Everybody´s Darling Dahlien - Exotische Schönheiten

Weg mit dem Kraut auf den Kartoffelacker, hieß es unter Gärtnern bis vor einigen Jahren. Verwegene Kreuzungen haben aus den Dahlien nun exotische Schönheiten gemacht.

Zärtlich geht der Lüneburger Züchter Michael Otto mit den Dahlien nicht um. Er zwackt ihnen Seitentriebe ab, knapst Knospen weg, zwingt sie wie Kadetten, zackig und aufrecht in Reih und Glied zu stehen. Täglich mustert er die Truppe und markiert fragwürdige Kandidaten. Dreimal schwarzer Draht bedeutet: auf den Kompost mit dem Versager. „Gut für die anderen, die bekommen mehr Platz und Licht“, sagt der emeritierte Professor für Elektrotechnik. 2000 Dahlien in fünf Beeten auf 500 Quadratmetern, das braucht Disziplin.

Ziel von Zucht und Ordnung sind nicht extravagante Kaktus-Dahlien mit nadelspitzen Blütentüten, keine Pompon-, Hirschgeweih- oder Halskrausen-Dahlien, sondern die schlichtesten von allen. Der 72 Jahre alte Michael Otto widmet sich seit 60 Jahren den Einfach blühenden Dahlien. „Acht Blütenblätter, das ist klassisch“, sagt der Professor. Doch die Blüte allein macht keine Schönheit. Ihre Aufhängung muss stimmen: „35 Grad, dann guckt sie den Betrachter an.“ Die Petalen sollen einen „feinen Goldglanz“ tragen und im Gegenlicht transparent schimmern. Der Stiel muss schnittfest sein und das Laub nicht plump wie Kartoffelkraut, sondern fein gezackt.

Dieser Schliff fehlte den ersten, in Mexiko entdeckten Dahlien. Mit den goldfarbenen Tagetes, den riesenblütigen Sonnenblumen und prallroten Liebesfrüchten der Tomaten konnte „Acocotli“, die Blume mit dem hohlen, wassergefüllten Stängel, wie die Azteken sie nannten, nicht wetteifern. Keiner der Pflanzenjäger in den Heeren der spanischen Eroberer machte sich die Mühe, ihre Samen nach Europa zu schicken. Erst Anfang des 19. Jahrhunderts, während Napoleon seine Eroberungsheere durch Europa lenkte, erkämpfte sich die Dahlie ihren Platz in den Ziergärten der Fürsten und gelehrten Pflanzensammler. Noch war sie teuer. Zwei Goldstücke kostete eine Knolle – ein einträgliches Geschäft für Gärtner, die schnell entdeckten, dass Dahlia variabilis leicht „spielt“, wie die Botaniker sagen. Da sie sich gern verändert, mal gefüllt oder andersfarbig blüht, hat sie beste Zuchtvoraussetzungen. 1817 gab es bereits 107 Sorten, von denen sich Fürst Pückler 1820 für seinen Park in Muskau eine „einzig schöne“ Auswahl schicken ließ. Heute wird die Zahl auf 33 000 Sorten geschätzt. Aus dem Aschenputtel ist eine Miss World geworden. Gut gemästet wird sie drei Meter hoch, bekommt Stiele wie Spazierstöcke und Blüten wie Salatköpfe.

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Autor:
Elke von Radziewsky
Fotograf:
Stephan Abry