen Weinstock. Die Stämme seiner Obstbäume sind gekalkt. Die Erdbeeren stehen in halb schattigen, von Erdwällen umgebenen Beeten. Die Welt, so scheint es, hat ihm vor Kurzem ein Paradies geschenkt. Denn vor seinem Zaun liegt der Rosenboulevard. Der Duft von Strauchrosen zieht heran. Wenige Schritte entfernt gibt es mehrere Weiher mit Stegen zum Wasser. Pfade führen durch lichte Wäldchen zu Feldern voller Blumen, immer neuen, immer anderen, denn es ist die Zeit der der internationalen Gartenschau in Hamburg, kurz IGS.

Alles begann im Jahr 2005. Der Kleingartenverein, in dem Leo Krieger seine Parzelle pflegt, liegt auf einer der großen Wilhelmsburger Elbinseln, keine acht Bahnminuten von Hamburgs Zentrum entfernt, doch gedanklich jenseits der Stadtgrenzen. Ehemals landwirtschaftlicher Grund hatte sich hier zur Brache verwandelt, in der vier Schreberorganisationen siedeln, ein aufgelassener Containerbahnhof in der Nähe. Insgesamt gute 90 Hektar: Visionsfläche für Stadtpolitiker. Was an Hamburgs Peripherie zu liegen scheint, soll als Kern der Metropole erkannt werden. Gartenschau und Bauausstellung (IGS Hamburg und IBA) sind die bewährten Hebel, mit denen die Aufwertung beginnt. Aber „was sollte man aus dem zerstückelten Land machen, die Kleingärten waren offensichtlich da“, erinnert sich Philip Haggeney aus dem Bonn-Köln-Hamburger Büro RMP-Landschaftsarchitekten, Profis, wenn es um das Planen von IGAs und BUGAs geht. Wie, wenn man die Schreber zu Mitakteuren der Blütenschau machte?

Hamburg hat 36 000 Kleingartenparzellen. Nicht viel für eine 1,8 Millionen-Stadt. Es gibt Wartezeiten bis zu 7 Jahren. Denn ökologisches Bewusstsein, die Lust am Ernten und Krauten, vielleicht am Imkern, hat das Schrebern zur populärsten Form des Urban Gardening gemacht. Ein unvergleichlich preiswertes Freizeitvergnügen. 330 Euro inklusive Strom und Pacht kostet eine etwa 400 Quadratmeter große Parzelle pro Jahr. Preise, an denen nicht gerührt wird, denn Kleingärtnern ist eine gemeinnützige Einrichtung, öffentlich und privat zugleich. Dafür gibt es ein paar Regeln. Lauben dürfen nicht größer als 24 Quadratmeter sein und nicht teurer als 10 000 Euro. Bevorzugte Gehölze sind Obstbäume, nicht wertvolle Magnolien. Der Gedanke ist dynamisch, nicht auf Besitzausbau gemünzt. In Hamburg wie andernorts „wälzen sich mit dem Generationenwechsel in den nächsten zehn Jahren die Besitzverhältnisse grundsätzlich um“, weiß Dirk Sielmann, Vorsitzender des Hamburger Landesbundes der Gartenfreunde. Es kommt wie bestellt, wenn eine große Schau zeigt, was man mit einem handlichen Stück Scholle anfangen kann.

So dachten die Planer und Lenker und stießen auf den Widerstand der Schreber. Die Welt hatte sie bislang in Ruhe gelassen. Lauben hatten sich in Jahrzehnten zu kleinen Villen gewandelt, Terrasse, Grill, Pool fest eingebaut, Hecken mannshoch. Warum sollte plötzlich falsch sein, was Gewohnheit geworden war. Bauverstöße rückbauen, kooperieren. Nicht mit uns. Patt auf allen Seiten. Der Inselpark nahm trotzdem Gestalt an. Hamburg ist ein Hafen, da geht es um Bewegung, Kontinente, Kulturen, Religionen, Wasser, Natur: Gedanken aus dem Brainstorming der Planer wurden zu Themen eines groß angelegten gärtnerischen Kulissenbaus und – Stichwort Bewegung – einem halben Dutzend wunderbarer Spielplätze, der Leidenschaft des IGS-Chefplaners Philip Haggeney.

Und die Kleingärtner? Sie sind nach sieben Jahren ertragenen Baulärms und erduldeter Parkplatznot zu Bewohnern eines neuen Parks geworden – und trotz allen Widerstands die Hauptattraktion einer Veranstaltung, die sie nicht wollten. Denn es gibt kein größeres Vergnügen, als an ihren bunten Gärten vorbeizuspazieren. Und auf einer Schau, wo Blumenbeete, koste es, was es wolle, mit Tausenden von Zwiebeln und Stauden zum Strahlen gebracht werden, wo alles künstlich ist, Realität zu erleben. Zu sehen, wie Leo Kriegers Frau mit dem weißen, am Hinterkopf zusammengeknoteten Tuch die Erdbeeren sauber macht.

IGS Hamburg 2013

Bis 13. Oktober 2013, Weitere Infos unter igs-hamburg.de

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Autor:
Elke von Radziewsky
Fotograf:
Kai-Uwe Gundlach