Lost in Paradise Polens schönste Parks & Gärten

Ihr Reich ging unter, doch Polens Adelsfamilien bauten Parks, prächtiger denn je zuvor – eine Gartenreise ins verlorene Arkadien, nach Warschau und Umgebung.

Schloss Wilanow

Rundlich, mit weißem Haar und kurzen Beinen huscht Wojciech Fijalkowski durch die Räume seines alten Reiches: Schloss Wilanow am südlichen Stadtrand von Warschau in Polen. Er findet alle Abkürzungen, deutet im Vorübersausen auf gemalte Gartenszenen an der Wand. Die hat er, Jahrzehnte ist es her, unter alten Farbschichten gefunden. Seit 16 Jahren ist der ehemalige Direktor pensioniert. Seine Angestellten von damals grüßt er mit Küsschen, links und rechts und kurz gedrückt. Er kennt sie fast noch alle. Schnell die Pläne und Ansichten auf den Tisch, die Schnitte, Aufrisse und Skizzen von Architekturfragmenten. Wojciech Fijalkowski ist 80 Jahre alt und hat wenig Zeit. Die Rekonstruktion des barocken Terrassengartens von Schloss Wilanow ist sein großes Werk. Er will so viel wie möglich davon erleben.

Polen hämmert. Noch immer baut das Land seine Geschichte wieder auf, so wie Warschaus Altstadt, die zu gut 90 Prozent eine Rekonstruktion ist. Nach den Häusern und Schlössern sind nun die Gärten dran. Über dem barocken Terrassengarten von Wilanow ragen wie riesige Spinnenbeine metallene Greifarme. Gut 30 Wandnischen im Geländesprung unterhalb der Terrasse sind frisch verputzt. Nur in einer ist schon die muschelartig geschwungene Wasserschale aus Sandstein montiert, sahnefarben und völlig unbefleckt. Pflanzen gibt es nicht. Sie sind von der Baustelle weggeräumt, alle bis auf ein Heer von haushohen Eibenkegeln – schief gewehte Zuckerhüte, grüne Muselmanen im weiten Kaftan, die sich in eine Richtung verneigen, als seien sie in der Begrüßung des Kriegsherrn erstarrt, dem dieses Schloss einmal gehörte.

Statue im Park von Wilanow

Vorbild war die römische Villa Doria Pamphili, 1644 bis 1652. Zur barocken Anlage gehört der im Osten des Schlosses angelegte zweistufige Terrassengarten. Er ist geometrisch aufgebaut mit Blumenparterres, Statuen, Springbrunnen aus rötlichem Marmor, einer Promenade am Seeufer und Buchenspalieren. Im 18. und 19. Jahrhundert wurde der Park um einen englischen Landschaftsgarten erweitert.

Sein Name war Jan III. Sobieski. Ungezählte Hotels, Restaurants und Straßen in Polen heißen so wie der populärste König des Landes. Er regierte von 1674 bis 1696, als Polen noch groß und stark in der Mitte Europas lag und eine Kriegsmacht war. Das von ihm geführte Heer schlug in mehreren Schlachten die über Österreich nach Europa eindringenden Osmanen, so oft, bis sie für immer ihre Eroberungsgelüste aufgaben. Und als wäre das Leben ein Märchen, in dem der Tüchtige die Königskrone erringt, wählten die polnischen Magnaten den erfolgreichen Feldherrn und Türkenbezwinger zu ihrem Herrscher.

Als Zeichen seiner neuen Würde kaufte er das alte Herrenhaus Wilanow und verwandelte es nach dem Vorbild der römischen Villa Doria Pamphili in ein Abbild seines Ruhms. Daher der Name: Wilanow heißt Villa nova, neue Villa. Gemälde an den Innen- und Außenwänden des Palastes, die vergoldeten Skulpturen im Garten erzählen von der Sonne im Reich, dem neuen Apoll, dem polnischen Herkules: Gleich vier Mal steht er am Ufer des Kanals, die Keule über das Löwenfell geschwungen, als gelte es jederzeit mögliche Feinde des polnischen Reiches abzuwehren. Wasserspiele, zu Rauten angelegte Boskette, zierliche Broderien, Prachttreppen und Laubengänge, wie der spätere König sie als Achtzehnjähriger auf seiner Reise durch Frankreich kennengelernt hatte, beweisen neben dem Kraftmeier auch den Kunstkenner.

Es war das letzte Mal, dass die polnischen Magnaten mit Jan III. Sobieski einen Gewinner an ihre Spitze stellten. Der starke Mann war ihnen zu gefährlich. Er beschnitt die Eigeninteressen der Clans in der Adelsrepublik, der mächtigen Czartoryskis, Potockis und Radziwills. Sie machten Polen zum Spielball der angrenzenden Großmächte: Russland, Österreich und Preußen. Am Ende des 18. Jahrhunderts hatten sie das Land aufgeteilt und als politische Einheit ausgelöscht. Vorausgegangen waren Ereignisse, die denen in der Französischen Revolution ähneln. In Polen wurde 1791 die erste europäische Verfassung mit neuen Rechten für Bürger, Bauern und Juden verabschiedet. 1793 kam es zum Volksaufstand. Auch die Polen setzten ihren König gefangen.

Und wie in Dänemark, Österreich und Deutschland schwankten in den revolutionären Zeiten viele modern gesinnte polnische Adelige zwischen dem Beharren auf alten Privilegien und dem Spekulieren auf eine neue, schöne, gerechte Welt. Sie lasen die Schriften von Jean-Jacques Rousseau, träumten von Gleichheit und Brüderlichkeit und bauten als Abbild ihrer Schwärmerei sentimentale Parks.

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Schlagworte:
Autor:
Elke von Radziewsky
Fotograf:
Robert Fischer