Bündelweise Blumen Hamburgs Blumengroßmarkt

Frisch können Anemone, Freesie und Rose nur sein, wenn sie den kürzesten Weg aus der Gärtnerei zum Floristen nehmen und statt in Übersee in der Region gewachsen sind. Heute geschnitten, morgen früh verkauft, so kommen die Stiele auf dem Hamburger Blumengroßmarkt zum Floristen.
Hamburger Blumengroßmarkt

Im Winter sind Freesien weiß. Auf Hunderten von glasüberdachten Quadratmetern zieht Familie Stieleke die bubikragenbrave Frühlingsblume vor. Verglichen mit Rosen ein Nischenprodukt der Gärtner, aber ein typisch norddeutsches und darum wichtig. Klar, die Tage sind dunkel, wo soll da Farbe herkommen, denkt man. Die Sache ist einfacher. „Die weiße Sorte macht’s im Herbst am besten“, sagt Mutter Stieleke. Und: Weiß lässt sich färben. Rosa, kupfer, violett, so erscheinen sie auf Hamburgs Blumengroßmarkt, dem größten, dem schönsten und traditionsreichsten in Deutschland.

Mutter Stieleke und Sohn Frank gehören zu rund 130 Gärtnern, die hier ihre Blumen verkaufen. Die meisten bebauen ihr Land in den Vier- und Marschlanden südöstlich von Hamburg, da, wo das bekannte Restaurant Zollenspieker Fährhaus Touristen anzieht. Der ganze Landstrich ist eine Attraktion. Hinter den Haupt- und Nebendeichen stehen zwischen Katen, Strohdachgebäuden und schnuckeligen Gärten Bauernhäuser, die größer als hanseatische Villen sind, mit Schmuckgiebeln, vorgebauten Säulen und Portalen – Beweise für eine lohnende Gärtnervergangenheit. Das waren Imperien, erinnern sich Familien, die hier seit Generationen wirtschaften. Viele haben in ihrer Lehrzeit noch die Stände in der alten Hamburger Markthalle am Hauptbahnhof erlebt (heute teilweise Kunstverein) und später in der südlichen Deichtorhalle (nun Ausstellungsort für Fotographie), wo sich die Blumen meterhoch stapelten. 1984 zog der Blumengroßmarkt schließlich in den extra errichteten Anbau, der sich an die Großmarkhalle von Bernhard Hermkes (1903 bis 1995) schmiegt, eine der schönsten Hamburger Bauikonen. Wer mit dem Zug von Süden in die Stadt einfährt, sieht sie. Kurz hinter dem  Hauptbahnhof tauchen drei große aus Beton gebaute Wellen auf, die die Halle ergeben: Wellen, Dünen, Rochen, alle Assoziationen führen zum Wasser, der Elbe und der nahen See. Möwen segeln über das Gelände. Blumengefüllte Regalwagen klappern über den Asphalt. Im Winter ist der Himmel morgens um 9 Uhr noch bleigrau, wenn das Geschäft in den Markthallen vorüber ist.

Es beginnt um 3 Uhr, wenn letzte Nachteulen ins Bett gehen. Zugelassen sind Produzenten, Händler und Wiederverkäufer. Nicht alle kommen gleichzeitig. Familie Stieleke hat sich auf 3 Uhr eingependelt. Gegen 9 Uhr, so erzählt Mutter Stieleke, ist sie wieder zu Hause, geht in die Binderei, sortiert Freesien für den nächsten Tag, sieht zu, dass sie gegen 12 Uhr fertig ist und schlafen kann. Nachmittags werden Bestellungen für den nächsten Tag kontrolliert und Ware gepackt. Um 21 Uhr ist sie im Bett. Fünf Stunden Schlaf, dann geht es wieder los, sechs Tage in der Woche. Alle, die auf dem Großmarkt arbeiten, leben in dieser umgekehrten Welt.

Eine Stunde früher als sie, schon gegen 1 Uhr, bereiten Sascha Timmann und seine Mutter sich im Markt auf erste Käufer vor, meist Großhändler, die wieder zurück nach Bremen oder Kiel wollen oder als Binnenhändler auf dem Markt verkaufen, „an die Floristen, die nur eine Anlaufadresse haben wollen“. Seit fünf Generationen baut die Familie Rosen für den Schnitt an. Keiner der ganz großen Betriebe, die gibt es in den Vier- und Marschlanden nicht mehr, aber einer von den mittleren mit einem Hektar Hochglas, 40 Häusern, drei- bis zehntausend Stielen am Tag. „Vadder, Mudder, Sohn, zwei Mitarbeiter“ bewältigen das – und das „Kerlchen“ genannte Blockheizkraftwerk, 1000 Liter Heizöl am Tag, 30000 im Monat. Wie andere von ihrer Lieblingskatze hat Sascha Timmann ein Bild vom Kraftwerk auf seinem Handy und zeigt es, wie auch das von ‘Himbeere’, einer Rose aus eigener Zucht, die er neben seinem Feuerzeug fotografiert hat. Denn ihre Blüte ist noch größer und „das suchen Floristen; dann brauchen sie pro Strauß nur drei bis vier Stiele“.

Rosen sind die ganz große Nummer auf dem Blumengroßmarkt, „das, was jeder auf seinem Karren hat“. Für die Gärtner aus Vier- und Marschlanden waren sie ein sicheres Geschäft bis in die Mitte der 90er-Jahre, „seither geht es stetig bergab“. Schuld sind die Importe. Die Konkurrenz aus Afrika, Süd- und Mittelamerika hat viel verändert – in den Vier- und Marschlanden, wo inzwischen viele zerborstene Glashäuser zu sehen sind, und auf dem Markt. Da sind die Stände größer geworden. Von 180 Produzenten im Jahr 2008 waren es 2012 noch 150, nun sind es 130. Das Fieber, das früher herrschte und von dem alte Floristen noch berichten, der Stolz auf die eigene Ware ist ökonomischer Nüchternheit gewichen. Das Angebot wird schmaler. Wicken und Cyclamen sind weitgehend verschwunden, Schwertlilien werden überhaupt nicht mehr angeboten. Und Nelken macht hier oben in Norddeutschland nur noch Rainer Henningsen.

Nur noch ein Bündel in einer irre schönen Hautfarbe mit feinen roten Markierungen liegt morgens um sechs Uhr auf seinem Stahltisch. Ein paar bunt gemischte stehen in Einheitskübeln daneben. Stahltisch und Stahlregale sind Teil eines containerartigen Raums, der nach Marktschluss rundherum geschlossen werden kann. 37,50 Euro pro Quadratmeter und Monat kostet das – inklusive Heizung, Licht und Kundenparkplätze. Die Kühlung gäbe es extra. Manche haben an ihrem Stand rund um das Bestellbuch Nippes dekoriert, Bonbonschachteln für Kunden, Kaffeemaschinen, Erinnerungsfotos. Bei Henningsen aber herrscht die für landwirtschaftliche Werkstätten, Küchen, Binderäume typische Kargheit. Da steht nix rum, was die Arbeit behindern könnte. Und „Nelken machen viel Arbeit“. Nach jeder Saison dämpft er den Boden. Damit
begegnet er dem Pilz, der vor Jahrzehnten die Nelkenkulturen der Hamburger Marktbeschicker befallen hat. Nelken waren hinter der Rose die Nummer zwei auf der Popularitätsskala. Sie fielen weit zurück. „Jetzt kommen zwar die Jungen wieder und wollen welche, aber die nehmen nur wenige.“ Dieses Jahr hat Henningsen noch 35 000 Stiele geerntet, für das nächste plant er nur 25 000. Er nimmt Hortensien dazu, will „den Anschluss nicht verpassen“. Man sieht sie schon hier und da und dort in verschiedenen Sorten, neben den properen runden die filigraneren Rispenhortensien. Schwer sich vorzustellen, wie dieser geliebte Gartenstrauch unter Hochglas in bodenloser Kultur gehalten wird, Topf für Topf gewässert und ernährt mithilfe dünner weißer Schläuche.

Die Vorliebe fürs Strauchige kommt aus der Ecke der naturnahen Gärtnerei mit den wilden Sträußen, in denen Dauergrün wie Salal, Eukalyptus oder Lederfarn verpönt ist und die stattdessen bieten, was sich in Wald und Wiese finden lässt. Heidi Giese hat sich fast ganz auf diesen Trend eingerichtet. Ihr üppiger Stand unterscheidet sich von den meisten ihrer Kollegen, als ob sie die Phantasie der Floristen anregen will. Sie bringt schon seit 15 Jahren Hortensienstängel auf den Blumengroßmarkt, dazu Gräser, Schneebeeren, Hagebutten, hat sechs Jahre mit Hopfen experimentiert, „ihn dann wieder untergefräst“. Auch Brombeeren baut sie für den Schnitt auf 1800 Quadratmetern an. Sie ist so wenig typisch, dass Leute, die an ihrem Betrieb vorbeikommen, sie „Obstbauer“ nennen. Einen charakteristischen Vierländer Marktbeschicker-Betrieb führen Claus Heitmann und sein Sohn Nils. Zwar noch nicht mit einer Geschichte von sieben Generationen, aber mit dreien, in denen sie es auf eine stattliche Flotte von Gewächshäusern gebracht haben. Den Anfang machte die Oma mit Gemüse und Chrysanthemen im Nebenerwerb, während der Opa noch als Tischler arbeitete. Land wurde geerbt, der Sohn des Tischlers lernte Gärtner, lieferte Rettiche, Radieschen und Chrysanthemen nach Hamburg. In den 60ern kamen Nelken dazu, in den 80ern Gerbera. Zum ersten Mal setzte der Betrieb zu hundert Prozent auf eine Kultur, „eine Zeitlang das Geschäft.“ Als Sohn Nils in den Betrieb eintritt, ist Schluss mit Gerbera und erneut wird ein gemischtes Sortiment mit Frühlingsblühern wie Narzissen und Bellis und wieder Chrysanthemen aufgebaut.

Wichtig: Diese Blumen halten der Konkurrenz aus Übersee stand. Chrysanthemen sind zu groß für einen ökonomischen Transport. Als Kurztagspflanzen brauchen sie außerdem die dunklen Tage, eine norddeutsche Qualität. Wie der Schatten, den die Hortensien mögen; die Kälte, die Freesien, Helleborus und Maiblumen wollen – und Tulpen. Wenn im November die Halle des Blumengroßmarkts eine Zeit lang leerer erscheint als sonst, dann wegen ihnen. Die Gärtner haben keine Zeit. Sie sind damit beschäftigt, Zwiebeln zu setzen: Tulpen, die im Vorfrühling Partie für Partie zur Blüte angetrieben werden.

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Autor:
Elke von Radziewsky
Fotograf:
Kai-Uwe Gundlach