Wunder der Natur Blumenzwiebeln

Die Blumenzwiebeln von Begonien bilden Nestchen für ihre wurmähnlich rosigen Keimlinge, Ingwerorchideen schieben fingerspitze Knollen in die Erde, Tigerblumen haben sputnikartige Zwiebeln: Das unterirdische Leben der Pflanzen ist von selten betrachteter Raffinesse. Ein Grund mehr, den weithin unbekannten Blumenschatz zu entdecken, der phantastisch, ungezähmt und gutmütig das Sommerhalbjahr bis zum Frost mit seinen Blüten füllt.

Ein Säckchen mit Gladiolenknollen ist so alltäglich geworden wie ein Beutel Kartoffeln. Beides gibt es im Supermarkt, in Portionen fertig abgepackt. Schaut man sich jedoch die Gladiolenknolle genau an, entpuppt sie sich als ein Meisterwerk unter den Blumenzwiebeln: Papierartig gekreppte, rosige Schalen hüllen rundliche Scheiben ein. Und dort, wo die Schale abgeschilfert ist, glänzt prall fettiges Gewebe. Das Fleisch selbst ist lachsorange und mennigrot. Die Blumenzwiebeln, so erkennt der Pflanzenfreund, haben ihre ganz eigene Ästhetik. Manche sehen aus wie schrumpelige Zuckerhütchen, andere sind spitzig wie Hundezähne oder gesprenkelt, so als ob sie die Masern hätten. Doch ganz gleich wie ausgeprägt ihre Individuliät ist, der Mensch hat sie in wenige Gruppen sortiert: in Zwiebeln und Knollen, in kriechende Wurzelstöcke, auch Rhizome genannt, und Wurzelknollen, lateinisch Radix tuberosa.

Eine Blumenzwiebel setzt sich aus konzentrisch angeordneten, fleischigen Schalen, den Niederblättern, zusammen, die oft in dünne, trockene Deckschalen eingepackt sind. Knolle und Rhizom dagegen bestehen aus einheitlichem Gewebe, denn sie sind fleischig verdickte Stängel- oder Wurzelorgane.

Ob nun Knolle oder Zwiebel, jedes dieser Mini-Kraftwerke ist die manifest gewordene Reaktion einer Pflanze auf das Klima, in dem sie leben muss. Genauso wie in Blatt und Blüte zeigt sich in ihnen die Seele einer Blume.Wer sich auskennt, kann aus dem Aufbau einer Pflanze gewisse Rückschlüsse auf das Land und das Klima ziehen, in dem sie über Jahrtausende entstanden ist.

Gladiolen etwa, Irisgewächse oder Crocosmien überdauern mit harten Knollen die monatelange Sonnenglut in der südafrikanischen Steppe. Die dickfleischigen Dahlien stammen aus den brütend warmen Böden der Trockenhänge Südamerikas, die rankende Gloriosa aus den subtropischen und tropischen Regenwäldern, Königs- und Tigerlilien, Türkenbunde und zahlreiche Erdorchideen aus dem Himalaya und seinen weithin gestreckten Vorländern. Lilien überstehen die Winterkälte bei uns schadlos. Damit sind sie die Ausnahme. Für alle anderen sommerblühenden Zwiebelgewächse ist Frost – das andere Extrem neben Hitze – tödlich. Ende April in den Boden gesetzt, müssen sie gegen Ende des Herbstes zurück ins Haus.

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Autor:
Friedolin Wagner
Fotograf:
Angela Franke