Der Buchenwald Unesco-Weltnaturerbe: Deutsche Buchenwälder

Sie schützen seltene Orchideen und lieferten das Vorbild für mittelalterliche Kirchenbauten. Kein Baum ist so mächtig wie die Rotbuche, die nach der letzten Eiszeit den halben Kontinent eroberte. Keiner wirkt mythischer als sie. Fünf alte deutsche Buchenwälder gehören seit Kurzem zum Unesco-Weltnaturerbe.

Hoch aufgerichtet, im langen Mantel, mauvefarben vom Hut bis zu den Stiefeln, reitet die Dame durch den Wald. Ihr Pferd ist ein Isabell, hellbraun mit weißen Hufen. Die Bäume sind mit kundigem Blick gemalt, hochgewachsene Säulen von bekannter Art. Der Boden ist eben und mit weichem bräunlichem Laub bedeckt. Das Ross geht gelehrig in versammeltem Trapp, bis auf einmal für den Betrachter nichts mehr stimmt. Denn als ob die Welt von oben nach unten in Streifen aufgeschlitzt sei, gleiten Ross und Reiterin erst sichtbar, dann unsichtbar durch Schichten der Wirklichkeit. Ein magischer Wald, ein Bild voller Rätsel. René Magritte gab seinem Gemälde den Titel „Carte Blanche“ und auf diese Weise jedem Betrachter die Erlaubnis, zu sehen, was er möchte.

Deutschlands Buchenwälder
Buchenwälder in Deutschland

Jasmund Mecklenburg-Vorpommern. Auf der gleichnamigen Halbinsel liegt im Nordosten von Rügen der mit 3003 Hektar kleinste deutsche Nationalpark. In ihm haben sich baltischer Gersten-, Orchideen- und Eschen- Buchenwald herausgebildet, dazu echter Urwald an den Kliffhängen. Ausgewiesenes Weltnaturerbe: 493 Hektar mit Strand, malerischen Kreidefelsen und Höhenzug.

Müritz Mecklenburg-Vorpommern. Zu dem größten deutschen Nationalpark gehört das östliche Teilgebiet Serrahn, ein altes, von Seen und Mooren durchzogenes fürstliches Jagdrevier. Ausgewiesenes Weltnaturerbe: 268 Hektar Perlgras-Buchenwald.

Grumsin Brandenburg. Nordöstlich von Berlin, im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin, einem früheren DDR-Staatsjagdgebiet, steht auf Endmoränenzügen Flattergras-Buchenwald. Ausgewiesenes Weltnaturerbe: 590 Hektar, fast das ganze Reservat.

Kellerwald Hessen. Um den gewundenen Edersee und über 50 Berge und Kuppen erstreckt sich bei Kassel ein geschlossen wirkender Buchenwald, das vormalige Jagdgebiet der Fürsten zu Waldeck und Pyrmont. Ausgewiesenes Weltnaturerbe: 1460 Hektar in Teilen bis zu 260 Jahre alter Hainsimsen-Buchenwald.

Hainich Thüringen. Zwischen Mühlhausen, Bad Lan- gensalza und Eisenach wächst im früheren militärischen Sperrgebiet auf Kalkgestein Waldgersten-Buchenwald. Hier blüht auf Hunderten von Hektar im Frühjahr Bär- lauch. Ausgewiesenes Weltnaturerbe: 1573 Hektar.

 

Anders als der Maler, der seine surreale Vision vom Wald auf die Leinwand brachte, erkundete der heute fast vergessene Botaniker Reinhold Tüxen (1899–1980) durch genaue Beobachtung den Lebensraum großer Buchenformationen und ihre besonderen Gesetze. Sie waren seine wissenschaftliche Herausforderung. Er gehörte damit in den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts zu den Gründern des heute bedeutenden Forschungsfelds der Pflanzensoziologie. Tüxen notierte Jahr für Jahr, wie sich das Falllaub durch den Wind auf dem Waldboden verteilt, wie es sich in den Wurzeln sammelt, wie es auf bestimmten Flächen verweht wird und welche Folgen das nach sich zieht. Erst wirken Wind und Laub, dann Wind und Schnee. Erscheinungen wiederholen sich, doch gleich sind sie nie. Warum, fragte Tüxen, zeigen sich in der Schneedecke am Fuß der Stämme diese tiefen schneefreien Ringe? Ist das eine Folge der höheren Bodentemperatur über den Wurzeln oder die Folge einer bestimmten Sonneneinstrahlung am Stamm? Er beobachtete, maß Windgeschwindigkeit und Temperatur und notierte mit seiner eigentümlichen Sprache, „wärmender Wind, um den Baum küsselnd, hat ein tiefes, immer breiter werdendes Loch, manchmal sogar mit Hohlkehlen, ausgekolkt. Die Ähnlichkeit der Schnee- mit der Laubverteilung sind unübersehbar“.

Allein durch Beobachten haben Naturwissenschaftler viele Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten erkannt und gedeutet, doch das Verhältnis der Temperatur zwischen Waldboden und sommergrünem Laubdach hat gleichfalls keine Formel gefunden wie das Spiel von Licht und Schatten oder der herbstliche Farbzauber der Buchenwälder. „Ihre Schönheit lässt sich physikalisch-chemisch ebenso wenig klären, wie die peinlichst genaue chemische Analyse der Farben die Wirkung eines Rembrandt-Gemäldes deuten könnte“, so Tüxen.

Nach der letzten Kaltzeit war die Buche auf günstigen Wegen vom Süden her in die mitteleuropäischen Regionen gewandert. Man kann sich das Tempo ausrechnen. Eine Buche braucht, abhängig vom Klima und vom Boden, etwa 50 Jahre, ehe sie blüht. Sie trägt nur alle sechs bis sieben Jahre eine Mast, wie Fachleute den Samenertrag der Waldbäume nennen. Grob gerechnet brauchte sie folglich 15 Generationen bis nach Berlin. Nach Kassel gelangte sie auf einem anderen Weg, tausend Jahre später. Um Christi Geburt wuchsen erste Buchenwälder an der Küste von England. Tiere haben die Verbreitung der Samen, der dreikantigen ölhaltigen Bucheckern, befördert. Geobotaniker meinen, dass es der Mensch war, der, in vor-christlichen Zeiten noch unstet siedelnd, dem Buchenwald ein bequemes Bett bereitet hat. Auf den bearbeiteten, später der Natur wieder überlassenen Böden keimten in schattigen Birken- und Kiefernpionierwäldern die Bucheckern; Sämlinge wuchsen heran, Buchen besiedelten die Ebenen bis hinauf in die Gebirge, von den Mittelmeerinseln bis nach Südschweden.

Die Rede ist von der Rotbuche, die seit der Benennung durch Carl von Linné im Species Plantarum den Wald silva sogar im Namen trägt. Fagus sylvatica, nicht zu verwechseln mit der Hain- oder Weißbuche, wissenschaftlich Carpinus betulus, ein Baum, der zu den Birkengewächsen gehört. Weitere Fagus-Arten wachsen in Amerika, mehr noch in Asien. Aus unserer in Jahrtausenden heimisch gewordenen Rotbuche, ihr Holz hat einen rötlichen Ton, sind durch Züchtung einige prächtige Parkvarianten hervorgegangen. Purpuria, die Blutbuche, pendula, die Trauerbuche, Fagus sylvatica var. purpurea pendula – die Hängende Blutbuche.

Fagus sylvatica sucht sich ihren Platz unter ihresgleichen. Generationen wachsen gemeinsam heran, sie lassen nur jüngere Buchen folgen, sodass sich auf natürliche Weise reine Buchenwälder gebildet haben. Sie dominierten in Europa, waren geheimnisvoller Raum in einer Zeit, als die Natur jenseits der Stadtmauern ein feindliches Umland war. Im Wald leben die Märchengestalten der Brüder Grimm. Der Buchenhain ist ein Ort frommer Sagen, aber auch Stätte, wo es nachts Teufel regnet. Und wo bei Tage gejagt und gesägt wird; die Balken und Stürze der mittelalterlichen Kathedralen, die Dielen und Treppen in den Häusern der Städte sind in Buchenwäldern gewachsen. Eisenbahnzüge fahren auf Buchenschwellen durch Europa. Viele Ortsnamen weisen auf Beziehungen zu den Buchen. Bukowina hieß ein Land, so heißen Flüsse, Berge, Dörfer in den Karpaten, wo sich heute noch die größten europäischen Buchenwälder befinden. Baal-Schems Revier. Die ältesten dieser Urwälder, in der Ukraine und der Slowakei gelegen, wurden von der Unesco zum Weltnaturerbe erklärt. 2011 fügte diese Organisation der Vereinten Nationen den Karpatenwäldern fünf deutsche Buchenwaldbestände hinzu: Teile der Nationalparks Kellerwald-Edersee in Hessen, Hainich in Thüringen, Jasmund in Mecklenburg-Vorpommern sowie die ursprünglichsten Buchenwälder im Müritz-Nationalpark. Dazu gehört auch noch der Buchenwald bei Grumsin im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin des Landes Brandenburg.

Buchenwälder sind Räume, die sich zu jeder Jahreszeit einladend öffnen. Im Frühling hellgrün im Sonnenlicht flirrend, im Sommer Schatten spendend, goldfarben im Herbst, im Winter schließlich in filigranem Schwarz-Grau-Weiß. Je nach der Beschaffenheit des Bodens bildet sich unter Buchen eine spezifische Flora. Auf Kalk- und Lösböden wächst im Frühling eine Krautdecke aus Lerchensporn, Bärlauch, Perlgras, nicht selten auch Orchideen. Auf kalkarmen Silikatböden siedeln Flattergras, Hainsimsen, Farne, Riesenschwingel, bergwärts und auf feuchten Gründen wächst Bärlapp.

Auch auf Silikatgrund erheben sich die Hallenwälder bei Serrahn. „Dies Gewölbe mir ersetzen kann nicht Mailands hoher Dom ... selbst St. Peter nicht zu Rom“, reimte Großherzog Georg von Mecklenburg-Strelitz 1850 über seine silbrigen alten Buchen. Er hatte das Gelände einhegen lassen und jede Veränderung und Nutzung durch die Holzindustrie ausgeschlossen. Der Wald sollte alleiniges Revier der Buche bleiben. Jede einzelne Buche steht heute als altes und einmaliges Individuum, vielleicht als ein V- oder U-Zwiesel, mit doppeltem Stamm, geprägt durch eine tiefe Rinne, wo das Regenwasser aus dem Kronendach zu der Wurzel herabfließt.

Die Rinde ist in den Jahrhunderten eine Heimstatt für unzählige niedere Pflanzen und Tiere geworden. Rotrandiger Baumschwamm und Echter Zunderschwamm haben sich angesiedelt. Sie werden auf dem Stamm weiterleben, wenn die Buche einmal fällt und endlich den Platz frei macht für die jungen Buchen ringsherum. Die Wege im Weltnaturerbe sind verwachsen. Der Buchenwald hinter dem alten Forsthaus Serrahn lebt in absoluter Abgeschiedenheit. Um seine Schutzzone zieht sich ein Gürtel aus später gepflanzten Kiefern, Ahorn und Eichenarten. Auch dieses Gebiet steht seit 50 Jahren unter Schutz. Auf dem Pfad von Zinow nach Serrahn kann man beobachten, wie die Rotbuche in dem Mischwald beständig an Raum gewinnt. Sie ist bestens ausgestattet, kann Jahrzehnte umgeben von Kiefern im Schatten stehen. Wenn sie dann durch Ausfall einer Kiefer Platz bekommt, wächst sie schnell heran. Verbleibende Kiefern halten sich noch zwischen den dicken Ästen der Buchenkronen. Es sieht aus wie eine Umarmung, aber das täuscht. Die Buchen sind mit dem Wind verbündet. Ihre Äste scheuern, sie verletzen den Kiefernstamm, begrenzen seine Existenz, während sie gedeihen. Man hat herausgefunden, dass ihre Wurzeln einen Stoff abgeben, der heranwachsende Buchen unterstützt, anderem Jungwuchs jedoch schadet.

Das Bedürfnis, die Buchenwälder zu schützen, erscheint wie ein Nachtrag zu der Zeit, in der Menschen bei ihrer Verbreitung halfen. Dafür spenden die Wälder Bauholz, Nahrung und zuletzt auch Erholung. Ein Gefühl der Zusammengehörigkeit mag so in den letzten 5000 Jahren entstanden sein.

 

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Autor:
Helga Schütz