Des Kaiser alte Gärten Tschechische Parks - Gartenreise durch Mähren

In Mähren, an der Grenze zu Österreich, liegen jahrhundertealte Parks, die sich mit den schönsten der Welt messen können. Erschaffen wurden sie von den Fürsten der habsburgischen k.u.k. Monarchie. Unbeschadet haben sie Kriege und Revolutionen überstanden und sind seit dem EU-Beitritt Tschechiens 2004 wieder zugänglich. Entdeckungsreise in ein Gartenland voller Bilderbuchseen und Baumgiganten.
Gewächshaus beim Zuckerbäckerschloss

Schloss in Lednice

Lednice, früher Eisgrub, war seit dem Beginn des 17. Jahrhunderts Sommerresidenz der Fürsten von Liechtenstein, die ihr Schloss stets an die neuesten Moden anpassen ließen. Zuletzt um 1845, als es der österreichische Architekt Georg Wingelmüller in einen neogotischen Zuckerbäckerpalast verwandelte.

Lednice

Kiefern im Park von Lednice tragen Nadeln, schwarz und zart wie Mädchenhaar. Auf den Tümpeln treibt ein neongrüner Farbbrei aus dickem Entenflott. Birkenstämme schimmern silbrig durch den milchigen Abenddunst. Kein Lüftchen regt sich: Stille liegt über Lednice, dem früheren Eisgrub. Drei- und vierhundert Jahre alt sind hier die ältesten Bäume, gepflegte Giganten in einem Bilderbuchpark. Ein neogotisches Zuckerbäckerschloss gehört dazu, ein Gewächshaus groß wie ein Flugzeughangar, ein bleistiftspitzes, 68 Meter hohes Minarett und ein Garten in französischem Stil mit Rasenflächen, eben wie die Tafeln im Speisesaal. Läge der Park nicht in Mähren, bis 1918 ein Teil des habsburgischen Vielvölkerstaats, er wäre von Touristen belagert wie Versailles.

Valtice

Nur sieben Kilometer von Lednice entfernt ragt ein zweites Schloss auf: Valtice, ehemals Feldsberg, mit seinem dreiflügeligen barocken Gemäuer über mächtigen Kellergewölben, in denen der gute Wein dieses Landstrichs ruht. Lednice und Valtice liegen in einem 350 Quadratkilometer großen Besitz, der bis 1945 der Familie von Liechtenstein gehörte. Während sich Mitglieder des österreichischen Adelsgeschlechts über Jahrhunderte von Hochfreien zu Reichsfürsten empordienten – politisch sets auf der gewinnenden Seite –, legten sie im 15. Jahrhundert Sümpfe trocken und stauten Seen auf, bauten im 17. Jahrhundert Alleen, die noch heute das Straßennetz prägen, und begannen unter Aloys I. von Liechtenstein (1759 bis 1805) ein Gartenreich zu gründen, das seit 1996 von der UNESCO als Weltkulturerbe geschützt wird.

Ein Faible fürs Gärtnern gehörte im habsburgischen Reich zum guten Ton in der vornehmen Gesellschaft. Der „Blumenkaiser“ Franz I. (1768 bis 1835) war nicht nur zum Gärtner ausgebildet, weil alle österreichischen Kaiser ein Handwerk lernten, sondern sammelte auch leidenschaftlich „Fettpflanzen“ wie Agave und Aloe, die er in einem Privatgarten neben seinem Kabinett hielt. Er gründete eine Blumenmalschule, rüstete etliche Pflanzensammelexpeditionen aus und ließ seine Kinder „botanisch“ erziehen: Jedes pflegte in Schönbrunn einen Garten, in dem 400 Pflanzenarten in 24 Beeten wuchsen – angeordnet nach dem neuen „System der Natur“ des schwedischen Forschers Carl von Linné (1707 bis 1778). Ziel der pädagogischen Maßnahme war die Einsicht, dass Bäume, Blumen, Büsche wie Menschen ihren festen Platz in der von Gott gefügten Ordnung haben.

Dem Kaiser stand der Fürst nicht nach: Zugänglich für jedermann legte Aloys I. von Liechtenstein in Lednice einen Seminario oeconomico genannten Küchengarten an, in dem 500, nach Linné sortierte einheimische und ausländische Forst- und Gartenbäume standen. Der Name war Programm. Neben der Botanik interessierten den Fürsten neue ökonomische Methoden, um den gravierenden Holzmangel zu beheben, der sich seit Jahrzehnten in Europa zeigte – Folge des Raubbaus und auch ein Grund dafür, dass anstelle barocker Blumengärten Landschaftsparks mit großen Gehölzsammlungen entstanden, in denen Gutsherren den Anbau exotischer Bäume erprobten.

Wertvolle Erkenntnisse erhielt Aloys von Liechtenstein von einem Standesgenossen: 1799 besuchte er den „guten Fürsten von Anhalt-Dessau“ und dessen mustergültiges Wörlitzer Gartenreich (A&W 6/90). Zweck war, „alldort die Plantation der amerikanischen Bäume und Stauden, dann die Behandlung der Wälder zu eigen zu machen“. Ein Jahr zuvor hatte er seinen Gärtner Joseph Lieska zur Ausbildung geschickt.

Wie der Kaiser finanzierte auch Fürst Aloys Pflanzenexpeditionen. 1802 schickte er den Wiener Gärtner Joseph van der Schot nach Amerika – mit dem Auftrag, Laub- und Nadelhölzer „für lebendige Zäune, Fasanengärten und Remisen“ zu beschaffen. Vier Jahre lang sammelte Joseph van der Schot Samen, Schoten und Steckreiser und schickte seine Beute in 130 „wohl verpichten Kisten“ auf Handelsschiffen der Firma Sieveking & Comp. von Philadelphia via Hamburg nach Mähren. Dort entstand am Rand der Liechtenstein’schen Parks ein „mit jedem Jahre reichlicher wuchernder Wald-Schatz“, wie 1804 das „Patriotische Tageblatt“ lobte. Der Schatz bestand aus armdünnen Gehölzen, die in Reihen auf Feldern standen: Wacholder aus Virginien, Zürgelbäume aus den Landstrichen am Mississippi und Geweihbäume aus Kentucky – es waren die ersten ihrer Art in Europa.

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Autor:
Elke von Radziewsky
Fotograf:
Robert Fischer